Fahrzeugdaten wirtschaftlich nutzen Das Öl der Zukunft

Noch nutzen die Automobilhersteller die gesammelten Daten kaum. Das muss und wird sich ändern.
Noch nutzen die Automobilhersteller die gesammelten Daten kaum. Das muss und wird sich ändern.

Bereits heute sammeln Automobilhersteller Unmengen an Daten. Doch Konzepte zu deren Verwaltung und Nutzung fehlen. Im Interview mit Elektronik-Redakteurin Irina Hübner sprach Dr. Florian Baumann, CTO Automotive & AI bei Dell Technologies, über Lösungsansätze zum sinnvollen Umgang mit der Datenflut.

Herr Dr. Baumann, autonome und vernetzte Fahrzeuge erzeugen riesige Datenmengen, die verarbeitet werden müssen. Sehen Sie die vielen Daten als Chance, als Herausforderung oder als Problem?

Dr. Florian Baumann: Die großen Datenmengen, die bei vernetzten und autonomen Fahrzeugen anfallen, sind Chance, Herausforderung und Problem zugleich. Zuallererst einmal muss zwischen der Entwicklung von selbstfahrenden Autos und deren Einsatz auf der Straße unterschieden werden: Für die Entwicklung wird eine riesige Menge von Trainingsdaten benötigt, nur dann funktioniert maschinelles Lernen. Je mehr Daten vorhanden sind, desto höher ist die Genauigkeit der Algorithmen und desto größer die Chance, herausfordernde Situationen zu meistern.

Design, Entwicklung und Tests von Fahrerassistenz-Systemen beispielsweise sind sehr komplex: Die Automobilhersteller müssen verschiedene Verkehrsszenarien abbilden. Das reicht von Straßen- und Umgebungsgeometrie, dem Verhalten von Fahrern und Fußgängern über unterschiedliche Verkehrs- und Wetterbedingungen bis hin zu Wechselwirkungen zwischen einzelnen Sensoren oder dem Ausfall von ganzen Komponenten. Je höher der Automatisierungsgrad ist, desto mehr Daten muss die Automobilindustrie mit ihren Testfahrzeugen erfassen. Diese Datenflut stellt die Hersteller vor große Herausforderungen. Man könnte sogar sagen, sie wird zu einem echten Problem, da die Konzerne bislang nur wenig mit der Verwaltung großer Datenmengen zu tun hatten. Auch fehlen häufig die Erfahrung und die Technologien, das riesige Datenvolumen zu speichern und effizient zu verarbeiten.

Welche Anwendungsszenarien sehen Sie, in denen sich die Unmengen an Daten wirtschaftlich nutzen lassen könnten?

Daten werden längst als das »Öl der Zukunft« gehandelt. Erstaunlich wenige Unternehmen denken allerdings über eine wirtschaftliche Nutzung von Daten nach. Dabei können sie durch die Monetarisierung ihrer Daten einerseits ihre Erträge steigern und andererseits ihre Position gegenüber neuen Wettbewerbern in einem immer härter umkämpften Markt stärken. Längst kämpfen auch Start-ups um die Nutzung von Datenressourcen und Early Adopters sind klar im Vorteil.

Die Automobilhersteller müssen also schnell handeln, um neue Ökosysteme zu bilden oder sich zumindest daran zu beteiligen, wenn sie nicht ins Abseits gedrängt werden wollen. Auch ihre Kunden erwarten smartere Produkte und Services. Die dafür notwendigen Daten sind bereits da, werden aber noch nicht zur Wertschöpfung genutzt – egal, ob es nun darum geht, interne Prozesse rund um Kundenzufriedenheit oder Wartung zu verbessern oder neue Umsatzquellen durch datengesteuerte Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle zu erschließen.

Wie weit sind die Automobilhersteller bei der Umsetzung digitaler Konzepte zur Nutzung der Daten?

Automobilhersteller sind von der massiven Flut an Daten im Bereich der Algorithmen-Entwicklung für komplexe Fahrerassistenzsysteme und selbstfahrende Fahrzeuge überrascht worden. Sowohl Automobilhersteller als auch Zulieferer haben die hohe Komplexität der Entwicklung von selbstfahrenden Fahrzeugen unterschätzt. Zurzeit werden riesige private Clouds realisiert, um die Menge an Daten zu speichern, zu verwalten und damit aufwendige Berechnungen durchzuführen. Automobilhersteller und Zulieferer stehen erst am Anfang der Umsetzung digitaler Konzepte zur Nutzung der Daten für die Entwicklung komplexer Fahrerassistenzsysteme und Systeme für das autonome Fahren. Genau genommen fehlen den meisten Akteuren in diesem Umfeld noch die richtigen Konzepte für die Verwaltung der Datenflut.

Wie können die Unternehmen denn nun die Datenflut in den Griff bekommen?

Um dem enormen Datenvolumen Herr zu werden, wird eine voll integrierte Entwicklungsplattform mit entsprechender Intelligenz benötigt. Diese Plattform stellt automatisierte Prozesse und Workflows bereit, um Datensätze bereits beim Kopiervorgang vom Fahrzeug in die eigene Infrastruktur in Echtzeit auf Relevanz untersuchen zu können. Im Anschluss werden Datenstrukturen im eigenen Rechenzentrum unter Zuhilfenahme von speziellen Algorithmen vorverarbeitet und komprimiert. Dadurch wird eine kosteneffizientere Speicherung ermöglicht und sichergestellt. Eine Echtzeitverarbeitung von Daten setzt zudem jederzeit geringe Latenz bei der Übertragung vom Fahrzeug in die eigene Cloud und von der eigenen Cloud zum Fahrzeug mit voraus.

Wo liegt der Kundenvorteil durch die Nutzung der Daten im großen Stil? Geht der Kunde nicht auch ein Risiko ein, indem er zum »gläsernen« Autofahrer wird?

Mehr Daten bedeuten gleichzeitig bessere Ergebnisse. Das Risiko eines gläsernen Bürgers oder in diesem Fall Autofahrers kann man natürlich nicht einfach beiseiteschieben. Aber gehen die meisten das nicht schon heute ein? Jedes Smartphone erfasst standortbasierte Daten. Jede App auf dem Gerät sammelt fleißig Daten vom jeweiligen Nutzer. Google Maps und ähnliche Apps basieren zu einem sehr großen Teil auf automatisiert erfassten Daten. Selbst Mobilfunk-Provider nutzen die Standortdaten, um die eigenen Dienste zu verbessern und den Nutzern einen Mehrwert zu bieten. Die Dienste werden genutzt, weil sie das Leben einfacher machen. Etwa weil Google Maps bei der Navigation unterstützt und dabei hilft, Staus zu umgehen. Die Daten sind dabei Grundlage für die Optimierung dieser Dienste, speziell für die Personalisierung.

Werden Dienstleistungsanbieter wie Google oder Uber die Automobilhersteller zurückdrängen, da sie in Sachen »digitale Infrastruktur« schon wesentlich weiter sind?

Ich glaube nicht, dass Google oder Uber die Automobilhersteller zurückdrängen werden. Im Gegenteil: Es wird ein gänzlich neuer Markt entstehen, ähnlich wie bei der Markteinführung des ersten iPhones 2007 oder bei den Video- und Music-on-Demand-Dienste wie Apple Music, Netflix und Co. vor wenigen Jahren. Man muss allerdings zwischen Google als Technologieanbieter sowie beispielsweise Uber und Lyft als Dienstleistungsunternehmen unterscheiden. Google wird mit seinem Betriebssystem Android den Weg in deutsche Fahrzeuge schaffen und arbeitet schon heute aktiv mit deutschen OEMs zusammen.

Das wird die Komplexität der Software, wie wir sie heute im Fahrzeug vorfinden, massiv reduzieren und ein ganz neues Ökosystem an Applikationen und Services für den Fahrer schaffen, was wiederum einen echten Kundenvorteil bedeutet. Andererseits wachsen die Städte rasant. Dort verzichten anteilig immer mehr Personen auf ein eigenes Fahrzeug und nutzen Bus, Bahn, Carsharing, Leihräder, E-Scooter, Taxis und eben auch Fahrdienstleister wie Uber und Lyft. Dieser Mobilitätsmix wird die Automobilhersteller zwingen, manche ihrer Konzepte zu überdenken.

Wie können Technologieanbieter die Automobilher­steller unterstützen?

Technologieanbieter, Automobilhersteller und Automobilzulieferer müssen Partnerschaften eingehen, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu sichern. Nvidia beispielsweise ar­beitet mit allen wichtigen Akteuren der Automobilszene zusammen. Die In-Car-Computing-Plattform von Nvidia agiert sozusagen als Gehirn autonomer Fahrzeuge. Mithilfe künstlicher Intelligenz können dabei Sensor- und Kameradaten wesentlich schneller verarbeitet und interpretiert werden, was Grundvoraussetzung für sicheres autonomes Fahren ist. Als weiteres Beispiel sei Intel genannt. Das Unternehmen kooperiert mit BMW und anderen Technologieunternehmen bei einer gemeinsamen, für viele Hersteller nutzbaren Plattform für vernetzte und autonom fahrende Autos.
 
Die verschiedenen Technologieanbieter haben ein sehr unterschiedliches Portfolio. Für welche Leistungen sollten die Hersteller sich entscheiden?

Wichtig ist ein ganzheitliches Produktportfolio. Ein Hersteller sollte einen Technologieanbieter wählen, der nicht nur die Hardware, sondern auch die passenden Software­produkte wie eine Cloud-native Entwicklungsumgebung anbietet. Der Trend geht in Richtung von Lösungen und Servicemodellen anstatt von reinen Produkten. Platform-as-a-Service und Multi-Cloud-Anbindung sind unabdingbar, um in der Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben.

Daten sind das Gold von Unternehmen und Speichersysteme agieren als Tresor, um die Daten zu speichern und auch zu verarbeiten. Hersteller brauchen skalierbare Speichersysteme und die Möglichkeit, Tausende von Diensten darauf zugreifen zu lassen. Diese Parallelität ist die Eigenschaft eines Systems, zahlreiche Berechnungen, Anweisungen oder Befehle gleichzeitig ausführen zu können, ohne dass es langsamer wird. Ohne Skalierbarkeit und Parallelität geht es in der Automobilbranche nicht. Ihre Anforderungen gehen weit über den tradi­tionellen Ansatz der Softwareentwicklung hinaus. Das umfasst nicht nur die Bereiche künstliche Intelligenz, Machine Learning und Deep Learning, sondern auch Hardware in the Loop, Software in the Loop und viele verschiedene Automotive-spezifische Applikationen.

Wodurch können die Hersteller profitieren, wenn sie sich für eine Zusammenarbeit mit Dell Technologies entscheiden?

Die Hersteller bekommen nicht nur Hardware zur Verfügung gestellt, sondern sie erhalten Produkte, Services und Lösungen aus einer Hand. Das geht weit über das hinaus, was ein klassischer IT-Provider liefert. Gemeinsam mit VMware, Pivotal und anderen Firmen aus der Unternehmensfamilie stellt Dell Technologies Entwicklungsumgebungen für die Automobilindustrie bereit. Diese cloud-nativen Umgebungen für künstliche Intelligenz, Machine Learning, Deep Learning und Analytics-Applikationen können mit einem Klick erzeugt, provisioniert und in Betrieb genommen werden. Berechnungen und Daten können dabei nahtlos in die öffentliche Cloud geschoben werden.

Unternehmen profitieren zudem von einem sehr großen Partner-Ökosystem, das andere Technologieanbieter, Systemintegratoren und auch Kunden von Dell Technologies umfasst. Wir gehen strategische Partnerschaften mit Automobilherstellern und Zulieferern ein. Diese haben dann direkten Einfluss auf die Produktentwicklung. Ein gutes Beispiel ist Dell EMC Isilon H5600, ein Speichersystem mit hoher Performance, extremem Durchsatz und Parallelität speziell für die Entwicklung von Fahrerassistenzsystemen und selbstfahrenden Autos.

 

 

Dr. Florian Baumann

ist CTO mit dem Schwerpunkt Automotive & Artificial Intelligence bei Dell Technologies. In seinem Schwerpunkt ist er ein branchenweit anerkannter Experte, der viele Konferenzen leitet und führende Automobilhersteller und Zulieferer berät.