Kommentar Tesla – Wertvoller als BMW und VW zusammen?

Das Tesla-Werk in Fremont / Kalifornien.
Das Tesla-Werk in Fremont / Kalifornien.

Ist Ihnen auch schon mal der Elektroautohersteller Tesla als leuchtendes Beispiel für unternehmerischen Erfolg in disruptiven Zeiten vorgehalten worden? Wenn ja, dann sollten Sie ein wenig genauer hinschauen.

Im Februar 2020 kletterte die Marktkapitalisierung des Elektroautobauers Tesla auf umgerechnet 133 Mrd. Euro (Quelle: www.finanzen.net, 18.02.2020). Volkswagen hingegen als größter Automobilhersteller bringt es gerade mal auf 87 Mrd. Euro. Nimmt man noch BMW mit 43 Mrd. Euro hinzu, dann ist Tesla an der Börse mehr wert als VW und BMW zusammen. Wie kann das sein?
Diese Entwicklung hat Simon Hage vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel in der Ausgabe 7/2020 zum Anlass genommen, den kalifornischen Elektroauto-Pionier zu durchleuchten. »Weit mehr als nur Hype« konstatiert der Wirtschaftsjournalist der Hamburger Publikation:
Lange Zeit sei der Neuling aus Kalifornien als Hersteller überteuerter Ökoautos belächelt worden. Firmenchef Elon Musk galt vielen als Großkotz, der allen Ernstes geglaubt habe, es mit der deutschen Automobilindustrie aufnehmen zu können. Innerhalb weniger Jahre eine funktionierende Massenproduktion aufzubauen sei schlicht unmöglich, habe es aus den Konzernzentralen geheißen. Teslas zeitweise massive Produktionsprobleme hätten die Skeptiker bestätigt. Hages Sicht greift hier zu kurz, denn mittlerweile sind viele Tier-1-Hersteller, wie Bosch, Conti oder ZF so weit in der automobilen Wertschöpfungskette der OEMs nach oben vorgedrungen, dass sie eigentlich eigene Autos bauen könnten. Und warum sollten die Tier-1-Hersteller, die von ihren OEMs oftmals nicht gerade zimperlich angefasst werden, nicht einem neuen Spieler am Markt zum Durchbruch verhelfen? Die technische Eintrittsschwelle in den Markt ist gesunken.

Hage sieht mittlerweile die Lage fast ins Gegenteil verkehrt. Tesla stelle in seinen Fabriken pro Quartal rund 100.000 Elektroautos her, mehr als jeder andere Hersteller. 368.000 Elektrofahrzeuge lieferte Tesla im letzten Jahr aus. Auf den Plätzen zwei bis vier folgen BYD mit 219.000, BMW mit 146.000 und VW mit 141.000 (Plug-In-Hybride eingeschlossen). Bei Elektroautos ist Tesla bislang ungeschlagener Champion. Das dürfte sich auch so schnell nicht ändern, denn Tesla beherrscht viele Schlüsseltechnologien selbst. Die Kalifornier haben riesige Summen in die eigene Fertigung von Batteriezellen investiert und im April letzten Jahres sogar einen eigenen KI-Prozessor für ihre Fahrerassistenz- und Infotainmentsysteme entwickelt. Teslas »Autopilot« ist das wohl höchstentwickelte Fahrerassistenzsystem im Markt, ein Autopilot im Sinne des Wortes ist es aber nicht, dann schon eher ein Etikettenschwindel.
Sieht man sich den weltweiten Markt für Autos an, dann spielt Tesla nur eine verschwindend geringe Rolle. Im Jahr 2018 (aktuellste Zahlen) wurden laut VDA rund 83,6 Mio. Pkw produziert. VW setzte allein 2019 10,97 Mio. Autos ab, BMW 2,52 Mio. Beide Unternehmen erwirtschafteten Jahr für Jahr Milliardengewinne. Und Tesla? Das 2003 gegründete Unternehmen schrieb seit seiner Gründung ununterbrochen rote Zahlen und erreichte erst im Q3/2019 die Gewinnschwelle.
Hage schätzt, dass es den etablierten Autoherstellern schwerfallen dürfte, Tesla vom Markt zu fegen. Sollte dem US-Hersteller nicht vorzeitig das Geld ausgehen, werde er die globale Produktion massiv ausweiten. Und hohe Stückzahlen erhöhten die Chancen, dass sich die Milliardeninvestitionen rechnen.
Sollte Ihnen also jemand Tesla als Vorbild für Ihr Unternehmen präsentieren, dann sollten Sie zuerst diese drei Punkte prüfen:
1)    Hat Ihr Unternehmen einen charismatischen Chef, der auch sein eigenes Kapital einsetzt?
2)    Ist Ihr Unternehmen so risikofreudig, massiv in neue Technologien zu investieren?
3)    Kann es sich Ihr Unternehmen leisten und hat es die Ausdauer, auch mal eine Dekade lang rote Zahlen zu schreiben?
Wenn Sie diese Punkte nicht bejahen können, dann sollten Sie sich ein neues Vorbild suchen.