Erster autonomer Traktor

Traktorsteuern mit einem Wisch auf dem Smartphone

22. Februar 2022, 9:30 Uhr | Engelbert Hopf
Autonomous_Tractor
Sechs Stereokamerapaare ermöglichen eine 360-Grad-Hinderniserkennung. Ein neuronales Netz analysiert innerhalb von 100 Millisekunden jeden Bildpixel und sorgt dafür, dass der autonome Traktor Hindernisse sofort erkennen und jederzeit automatisch stoppen kann.
© John Deere

John Deere nutzte die CES in Las Vegas, um zum Jahresbeginn 2022 den wohl ersten serienreifen vollautonomen Traktor vorzustellen. Ausgeliefert werden erste Modelle noch in diesem Jahr in Nordamerika.

Eine Markteinführung in Europa steht vorerst nicht an, da sicherheitstechnische Vorgaben den Einsatz autonomer Fahrzeug hier noch nicht zulassen.

Spätestens seit die Automobilbranche begonnen hatte, die Consumer Electronics Show in Las Vegas zu kapern, musste der Begriff Consumer Electronics wohl etwas weiter ausgelegt werden. In diesem Jahr nun hat John Deere das Ganze auf die Spitze getrieben und diese ursprüngliche Leistungs-Show der Unterhaltungselektronik-Industrie zur Vorstellung des wohl weltweit ersten serienreifen vollautonomen Traktors genutzt. John Deere hat ihn mit einer speziellen Tiefenführung, GPS-Leitsystem und einer Reihe weiterer moderner Technologien ausgestattet.

Auch wenn der 8R 410 rein äußerlich einem herkömmlichen Traktor der Baureihe sehr ähnlich sieht, ist er doch mit einer Reihe spezieller Features zur Steuerung und Überwachung des Schleppers und angebauten Grubbers ausgestattet. So verfügt er über sechs Stereokamerapaare, die eine 360-Grad-Hinderniserkennung und die Berechnung der jeweiligen Entfernung ermöglichen. Die von den Kameras aufgenommenen Bilder werden durch ein neuronales Netz geleitet, das jedes Bild in etwa 100 Millisekunden klassifiziert und so Hindernisse erkennt, um die Maschine bei Bedarf jederzeit automatisch stoppen zu können.

Zudem überprüft der autonome Traktor kontinuierlich seine jeweilige Position in Relation zu den Feldgrenzen seines aktuellen Einsatzortes. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass er auch wirklich auf dem richtigen, nämlich seinem entsprechenden Feld arbeitet. Natürlich erlaubt diese ständige zentimetergenaue Abstandsberechnung auch eine präzise Spurführung des Traktors auf dem zu bearbeitenden Feld.

Um den autonomen Traktor nutzen zu können, muss ihn der Landwirt lediglich aufs Feld fahren und ihn dort für den autonomen Betrieb konfigurieren. Gesteuert wird der Traktor über John Deere Operations Center Mobile. Damit genügt ein Wisch auf dem Smartphone oder iPad, um die Maschine zu starten. Während der Traktor dann arbeitet, kann der Landwirt einfach das Feld verlassen und sich auf andere notwendige Aufgaben konzentrieren. Die Überwachung des Maschinenzustands erfolgt derweil aus der Ferne.

Tractors 6R Series
Die Kombination hochmoderner Feldspritzen mit einer leistungsstarken und ergänzenden digitalen Landwirtschaftsplattform in Form des xarvio Field Manager ermöglicht Landwirten die Reduzierung der Betriebsmittelkosten bei gleichzeitiger Verbesserung der Ernteerträge.
© John Deere

Gleichzeitig bietet das John Deere Operations Center Mobile Zugriff auf Live-Videos, Bilder, Daten und Einstellungen. Geschwindigkeit, Arbeitstiefen und andere Parameter lassen sich vom Bediener jederzeit anpassen. Sollte sich die Arbeitsqualität verschlechtern oder eine Störung auftreten, wird der Landwirt aus der Ferne darüber informiert und kann sofort Anpassungen vornehmen, um die Leistung des Traktors wieder zu optimieren.

Aktuell ist die neue Technologie für den 8R 410 in Kombination mit einem speziellen John Deere Grubber verfügbar. Nach Ankündigung des Unternehmens wird noch in diesem Jahr eine begrenzte Zahl der autonomen Traktoren an Kunden in Nordamerika ausgeliefert. Eine Markteinführung in Europa ist dagegen aktuell nicht vorgesehen. Der Grund: Aktuell lassen sicherheitstechnische Vorgaben den Einsatz von autonomen Fahrzeugen noch nicht zu.

Großes Interesse an einem autonom arbeitenden Traktor gibt es naturgemäß in Regionen mit großflächiger Landwirtschaft, wie etwa in Nord- und Südamerika, Australien oder den GUS-Staaten. Auch der Mangel an Arbeitskräften in der Landwirtschaft ist ein weiterer Treiber für die Entwicklung autonomer Landmaschinen. Vor allem bei kurzen Einsatzfenstern können die Traktoren mit kurzen Tankstopps rund um die Uhr laufen und so die Landwirte deutlich entlasten.

John Deere unterstützt den Übergang zu einer digital gesteuerten Landwirtschaft, die das Ziel hat, durch optimierte Pflanzenproduktion über die gesamte Anbausaison hinweg noch nachhaltiger zu wirtschaften, auch durch die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen. So gab das Unternehmen im Dezember letzten Jahres eine Zusammenarbeit mit BASF Digital Farming bekannt. Im Rahmen dieser Partnerschaft erhalten Käufer einer neuen John-Deere-Pflanzenschutz-Spritze für die Saison 2022 kostenfrei eine Jahreslizenz für den xarvio Field Manager Premium von BASF Digital Farming. So können Kunden von John Deere dieses Tool nutzen, um feldspezifische Karten mit variabler Ausbringungsrate für Saatgut, Düngemittel, Pflanzenschutzmittel und Wachstumsregler zu erstellen.

Die digitalen Karten basieren auf satellitengestützten Biomassebildern und historischen Daten aus 25 Jahren agronomischer Modellierung und sind darüber hinaus mit dem John Deere Operations Center und dem Display von John Deere kompatibel. So empfängt das Gen4-Display in der Fahrerkabine die Karten von xarvio und gibt der Isobus-Spritze die feldspezifischen Ausbringmenge auf Grundlage der aktuellen Position auf dem Feld vor. Während der Ausbringung erstellt das Gen4-Display darüber hinaus noch hochauflösende Applikationskarten und sendet diese an die Einsatzzentrale für weitere agronomische Analysen und Berichte.

Durch die kombinierte Nutzung der Applikationstechnik von John Deere und den Empfehlungen des xarvio Field Manager können Landwirte mit spürbaren Ertragssteigerungen und Kosteneinsparungen rechnen. So haben Feldversuche mit Winterweizen in Europa von 2019 bis 2021 gezeigt, dass Landwirte, die VRA-Karten des xarvio Field Manager für die Ausbringung von Fungiziden und Wachstumsreglern verwenden, mit durchschnittlichen Einsparungen von 15 Prozent bei der Aufwandmenge und einer Umsatzsteigerung von 27 Euro pro Hektar rechnen können.

»Wir sind von den Vorteilen überzeugt, die der xarvio Field Manager Landwirten bietet«, versichert Christoph Wigger, Direktor Ackerbau Produktionssystem bei John Deere, »insbesondere von seiner bewährten Fähigkeit, präzise agronomische Empfehlungen zu liefern, die Betriebsmittelkosten zu senken und die Ernteerträge zu verbessern«. Und weiter: »Für unsere Kunden bedeutet das, dass sie durch diese Zusammenarbeit den zusätzlichen Vorteil erhalten, unsere hochmodernen Feldspritzen und die Precision-Ag-Technologien mit einer leistungsstarken und ergänzenden digitalen Landwirtschaftsplattform zu kombinieren.«


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