Kommentar Autobauer sind innovativer als gedacht

Gerhard Stelzer Chefredakteur
Gerhard Stelzer Chefredakteur

Der Dieselskandal hat das Image der Auto-Industrie ziemlich ramponiert. Zudem wird ihr gerne vorgeworfen, dass sie in vielerlei Hinsicht die Zukunft verschläft. Eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft kommt zum gegenteiligen Schluss.

Rund 40 Prozent aller Patentanmeldungen in Deutschland gehen auf das Konto der Automobilindustrie. Dies hat eine Analyse des unternehmernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) ergeben. Dabei entstehen die meisten Innovationen bei den Autoherstellern und ihren großen Zulieferern. Bei den Patentanmeldungen haben zwar konventionelle Antriebe mit mehr als einem Viertel noch immer einen erheblichen Anteil, doch Batterietechnik, Digitalisierung und Sensorik gewinnen stark an Bedeutung.

Die Elektrifizierung des Antriebsstrangs, hochautomatisiertes Fahren oder der mögliche Wandel vom Autohersteller zu einem Mobilitätsanbieter stellen die Automobilindustrie vor große Herausforderungen. Dabei wird den deutschen Autobauern in der Öffentlichkeit gerne vorgeworfen, diese Trends zu verschlafen. Doch entspricht das der Wahrheit?

Das IW hat sich dazu gängige Innovationsindikatoren angeschaut:

Indikator 1. Rund 30 Prozent aller unternehmerischen Investitionen in Forschung und Entwicklung kommen aus der Kraftfahrzeug-Branche. Kein anderer Wirtschaftszweig kommt auf einen so hohen Anteil. In der Kfz-Branche sind neben den Autobauern auch relevante Entwicklungsdienstleister sowie Hersteller von Motorrädern, Nutzfahrzeugen und Agrarmaschinen zusammengefasst.

Indikator 2. Auf die Umsätze bezogen liegt der Anteil von F&E-Investitionen in der Kfz-Branche bei 10 Prozent. Das ist der dritthöchste Wert aller Branchen.

Indikator 3. Beim Umsatz mit Produktinnovationen liegt die Kfz-Branche wieder an der Spitze. 48 Prozent der Umsätze werden mit Produkten erzielt, die in den letzten drei Jahren auf den Markt kamen.

Man kann der Kfz-Branche daher nicht vorwerfen, sie würde einen zu geringen Innovationsaufwand betreiben. Es stellt sich eher die Frage, ob dabei genügend wegweisende Produktideen entstehen?

Das IW hat deshalb zur Bestimmung der Innovationskraft Patente als Messgröße herangezogen. Von gut 700 der Kfz-Branche zugeordneten Unternehmen, meldeten im Jahr 2015 (aktuellster Datenstand) 228 Patente an. Gleichzeitig ergab die Analyse des IW, dass rund 40 Prozent aller Patente, also 15.195 von insgesamt 38.018 Patenten, auf das Konto der Kfz-Branche gehen. Dabei blieben deutsche Töchter multinationaler Unternehmen, wie Opel, sogar noch unberücksichtigt.

Darüber hinaus hat das IW ermittelt, dass rund 64 Prozent der 15.195 Patentanmeldungen der Kfz-Branche von den Automobilzulieferern stammten. Allein Bosch als Größter, kommt auf fast 22 Prozent aller Kfz-Patente.

Aus Sicht des technischen Fortschritts sollte man einen Blick auf die Forschungsgebiete werfen. Zwar machte 2015 der konventionelle Antriebsstrang noch immer 28,7 Prozent der Patentanmeldungen der Kfz-Branche aus, doch kristallisierten sich damals schon alternative Antriebe als neuer Schwerpunkt heraus. Elektrik/Elektronik/Sensoren kamen immerhin auf 20,2 Prozent und Digitalisierung auf 5,7 Prozent. Seit 2015 dürften sich die Gewichte noch weiter in diese Richtung verschoben haben.

Offensichtlich ist die Automobilbranche in Deutschland bezüglich ihrer Innovationskraft besser als ihr Ruf. Das schließt aber leider betrügerische Manipulationen wie bei der Abgasreinigungs-Software von Dieselmotoren nicht aus. Diese zeugt eher von einem gewissen Einfallsreichtum, aber leider auch von krimineller Energie.

Ihr Gerhard Stelzer