Leoni In den BRIC-Staaten spielt die Musik

Uwe H. Lamann, Vorstand des Bereichs Wiring Systems der Leoni AG.
Uwe H. Lamann, Vorstand des Bereichs Wiring Systems der Leoni AG.

Vier wesentliche Faktoren werden die Automobilindustrie 2012 prägen. Neben dem überproportionalen Wachstum der Märkte in den BRIC-Staaten sind dies eine weitere Zunahme an elektrischen Funktionen in den Fahrzeugen, die Evolution der Antriebstechnologie sowie eine Reduzierung des Fahrzeuggewichts. Diese Faktoren beeinflussen unmittelbar auch das Geschäft von Leoni.

Neuesten Einschätzungen zufolge wird der weltweite Automobilmarkt 2012 um drei bis fünf Prozent wachsen. Maßgebliche Stütze dieser Entwicklung sollten abermals die Schwellenländer China, Russland, Indien und Brasilien sein. Etablierte und verhältnismäßig saturierte Regionen wie Westeuropa und die USA werden da.  gegen deutlich weniger zulegen. Doch ein stagnierender Markt in Europa muss nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen sein. Vielmehr ist nach der Phase des zuletzt gesehenen fulminanten Aufschwungs, der nicht zuletzt den Rückgang des Krisenjahres 2009 ausgeglichen hat, ein Übergang in eine weniger volatile Marktentwicklung wünschenswert. Dies würde die Planungssicherheit aller Beteiligten erhöhen und damit zu einer nachhaltigeren Perspektive der gesamten Branche führen.

BRIC-Staaten als Wachstumstreiber Nummer eins

Ungeachtet der Tendenzen in Europa oder der NAFTA-Region (North American Free Trade Agreement) werden sich die Automobilmärkte in den BRIC-Staaten in Anlehnung an den wachsenden Wohlstand dieser Länder weiterhin deutlich dynamischer entwickeln als hierzulande. Selbst wenn sich die Zuwachsrate etwa der chinesischen Automobilproduktion auf unter zehn Prozent abschwächt, so bleibt das Land Wachstumstreiber Nummer eins für die Branche. Auch für die anderen Schwellenländer gilt: Der Bedarf an Pkws und Nutzfahrzeugen ist trotz leicht abgeschwächter Steigerungen auf absehbare Zeit nicht gestillt.

Wollen die Hersteller von dieser Chance profitieren, müssen sie sich weiter internationalisieren und sich auf die Bedürfnisse der neuen Kunden einstellen. Und auch für Zulieferer bedeutet die Erschließung neuer Märkte in der Regel den Aufbau zusätzlicher Standorte im Ausland. Dies gilt umso mehr, wenn eine Just-in-Time- beziehungsweise Just-in-Sequence-Logistik erforderlich ist oder wenn gesetzliche Bestimmungen local Content vorschreiben. Leoni als Lieferant von Fahrzeugleitungen, Bordnetz-Systemen und elektromechanischen Komponenten folgt daher konsequent seinen Kunden und ist heute bereits mit zehn Automotive-Produktionsstätten in allen BRIC-Staaten präsent.

Zunehmende Funktionsvielfalt in allen Fahrzeugklassen

Auf Leoni wirkt sich auch ein weiterer Trend positiv aus. So entsteht durch immer größere Funktionsvielfalt in den Fahrzeugen ein steigender Bedarf an Kabeln und komplexeren Kabelsystemen. Die Funktionsmerkmale moderner Fahrzeuge werden heute zu einem Großteil durch Elektronik und Software realisiert. Künftige Auto-Generationen beinhalten insbesondere neue Funktionen im Bereich der aktiven Fahrsicherheit und Fahrerassistenz sowie der Verbrauchsoptimierung, die zu einer markanten Steigerung der Komplexität in den Systemarchitekturen führt. Grund dafür ist unter anderem, dass etwa Fahrerassistenzsysteme auf eine ganze Reihe anderer Fahrzeugbereiche wie den Antriebsstrang oder das Infotainment zugreifen, was zu einem stark ansteigenden Kommunikationsbedarf dieser Bereiche und damit zu einer erhöhten Vernetzung führt.

Dieses Phänomen beschränkt sich keinesfalls auf Oberklasse- und Luxusfahrzeuge. Vielmehr verfügen auch Mittelklasse- und Kleinwagen zunehmend über umfangreiche Ausstattungs- und Komfortmerkmale. Dazu kommen - unabhängig von der Fahrzeuggröße - solche Funktionen, die durch neue Antriebskonzepte entstehen: zum Beispiel neue Motorsteuerungen für Hybridantriebe.

Steigende Komplexität in Hybridfahrzeugen

Die Ausbreitung alternativer Antriebskonzepte wird eine weitere wesentliche Entwicklung technologischen Ursprungs sein. Welches System sich langfristig auch durchsetzen mag - 2012 und die Jahre danach werden deutlich mehr Hybridfahrzeuge auf den Straßen rollen. Die meisten Hersteller ergänzen ihre Angebotspalette nach und nach um diese CO2-optimierten Autos, um den durchschnittlichen Flottenverbrauch zu drücken. Für Bordnetz-Hersteller bedeutet eine wachsende Zahl von Hybridfahrzeugen eine unmittelbare Ausweitung des Geschäfts. Denn der konventionelle Verbrennungsmotor und auch alle klassischen Verbraucher wie Audioanlage, Sicherheitsausstattung und Beleuchtung bleiben erhalten und werden wie gehabt mit einem herkömmlichen 12-Volt-Bordnetz verbunden. Dazu kommt der Hochvolt-Kabelsatz, der den Elektromotor mit der Traktionsbatterie und weiteren Hochvolt-Komponenten verbindet und für Spannungen von bis zu 1.000 Volt ausgelegt ist. Er muss besonderen Anforderungen in puncto Leistungsfähigkeit, aber auch Sicherheit genügen. Der Wert des Gesamt-Kabelvolumens in Hybridfahrzeugen wächst je nach Modell um 50 bis 100 Prozent.

Weniger Kosten durch weniger Gewicht

Daraus leitet sich - beispielhaft, aber nicht nur für das Bordnetz - die Notwendigkeit ab, Gewicht zu sparen. Deshalb wird das Thema Leichtbau in den kommenden Jahren eine der zentralen Herausforderungen für die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen bei Herstellern und Zulieferern gleichermaßen sein. Dies gilt für alle Fahrzeuge, jedoch bei E-Mobilen umso mehr. Denn jedes Kilogramm im Fahrzeug erfordert - grob geschätzt - zusätzliche Batteriekapazität mit einem Anschaffungspreis von etwa 30 Euro.

Als Kabel- und Bordnetzhersteller kann Leoni an mehreren Stellschrauben drehen. Dies ist vor allem die Miniaturisierung von Leitungen durch den Einsatz alternativer Leiterwerkstoffe zu Kupfer, als Beispiel sei hier Aluminium genannt.. Potential ergibt sich insbesondere bei Signalleitungen in kleineren Querschnitten: Legierungen wie Kupfer-Silber, Bronze oder Kupfer-Magnesium ermöglichen eine Querschnittsreduzierung von 0,35 mm² auf einen theoretischen Wert von bis zu 0,08 mm². Des Weiteren bieten sich Komposite wie kupferkaschierte Stahldrähte als Substitut an. Auch bei Batterieleitungen bestehen Optimierungsmöglichkeiten. Sie sind in der Regel nicht im Hauptkabelsatz integriert und ermöglichen daher die Nutzung von Metallen mit geringerer Dichte und Leitfähigkeit, zum Beispiel Aluminium. Der Nachteil: Die Gewichteinsparung bringt bei identischem elektrischem Widerstand eine Vergrößerung des Leiterquerschnitts von 60 Prozent mit sich.