Neusoft Probleme beim globalen RollOut von V2X

Europäische OEMS und kleine einheitliche Übertragungstechnik für V2X.
Europäische OEMS und kleine einheitliche Übertragungstechnik für V2X.

International wird an der Kommunikation aller Verkehrsteilnehmer (V2X) als Grundlage für autonomes Fahren gearbeitet.

Bei der Entwicklung einheitlicher Standards tun sich die Verantwortlichen aber schwer, daher sind die entwickelten Systeme in Europa und USA mit denen in China nicht kompatibel. So entstehen Schwierigkeiten für die Automobilhersteller, müssen doch alle für V2X relevanten Komponenten nun in verschiedenen Konstellationen funktionieren.

V2X, die Kommunikation von Fahrzeugen untereinander und mit Verkehrsinfrastruktur (Bild 1), wird mehr und mehr zum Standard und verlässt die Entwicklung in den Labors in Richtung Straße. Volkswagen präsentierte im Oktober mit dem Golf VIII die erste deutsche Fahrzeugserie, die mit V2X-Komponenten ausgestattet ist. Weitere Hersteller werden folgen, wodurch die Sprachgemeinschaft zügig wachsen dürfte und immer mehr Funktionen in den Verkehrsalltag integriert werden können. Dabei hilft, dass alle europäischen Anbieter mit Dedicated Short Range Communication (DSRC) einen einheitlichen Kommunikationsstandard verwenden, der auch in den USA und Japan favorisiert wird. Die DSRC-basierte Technik bildet die Grundlage des europäischen Standards, der für die Fahrzeug-zu-Fahrzeug- und Fahrzeug-zu-Infrastruktur-Kommunikation vorgesehen ist. Vorteil: Diese Technik ist unabhängig von kostenpflichtigen Mobilfunkdiensten.

In Japan treibt Toyota eben diesen Kommunikationsstandard ebenfalls voran. Zu Beginn werden die Verkehrsteilnehmer Informationen über die Cloud beziehen, verfügen jedoch mehr Fahrzeuge über die technischen Voraussetzungen, wird die Kommunikation direkter erfolgen. Weitere Ausbaustufen werden dann die Kommunikation mit Ampeln, Baustellen, Fußgängerüberwegen und Gebäuden sein.

Der Verkehrsfluss wird steuerbar. Fahrzeuge bewegen sich auf einer grünen Welle, weil sie wissen, wann die nächste Ampel auf Grün umspringt.

Keine einheitliche Übertragungstechnik für die V2X-Kommunikation

Während Europa, USA und Japan sich auf DSRC verständigt haben, favorisiert der chinesische Markt eine auf der Mobilfunktechnologie 5G basierende Cellular-V2X-Technologie (C-V2X). Bis Mitte der Zwanziger soll das Netz in China flächendeckend verfügbar sein. In Europa stellt sich das bekanntermaßen vollkommen anders dar, hier sind gerade die Sendelizenzen versteigert worden und der Infrastrukturausbau hat erst begonnen. Bis es zu einer flächendeckenden Netzversorgung kommt, werden noch viele Jahre vergehen.

In Shanghai erfolgte im Oktober dieses Jahres ein Interoperabilitätstest als Demonstration für die Öffentlichkeit, in der neben Automobil- auch Chip- und Infrastrukturhersteller mitgewirkt haben. Mit dabei war auch das chinesische Softwareunternehmen Neusoft. In Europa bündelt das Unternehmen seine Kompetenz mit Sitz in Hamburg, das seit vielen Jahren mit Automobilherstellern und Tier-1-Zulieferern erfolgreich zusammenarbeitet und zahlreiche Softwarelösungen entwickelt hat. Die Ergebnisse des Tests in Shanghai waren beeindruckend. Zum ersten Mal wurde demonstriert, dass die V2X-Kommunikation über signierte Nachrichten und Zertifikate angriffssicher realisiert werden kann. Mit dieser Technologie aus der Kryptologie können Fahrzeuge zwischen vertrauenswürdigen und gefälschten Nachrichten unterscheiden, was eine zwingende Grundlage für sicheres, autonomes Fahren ist.

Im Rahmen des Tests wurden von Neusoft eine Großzahl an Fahrzeugen mit der Eigenentwicklung VeTalk ausgestattet und mit der Verifikationsplattform VeTest ein Konformitätstest vorgestellt, der zum industriellen Standard in China avanciert. Auf dieser Plattform sind alle die Tests verfügbar, die die Konformität in Network Access und Cyber Security abbilden. Darin werden auch die zukünftigen aktuellen Änderungen in der chinesischen Spezifikation stets angeglichen.

BMW, Mercedes sowie die Deutsche Telekom favorisieren auch für Europa die Mobilfunklösung C-V2X. Ihre Sorge: Die DSRC-Technologie könne bereits in wenigen Jahren veraltet sein. Somit ist allen Marktteilnehmern klar, dass man sich mit C-V2X auseinandersetzen muss. Als Konsequenz beginnen die ersten Hightech-Konzerne bereits, Chips und Systeme zu entwickeln, die alle sich abzeichnenden Standards beherrschen werden. Auf nur eine Technologie zu setzen, ist hoch riskant.

Abgeschottet, aber wichtig für europäische OEMs: Der chinesische Markt

Schon heute ist es für die Entwickler also wichtig, auch 5G-basierende Lösungen zu beherrschen, denn europäische Autobauer haben allesamt mit sinkenden Absatzzahlen zu tun und brauchen das Wachstum, das im chinesischen Markt steckt. Sie können es sich daher gar nicht leisten, ihre Systeme nicht an China anzupassen. Autobauer und ihre Zulieferer müssen für einen weltweiten Vertrieb Ihrer Fahrzeuge beide Systeme unterstützen, die zueinander in Konkurrenz stehen. Ausgerechnet in dieser Branche mit hoher Kostensensibilität verdoppelt es den Entwicklungs-, Test und Zulassungsaufwand und vergrößert gleichzeitig die Angriffsfläche für potenzielle Cyberangriffe – und hintendran der Dominoeffekt für Software- und Service-Angebote. Jedoch wer auf dem Markt China präsent sein möchte, kommt um die technologische Aufrüstung mit C-V2X nicht herum.

Funktional und auch im Bereich der sicherheitsrelevanten Mechanismen sind die Systeme auf Augenhöhe. Zwar verfügten die Europäer über einen veritablen Vorsprung. Doch China ist auf dem besten Weg dieses Defizit wettzumachen.

C-V2X in China – (k)ein Buch mit sieben Siegeln

Die China Academy of Information and Communications Technology (CAICT) ist dem Ministry of Industry and Information Technology (MIIT) untergeordnet und spielt eine wichtige Rolle in allen Aspekten der chinesischen Telekommunikation und der digitalen Wirtschaft. Das CAICT verantwortet auch die Spezifikationen für die Sicherheitszertifikate für C-V2X. An der CAICT geht daher kein Weg vorbei für alle Unternehmen, die technologisch »mitspielen« wollen.

Der Weg in den chinesischen Markt führt demnach über dieses Institut und dessen Freigaben. Ein guter Zugang ist daher vorteilhaft für zügige Prozesse. Und genau in diesem Bereich bietet Neusoft den europäischen Anbietern Unterstützung an. Das Unternehmen arbeitet seit vielen Jahren eng mit chinesischen Regierungsstellen zusammen und kann auf eine jahrelange, professionelle Kompetenz verweisen. Auf dieser Grundlage wurde Neusoft als Industriepartner ausgewählt, bzw. wirkt seither an den zukünftigen chinesischen Standards mit und wurde vom CAICT als Lieferant von VeTest für die Teststellung konsultiert. Für Dezember 2020 ist die Fertigstellung der gesamten Zertifizierung in China terminiert. Ab diesem Datum müssen alle Marktteilnehmer diese Definitionen einhalten. Neusoft kann auf Basis der Verifikationsplattform VeTest seinen Kunden helfen, die Produkte auf die Anforderungen der chinesischen Spezifikationen zu überprüfen und damit den Weg zur Produktfreigabe unterstützen.

 

Bei der Übersetzung zwischen Europa und China stellt das Unternehmen das Wissen aus beiden Kulturen und Märkten zur Verfügung. Die kurzen Abstimmungswege zwischen dem europäischen Headquarter und den Experten in China sind dafür eine existenzielle Grundlage. Zusätzlich ist hilfreich, dass Neusoft bereits eine V2X-Software entwickelt hat, die durch den modularen Aufbau technologieunabhängig aufgestellt ist und weltweit bereits sogenannte Day-1-Anwendungsfälle und passende Testabläufe unterstützt. Diese entsprechen den Standards in Europa, den USA sowie China und können als Referenz für Zulassungen benutzt werden. Erste internationale Projekte mit europäischen OEMs laufen bereits, weitere sind in Vorbereitung.

 

Die Autoren

Andreas Propp

ist diplomierter Elektrotechniker und seit 2012 bei Neusoft angestellt. In seiner Funktion als Technical Project Manager Automotive leitet Propp Innovationsthemen im Bereich vernetzte Kommunikation im Fahrzeug.

 

 

 

Stefan Hanika-Heidl

ist diplomierter Elektrotechniker und startete 1999 im Unternehmen seine Karriere. Nachdem er von 2003 bis 2005 die Leitung der Abteilung Digitale Karte übernahm, verantwortete er ab 2006 die gesamte Navigationsentwicklung als Director Telematics & Navigation. Mit Gründung von Neusoft Technology Solutions 2010 leitete er zuerst das Offshore Development Center in China und zeitgleich die Product Delivery Unit BMW. Seit Juli 2012 ist er CTO des Unternehmens und zusammen mit Lingjun Meng (Dalian, China) Leiter der technischen Entwicklung von Neusoft Automotives.