Kommentar zum KI-Standort Deutschland Kaufen statt laufen

Eine stockende Wirtschaft und bei künstlicher Intelligenz komplett den Anschluss verloren? Sind auch die fetten Jahre der deutschen Automatisierungstechnik vorbei? Das sehe ich, ehrlich gesagt, nicht so.

Die durchaus beeindruckenden Summen, die andere Länder in KI investieren, verteilen sich dort auf eine breite Spanne unterschiedlicher Anwendungen. Wenn das US-Verteidigungsministerium 6,7 Mrd. US-Dollar für KI-Forschung bereitstellt, wird dieses Geld sicherlich nicht zur Entwicklung von Deep-Learning-Algorithmen zur vorausschauenden Wartung von Produktionsanlagen genutzt. Und die satten F&E-Budgets der großen Tech-Unternehmen Alphabet, Amazon, Apple & Co. sind vermutlich nicht für eine KI-basierte Problemlösung in der Fertigungshalle gedacht. Deren KI-Forschungen sollen eher die Kaufvorschläge im Online-Shop, die Navigationssysteme und die Spracherkennung von digitalen Assistenten verbessern. Und da KI-Anwendungen sehr spezialisiert sind – um nicht zu sagen »strohdumm« – lassen sie sich auch nicht ohne weiteres auf beliebige Anwendungsfelder übertragen.

Automatisierung stärkt weitere Märkte

In der industriellen Automatisierung ist Deutschland nach wie vor stark, auch was Zukunftsthemen angeht. Und das wirkt sich positiv auf andere Industriezweige aus. Zum Beispiel die Sensorik und Messtechnik. Der Markt wuchs 2018 um zehn Prozent und auch für 2019 erwarten die Unternehmen gute Geschäfte. Sie profitieren von großen Trends wie Industrie 4.0 und wohl bald auch von der künstlichen Intelligenz. Denn eine digitale Fertigung benötigt Sensordaten und die müssen aufwendig aufbereitet und ausgewertet werden – am besten mit KI-Algorithmen und gleich im Sensor selbst. Solche smarten Sensorsysteme, bei denen aktuell der Fokus mehr auf der Datenauswertung direkt im Sensor als auf KI liegt, werden immer häufiger nachgefragt. Davon kann man sich auf der Sensor+Test in Nürnberg selbst ein Bild machen.

Während die künstliche Intelligenz in den Vorreiterländern China und USA in die smarten Citys und Armeen von morgen fließen, wandert sie in Deutschland also in den Sensor und in die Fertigungshalle. Und wir können ihr gewissermaßen dabei zuschauen. Auf der KI-Landkarte der »Plattform lernende Systeme« sind allein für die vorausschauende Analyse und intelligente Sensorik in Bayern und Baden-Württemberg knapp neunzig laufende KI-Projekte gelistet.

Das Problem ist nicht das Geld

Mehr Schmerzen als der Konkurrenzkampf um KI-Forschung dürften Vorgänge verursachen, wie die Übernahme von Kuka durch Midea. Und das nicht nur, weil diese mit Recht als Ausverkauf deutscher Spitzentechnologie bezeichnet wurde. Mittlerweile sind im Zuge eines Sparprogramms auch die ausgehandelten Arbeitsplatzgarantien umschifft, um 350 Stellen am Stammsitz in Augsburg zu streichen.

Jenseits des Stellenabbaus darf man aber auch die Frage stellen, warum Industrie und Politik ein aufwendiges F&E-Wettrennen finanzieren, wenn nach getaner Arbeit Wissen und Wissensträger vom Wettbewerber einfach weggekauft werden können.