Automobilwirtschaft Der Autogipfel und die digitale Zukunft der Branche

Die Beraterfirma PwC Strategy& hält Fahrverbote für Verbrenner innerhalb der nächsten fünf Jahre für wahrscheinlich, zumindest in Ballungszentren.
Die Beraterfirma PwC Strategy& hält Fahrverbote für Verbrenner innerhalb der nächsten fünf Jahre für wahrscheinlich, zumindest in Ballungszentren.

Corona und die Transformation waren der Fokus auf dem »Autogipfel«. Weitere direkte Förderungen sind vom Tisch, dafür soll die Innovationskraft der Zuliefer gestärkt werden. Die Autobranche wächst nicht mehr, digitaler Wandel und autonomes Fahren sollen helfen. Und: Kommt ein Verbrenner-Verbot?

Schnelleres Internet im Auto, eine deutsche Vorreiterrolle beim autonomen Fahren und kundenfreundlicheres Laden von E-Fahrzeugen - das sind die Kernziele, die der jüngste »Autogipfel« für die angeschlagene Branche formuliert hat. Konkrete Beschlüsse gab es bei den Beratungen am Dienstagabend kaum, es wurden Prüfaufträge formuliert und etliche Fragen auf die nächsten Gespräche im November geschoben.

Klar ist nun aber: Weitere direkte Absatzhilfen in Form von Kaufzuschüssen auch für neue Verbrennerautos dürfte es nicht geben. Stattdessen setzen Politik und Branche auf indirekte Unterstützung und Maßnahmen, die den schwierigen Wandel in der deutschen Schlüsselindustrie voranbringen sollen.

Die Wachstumslokomotive steht

Zahlreiche Anbieter - insbesondere Zulieferer - sind aufgrund des Nachfrageeinbruchs in der Pandemie unter enormen Kostendruck geraten. Auch eigene Investitionsbudgets wurden gekappt. Hier hat der Autogipfel jetzt auch konkret eingegriffen, Hilfe steht in Aussicht. Mit Blick auf die akuten Verkaufseinbrüche, die besonders Zulieferer unter Druck bringen, soll eine Arbeitsgruppe untersuchen, ob und wie ein »marktwirtschaftliches Konzept« entwickelt werden könnte. Es geht um eine Stärkung des Eigenkapitals betroffener Firmen. Zum anderen soll laut dem Ergebnispapier geprüft werden, welche weiteren Aspekte bei den im Konjunkturpaket der Bundesregierung vorgesehenen »Zukunftsinvestitionen« in die Branche berücksichtigt werden sollten.

Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) hat passend zu den wirtschaftlichen Turbulenzen der Branche am Montag eine Studie veröffentlicht, wie die Automobilwirtschaft sich im letzten Jahrzehnt und aktuell im Zuge der Corona-Pandemie entwickelt hat. Ihre Schlussfolgerung in deutlichen Worten: »Die Branche war bereits vor der Pandemie mit hohen Überkapazitäten konfrontiert und der technologische Wandel belastete bereits die Geschäftsergebnisse. In der Folge steht die Autoindustrie erstmals nach einem »goldenen« Jahrzehnt wieder vor spürbaren Personalanpassungen und wird als Wachstumslokomotive für den Standort Deutschland zunächst ausfallen.

Digitaler Wandel und autonomes Fahren

Die Videokonferenz von Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundesministern und Vertretern von Autoherstellern sowie Gewerkschaften und Ministerpräsidenten aus »Autoländern« befasste sich passend dazu vor allem mit der Digitalisierung im Verkehr. So soll Deutschland eine »Führungsrolle beim autonomen Fahren« einnehmen. Ein entsprechendes Gesetz wird vorbereitet - Deutschland wolle damit »das erste Land weltweit sein, das fahrerlose Kraftfahrzeuge im Regelbetrieb sowie im gesamten nationalen Geltungsbereich erlaubt«. Bis 2022 sollen Autos mit autonomen Fahrfunktionen im Regelbetrieb unterwegs sein.

Zudem soll ein »Datenraum Mobilität« geschaffen werden. Hier geht es um Infrastrukturen und Kooperationen zum schnellen und sicheren Austausch der riesigen Informationsmengen, die zunehmende Vernetzung und auch das autonome Fahren mit sich bringen. Es laufen bereits Vorbereitungen zwischen europäischen Staaten und der Industrie. Bis zum Jahresende sollen in Deutschland »Vereinbarungen zwischen den Anbietern von Mobilität erreicht werden«. Die Branche wolle dazu »im Rahmen der Vertragsfreiheit« Mobilitätsdaten bereitstellen.

Beim Aufbau eines Ladenetzes für Elektroautos sollen Wirtschafts- und Verkehrsminister »zeitnah« mit der Energiewirtschaft zu einem zweiten Spitzengespräch zusammenkommen. Dabei sollen konkrete Vereinbarungen über ein einheitliches Bezahlsystem und eine kundenfreundliche Nutzung von Ladesäulen erreicht werden. Verbände wie der ADAC beklagen, dass an öffentlichen Ladesäulen bisher sehr unterschiedliche Preismodelle zum Einsatz kommen.

Die Zukunft der Verbrenner

Die Förderung von Fahrzeugen mit Verbennungsmotor ist vom Tisch. Zusätzlich kann es für Autos mit Verbrennungsmotoren kann es in den nächsten Jahren erhebliche Hindernisse geben - das Marktpotenzial alternativer Antriebe dürfte dagegen rasant zulegen. Dies ist das Ergebnis einer Analyse der Beratungsfirma PwC Strategy&, die pünktlich zum gestrigen »Autogipfel« publiziert wurde.

Ein Szenario der Studie beschreibt, dass ein höherer Anteil E-Autos gleichzeitig das Bewusstsein für Abgase, Lärm oder Feinstaub von Verbrenner steigern könnten, insbesondere in Innenstädten. »Diskussionen über ein perspektivisches Fahrverbot von Verbrennern in Innenstädten halten wir in fünf Jahren für möglich bis wahrscheinlich«, sagte PwC Strategy&-Marktexperte Jörn Neuhausen. Ironie der Geschichte: Der größte Fürsprecher von Verbrenner-Boni Markus Söder hatte 2007 im Spiegel ein Verbrenner-Verbot ab 2020 gefordert.

Parallel zum sinkenden Anteil an Benzinern und Diesel-Fahrzeugen dürften sich die Aussichten nicht-fossiler Antriebsvarianten im laufenden Jahrzehnt sprunghaft verbessern. Nur für die deutschen Autobauer könne sich das daraus erzielbare Marktvolumen von heute rund 12 Milliarden auf bis zu 84 Milliarden Euro im Jahr 2030 versiebenfachen, so die Berater. Der größte Anteil (67 Milliarden Euro) werde dabei auf Elektroantriebe auf Batteriezellen-Basis entfallen.

»Das Konjunkturpaket der Bundesregierung mit der zusätzlichen Förderung von Elektroautos und der Ladeinfrastruktur setzt aktuell wichtige Impulse«, sagte der Berater Neuhausen. »Um aber kommende Fahrzeuggenerationen mit alternativem Antrieb früh genug wettbewerbsfähig auf den Markt zu bringen, sind weiterhin Investitionen in Forschung und Entwicklung notwendig.«