Entspannung im Handelskonflikt Kein Grund zur Entwarnung

Neuwagen der US-amerikanische Automarke Jeep (M), die zum Konzern Fiat Chrysler Automobiles gehört, sind auf einem Parkplatz in der Nansha-Handelszone am Hafen geparkt. Im Vordergrund (r) stehen zwei Neufahrzeuge von Daimler.
Neuwagen der US-amerikanische Automarke Jeep (M), die zum Konzern Fiat Chrysler Automobiles gehört, sind auf einem Parkplatz in der Nansha-Handelszone am Hafen geparkt. Im Vordergrund (r) stehen zwei Neufahrzeuge von Daimler.

Die USA und China gehen im Handelskrieg einen Schritt aufeinander zu. Die EU schließt mit südamerikanischen Staaten ein Freihandelsabkommen ab. Kann die deutsche Exportwirtschaft wieder auf bessere Zeiten hoffen?

Erleichterung, aber keine Euphorie: Eine Eskalation des Handelskrieges zwischen den USA und China ist vorläufig vom Tisch. Wie lange der Burgfrieden hält, ist allerdings ungewiss. Für deutsche und europäische Unternehmen tut sich in einer anderen Region der Welt zwar ein neuer riesiger Markt auf. Doch die ökonomische Bedeutung des Freihandelsabkommens zwischen der EU und den südamerikanischen Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay ist umstritten.

Im Mittelpunkt stehen weiterhin die vor allem von US-Präsident Donald Trump angeheizten internationalen Handelskonflikte, insbesondere der Streit zwischen China und den USA. Die beiden größten Volkswirtschaften der Welt hatten am Wochenende am Rande des Gipfels der großen Industrieländer (G20) in Osaka in Japan einen »Waffenstillstand« und neue Verhandlungen zur Beilegung ihres Handelskriegs vereinbart. Die bestehenden Zölle bleiben aber weiter in Kraft. Ökonomen sehen daher keinen Grund zur Entwarnung.

«US-Präsident Trump wird in den verbleibenden 18 Monaten seiner Amtszeit global weiter wirtschaftliche Konflikte anzetteln», befürchtet der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher. Schon jetzt hinterlassen die ständigen Störfeuer aus Washington Bremsspuren. Das bekommt die exportorientierte deutsche Wirtschaft zu spüren, die jahrelang von der Globalisierung und Freihandel profitierte.

Aus Sicht von Ökonomen ist vor allem die von Trump durch ständige Drohungen mit Zöllen geschaffene Unsicherheit ein Problem. »Dieser Schaden ist schwerer zu fassen, aber wahrscheinlich deutlich größer als der, der tatsächlich durch Zölle verursacht wird«, argumentiert der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW/Kiel) Gabriel Felbermayr. »Verunsicherte Unternehmen halten sich mit Investitionen zurück, Verbraucher verschieben möglicherweise Anschaffungen.«

Die Sorge internationaler Organisationen um den Zustand der globalen Konjunktur ist in den vergangenen Monaten beständig gewachsen. Zuletzt korrigierte die Weltbank unter dem Eindruck der Handelskriege ihre Prognose für das weltweite Wachstum für dieses Jahr nach unten.

Der Welthandel, der im vergangenen Jahr um 4,1 Prozent zulegte, wird nach jüngsten Prognosen der Organisation 2019 nur noch um 2,6 Prozent wachsen. Das wäre der schwächste Anstieg seit der Finanzkrise. »Die Weltwirtschaft ist an einer Wegscheide«, warnte Weltbank-Präsident David Malpass jüngst. Die Wirtschaftsleistung in China und den USA mache ein Drittel der Weltwirtschaft aus.

Die beiden größten Volkswirtschaften der Welt zählen zu den wichtigsten Einzelmärkten für Waren »Made in Germany«. Allein im vergangenen Jahr gingen deutsche Produkte im Wert von 113,5 Milliarden Euro in die Vereinigten Staaten, auf Rang drei folgte China mit 93,1 Milliarden Euro.

Die Folgen des Dauerkonflikts sind bereits spürbar. Vor allem exportorientierte deutsche Branchen leiden. »Beim Auslandsgeschäft sind die Erwartungen so niedrig wie seit zehn Jahren nicht mehr«, sagte jüngst der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Erik Schweitzer.

Bitter ist der Streit unter anderem für Deutschlands Autoindustrie. In China, früher ein Wachstumsgarant, herrscht seit Monaten Tristesse. Die Autokäufer reagierten zuletzt höchst sensibel auf die Zollstreitigkeiten zwischen den USA und Peking, außerdem wächst die Wirtschaft im Reich der Mitte nicht mehr so rasant wie früher. Auch andere Branchen wie Maschinenbau und Pharma- und Chemieindustrie bekommen die Folgen des Konfliktes und Abkühlung der Weltwirtschaft zu spüren.

Ifo-Chef Clemens Fuest sieht trotz der Einigung von Osaka auch keinen Grund für Euphorie: »Wenn es richtig ist, dass es bei diesem Handelskonflikt nicht nur um Wirtschaft, sondern um geopolitische Rivalität geht, wird der Konflikt weitergehen.«

Nach wie vor schwebt zudem das Damoklesschwert von Sonderzöllen auf Auto-Einfuhren aus Europa in die USA über der Branche. Das Weiße Haus hatte Mitte Mai die Entscheidung darüber für ein halbes Jahr aufgeschoben. Die deutschen Hersteller wären davon besonders hart betroffen. Sie haben einen großen Anteil an den EU-Exporten in die USA.

Zwar verspricht sich die deutsche Wirtschaft einiges von dem am Freitagabend abgeschlossenen Freihandelsabkommen der EU und dem Staatenbund Mercosur. Nach Einschätzung von Ökonomen bringt das Abkommen kurzfristig jedoch keinen neuen Schwung für den Welthandel. Ifo-Chef Fuest erwartet vor allem langfristige Wachstumspotenziale durch die Vereinbarung mit dem Staatenbund, der mit einer Bevölkerung von mehr als 260 Millionen Menschen einer der großen Wirtschaftsräume der Welt ist. DIW-Chef Fratzscher sieht in erster Linie »einen moralischen Erfolg für die EU, die der Welt zeigen kann, dass sie für offene Märkte und gegen Protektionismus steht.«