Continental Standards machen flexibel

Helmut Matschi, Mitglied des Vorstands der Continental AG und Leiter der Continental- Division Interior.
Helmut Matschi, Mitglied des Vorstands der Continental AG und Leiter der Continental- Division Interior.

Die Autogeneration 2012 wird leistungsfähiger sein als jede Fahrzeuggeneration zuvor. Das ist kein Selbstzweck, sondern ergibt sich aus einer einfachen Frage: Für wen ist das Auto? Denn es sind die Anforderungen der Fahrer, an die sich künftige Autos viel stärker anpassen können als bisher.

Um das zu ermöglichen, entwickeln wir die technischen Voraussetzungen für Sicherheit, Vielfalt, Leistungsfähigkeit und Komfort weiter. Die wichtigste davon lautet: Harmonisierung. Im Auto von morgen müssen im Hintergrund Standards arbeiten. Nur mit einem hohen Maß an Harmonisierung wird es möglich sein, mehr Funktionen und mehr Individualität wirtschaftlich umzusetzen. Harmonisierung wird ein wichtiger Teil der Kooperation zwischen Zulieferern und Fahrzeugherstellern werden. Daraus ergeben sich neue Möglichkeiten, das „Gesicht“ zu bestimmen, das eine Marke und ein Modell dem Fahrer zeigen - ohne dabei die Entwicklungskosten zu sprengen.

Das Internet kommt ins Auto

Woher kommen die neuen Funktionen und warum sind sie so wichtig? Es geht nicht einfach nur darum, das Auto als letzten weißen Fleck von der Online-Landkarte zu tilgen. Es geht darum, das große Potential des Autos zu bergen. Der Schlüssel dazu ist die innere und äußere Vernetzung des Fahrzeugs. Bei der inneren Vernetzung geht es darum, die heutigen Domänengrenzen zu überwinden. Verknüpft man beispielsweise die Navigation mit dem Motor- und Energie-Management des Fahrzeugs, indem man dem Energie-Management einen vorausschauenden elektronischen Horizont zur Verfügung stellt, so kann das die Reichweite und Effizienz von Hybrid- und Elektrofahrzeugen steigern. Ein aktives Fahrpedal wie unser AFFP kann dem Fahrer konkrete Empfehlungen geben, wie er den Energievorrat seines Fahrzeugs optimal nutzen kann - unabhängig von der Art des Antriebs.

Vernetzte Fahrzeuge

Und da wir gerade bei Elektromobilität sind: Die Angst vor zu kleinen Reichweiten - die Range Anxiety - ist nicht nur eine Frage des Elektromotors und der Batterie. Zur Lösung wird die Kommunikation des Fahrzeugs mit dem Fahrer beitragen. Wenn das Fahrzeug die Wünsche des Fahrers kennt, kann es Vorschläge machen, wie der Fahrer sein Ziel erreicht. Zu den Informationsbausteinen, die dazu nötig sind, gehören Details wie die Wettersituation auf der Strecke, das Verkehrsaufkommen oder die Verfügbarkeit von Ladestationen zum richtigen Zeitpunkt. Ein Fahrer, der weiß, dass sich sein Fahrzeug all diese Informationen verschafft und in die vorgeschlagene Route einrechnet, der wird mehr Vertrauen in Elektromobilität haben. Die Daten sind oft vorhanden, wollen aber intelligent genutzt sein. Möglich wird das durch Vernetzung. Zur Anbindung an das Internet dient beispielsweise der AutoLinQ-Standard, mit dem wir 2011 gemeinsam mit einem chinesischen Fahrzeughersteller in Serie gegangen sind, übrigens mit einem System, das rein über Sprache bedient wird.

Vernetztes Auto - vernetzte Entwicklung

Für uns als Zulieferer und Systemintegrator bewirken diese Trends, dass unsere weltweit rund 10.000 Software-Entwickler immer stärker über Domänengrenzen hinweg arbeiten werden. Die Software gewinnt dabei an Bedeutung, denn sie wird die Funktionsqualität steuern. Eine gute Software-Ausbildung ist daher zunehmend wichtig, wie im Übrigen auch die Arbeit innerhalb einer Entwicklungslandschaft, die weltweit so vernetzt und verteilt ist, wie es die Vernetzung des Autos von morgen wohl auch sein wird.

Höher integrierte Systeme

Gerade im Bereich der Body-Elektronik bzw. Karosserie-Steuergeräte gilt inzwischen derselbe Trend wie in der Unterhaltungselektronik: immer kleinere, immer komprimiertere Komponenten mit größerem Funktionsumfang. Dies im Schulterschluss mit der Konsumelektronikwelt und der Telekommunikationsindustrie zu verfolgen, ist eine Herausforderung für die gesamte Automobil-Branche, die zugleich neue Entwicklungen herbeiführen wird.

Ethernet kommt

Als physikalische Grundlage für die Vernetzung von Fahrzeugfunktionen wird langfristig verstärkt der Ethernet-Standard dienen. Er unterstützt den Trend, dass die Datenübertragung im Fahrzeug sowie die Kommunikation zwischen Fahrzeugen und ihrer Außenwelt immer umfangreicher werden. Wir sind weit fortgeschritten in der Vorentwicklung von Lösungen zur IP-basierten Vernetzung von Steuergeräten. Funktionen in den Bereichen Interior sowie Chassis & Safety bieten sich dafür aus unserer Sicht besonders an. Neben der großen Bandbreite und der einfachen Verkabelung mit ungeschirmter, zweiadriger Leitung erschließt Ethernet weitere Vorteile. Die Nutzung dieser Technik erlaubt die Wiederverwendung von Komponenten, die sich im Einsatz außerhalb der Fahrzeugindustrie bewährt haben. Dies bedeutet gegenüber anderen Technologien mit weniger großer Marktverbreitung weltweit Kostenvorteile.

Anpassungsfähige Fahrzeugsysteme

Natürlich bieten vernetzte Fahrzeuge ihrem Fahrer und den Passagieren den Zugriff auf die von der Unterhaltungselektronik und IT gewohnten Informationsquellen und Dienste, allerdings in einer Form, die der Situation am Steuer gerecht wird. Wie man diese Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine anlegt, ist entscheidend für die Sicherheit im Straßenverkehr. Der Fokus der Aufmerksamkeit muss auf der Straße bleiben. Ein Weg, das sicherzustellen, ist das Head-up-Display. Es zeigt dem Fahrer die jeweils relevanten Informationen dort, wo der Blick ruht. Inzwischen ist es in einer neuen Generation mit Vollfarbdarstellung in Serie und wird ab 2012 auch in der Mittelklasse Einzug halten.

Auch das Kombinationsinstrument wird an Anpassungsfähigkeit und Leistungsfähigkeit gewinnen. Klassische Rundinstrumente werden ihre Stärken weiter ausspielen, aber immer häufiger werden sie mit großen Displays kombiniert - wenn das „Rund-instrument“ nicht sogar Teil eines frei programmierbaren Kombis ist. Anmutung und Erscheinungsbild eines solches Instruments lassen sich auf Knopfdruck an die Person, Fahrsituation oder die Stimmung des Fahrers anpassen. Wie bei anderen Funktionen ist die innere Vernetzung des Fahrzeugs dafür eine wesentliche Grundlage: Konsequent umgesetzt, vernetzt ein Konzept wie „Simplify your Drive“ mehrere Domänen, um den gewünschten Fahrmodus zu realisieren. Wie die Instrumentierung aussieht, ist dabei nur der sichtbare Teil der im Fahrzeug veränderten Parameter.

Vernetzte, adaptive Systeme schaffen gleichzeitig größere Freiheiten bei der Auswahl, welche Entscheidungen der Mensch am Steuer selbst fällen möchte, welche er lieber nur bestätigen oder lediglich angezeigt bekommen möchte. Sinnvoll ist das unter anderem deshalb, weil wir Menschen Stimmungen unterliegen. Ein anpassungsfähiges Auto kann auf solche Schwankungen eingehen und den Menschen damit von unerwünschten Aufgaben entlasten.

Voraussetzungen für alternative Nutzungsformen schaffen

In Großstädten zeichnet sich momentan ab, dass der Kauf eines Fahrzeugs für jüngere Menschen an Stellenwert verliert. Mobilität wird dort in Zukunft verstärkt durch alternative Konzepte wie Car-Sharing ermöglicht. Vernetzte Fahrzeuge können diesen Trend unterstützen, denn sie ermöglichen neue Organisationsformen, wie etwa die Integration eines virtuellen Autoschlüssels in ein Handy. Der gültige Schlüssel wird über Near Field Communication (NFC) übermittelt. Auch die zeitintensive Abholung von regulären Mietwagen ließe sich so vereinfachen. Verfügt das Fahrzeug über die richtige innere Vernetzung und die elektronische Ausstattung, so ist es technisch möglich, dass das HMI sich automatisch an die im Handy hinterlegten Settings anpasst, sobald der Fahrer einsteigt. Fazit: Auch 2012 wird es darum gehen, die individuelle Mobilität sicherer, effizienter und komfortabler zu gestalten. Es gibt viele neue Themen, bei denen wir als Branche gemeinsam effiziente Lösungen entwickeln und umsetzen werden.