Kommentar Tödliche Software

Gerhard Stelzer ist Chefredakteur der Elektronik.
Gerhard Stelzer ist Chefredakteur der Elektronik.

Zwischen 2007 und 2010 beschleunigten einige Toyotas in den USA auf mysteriöse Weise. Nachdem der Autobauer die ersten Prozesse gewinnnen konnte, hat sich das Blatt nun gewendet, denn als Fehlerursache wurde die Software identifiziert.

Erinnern Sie sich noch an die Toyota-Fahrzeuge, die unbeabsichtigt beschleunigten? Diese Fälle liegen schon Jahre zurück, geschahen zwischen 2007 und 2010 in den USA. Der japanische Autohersteller war damals schnell bei der Hand mit „einleuchtenden Erklärungen“ wie: die Fußmatten seien verrutscht und hätten das Gaspedal blockiert, oder: die Fahrer hätten einfach Brems- und Gaspedal verwechselt. Lange war Toyota mit dieser Strategie erfolgreich und gewann mehrere Prozesse. Nun ist Schluss.

Vor einem Gericht in Oklahoma sah Toyota nach der Beweisaufnahme Ende Oktober keinen anderen Ausweg, als einem Vergleich zuzustimmen. Wie die New York Times am 25.10.2013 online berichtete, erhalten nun die damals verletzte Fahrerin sowie die Hinterbliebenen der Beifahrerin jeweils 1,5 Mio. Dollar Schadenersatz. Was war passiert? Eine Fahrerin im Rentenalter und ihre Beifahrerin fuhren mit einem 2005er Toyota Camry im Jahr 2007 von einem Highway in Oklahoma ab, als der Wagen urplötzlich beschleunigte und gegen eine Böschung prallte. Die Fahrerin verletzte sich und die Beifahrerin starb. Die Geschworenen stellten im Prozess fest, dass Toyota mit „rücksichtsloser Missachtung“ gehandelt hatte und sich das Unternehmen seit der Entwicklung der fehlerhaften elektronischen Drosselklappensteuerung „schändlich verhalten“ habe. Hätte Toyota nicht dem Vergleich zugestimmt, dann wäre es höchstwahrscheinlich zu den in den USA üblichen, teuren „punitive damages“ gekommen.

Die Geschichte der Aufklärung der Unfallursache hätte das Zeug zu einem Gerichts-Thriller. Am 9.2.2011 berichtete Spiegel online noch, dass eine von der US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA in Auftrag gegebene Untersuchung in Zusammenarbeit mit Experten der US-Raumfahrtbehörde NASA zu dem Schluss kam, dass es sich nur um ein Versagen des Fahrers handeln könne und dass die elektronischen Systeme einwandfrei funktioniert hätten. Damit war die Angelegenheit für viele Toyota-Fahrer jedoch nicht erledigt, denn das Image der Autos hatte so gelitten, dass sie drastisch an Wert verloren und sich kaum noch verkaufen ließen. Nein, nicht Verletzte oder Tote spielten in der weiteren Aufklärung eine Rolle, sondern der Wertverlust, der in eine Sammelklage gegen Toyota mündete.

Wie sich nun nach Berichten der EETimes herausstellte, wurde eine Gruppe von Embedded-Experten um Michael Barr damit betraut, dem Problem auf den Grund zu gehen und dort weiter zu machen, wo die NASA aufgehört hatte. Die Expertengruppe entdeckte ungeschützte, kritische Variablen im Code, Tasks, die unbemerkt ihre Dienste einstellen, und fanden Lücken in der Absicherung gegen auftretende Fehler in der elektronischen Drosselklappensteuerung. Schließlich konnten sie beweisen, dass es zu unbeabsichtigten Beschleunigungsvorgängen kommen kann. Mit diesen Ergebnissen kam es schließlich im Dezember 2012 zu einem Vergleich mit Toyota, was den Autoriesen immer-hin 1,6 Mrd. Dollar kostete. Mit Barr als Gutachter im Oklahoma-Prozess kommt nun endlich auch Bewegung in die Fälle mit Toten und Verletzten. Tödliche Software wird Toyota nun teuer zu stehen kommen. Die Anwälte reiben sich schon die Hände.