Studie zu Elektromobilität Raus aus der Nische, alte Zöpfe ab - gerade wegen Corona

Schon 2024 soll die Elektromobilität aus der Nische kommen, sagt Bain voraus.

Schon 2024 sollen Elektroautos zum Massenprodukt werden, doch die Auto-Industrie muss sich wandeln, sagt die Studie »Endspiel in der Automobilindustrie«. Die Corona-Krise soll notwendige Veränderungen beschleunigen. In der Mehrheit werden E-Autos erst 2040 sein. Robotaxis könnten schon 2028 kommen.

Die Studie der Unternehmensberatung Bain & Company heißt vollständig »Endspiel in der Automobilindustrie: Entscheidend ist der Tipping Point« und hat genauer untersucht, welche Auswirkungen der Corona-Virus mittel- und langfristig auf den Wandel in der Automobilindustrie und insbesondere die Entwicklung der Elektromobilität hat.

Auf der einen Seite haben viele Hersteller und Zulieferer Kurzarbeit, streichen Stellen und fahren aktuell strikte Sparprogramme. Diese Art Meldungen dominiert gerade die Automobilnachrichten. Auf der anderen Seite boomt Elektromobilität mit ihren verschiedenen Antriebsformen und die Bundesregierung fördert den Ausbau der Infrastruktur und gibt Kaufanreize. Hier hat Corona eher zu einer Beschleuinigung geführt. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Elektroautos schon 20204 den Schritt in den Massenmarkt schaffen, 2025 soll fast jedes achte Auto elektrisch fahren, 2040 dann schon jedes zweite.

Die Studie sagt dementsprechend, dass Autohersteller und Zulieferer trotz des extremen Kostendrucks ihre Investitionen in wichtige Zukunftsfelder wie Elektromobilität, Batterie- und Zelltechnologie, Software oder Konnektivität bestmöglich aufrechterhalten sollten. Die Einsparungen müssen also möglichst im Verbrenner-Kerngeschäft passieren.

Schon vor Corona stand die Auto-Branche vor einem Umbruch. Die steigende Elektrifizierung des Autos und seine Entwicklung zum Computer auf Rädern zeigte schon längst, dass es einen Paradigmenwechsel und Umbau der Automobilkonzerne zu Technologiefirmen braucht (siehe Elektronik automotive-Artikel »Autokosten im Wandel«). VW-Chef Herbert Diess hatte erst im Februar eine eindringliche Ansprache an die Volkswagen-Belegschaft gehalten. Unter den jetzigen Krisen-Bedingungen scheinen die Veränderungen und auch die Digitalisierung dringender denn je. Die Bain-Studie kommt zu der Schlussfolgerung, dass die Unternehmen angesichts der Corona-Krise und der hohen Investitionen in automobile Zukunftsfelder ihre Geschäftsmodelle auf Effizienz trimmen müssen.

»Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, alte Zöpfe abzuschneiden und die Komplexität bei Plattformen, Antrieben, Modellen und Derivaten drastisch zu senken sowie Skaleneffekte auch herstellerübergreifend zu nutzen.«

sagt Co-Autor Marco Gerrits von Bain & Company.

Unternehmen, die jetzt an der falschen Stelle kürzen, könnten ihre Marktstellung im Bereich neuer Technologien – und damit letztendlich ihre Zukunftsfähigkeit – aufs Spiel setzen.

Die Akzeptanz von Elektroautos

Von technischer Seite gewinnt die Elektromobilität weiter an Dynamik, siehe Bild 1. Laut der Bain-Studie erreichen die gesamten Anschaffungs- und Betriebskosten (Total Cost of Ownership) eines E-Autos bereits in diesem Jahr das Niveau eines konventionell angetriebenen Fahrzeugs. Der genaue Zeitpunkt des Übergangs zum Massenmarkt hängt im Wesentlichen vom Land, dem Fahrzeugsegment, den Batteriekosten, dem Strom- und Benzinpreis sowie von staatlichen Stützungsmaßnahmen ab. Die Studie geht davon aus, dass die durchschnittlichen Kosten für Batteriepacks 2025 rund 85 Euro pro Kilowattstunde betragen werden. Das sind immerhin 36 Prozent weniger als 2018. Bis dahin soll es auch mehr als 200 neue E-Modelle geben, die mit einem steigenden Anteil in der Mini- und Kompaktklasse weitere Käuferschichten ansprechen können.

Denn ohne Käufer keine Massen-Elektromobilität. Und bisher haben eher ‘gutbetuchte’ Käufer zu einem Elektroauto gegriffen, jetzt müssen auch traditionelle Käuferschichten gewonnen werden. Allerdings schrumpfen durch die Wirtschaftskrise infolge der Corona-Pandemie in vielen Haushalten die Budgets für größere Anschaffungen wie ein Auto. Gleichzeitig meiden auch mehr Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel, was sich positiv auf die Fahrzeugnachfrage auswirken könnte. Staatliche Förderprogramme sollen die Elektromobilität ebenfalls fördern.

Für eine echte Marktdurchdringung zählen aber auch Funktionalität und Praktikabilität. Eine gute Reichweite, einfach funktionierende Lade- und Bezahlvorgänge sind für den ‘Otto-Normalbürger’ ausschlaggebend, genauso wie auch die bestenfalls günstigeren Gesamtkosten von Stromern gegenüber Verbrennern.

Holperstrecke für autonomes Fahren

Laut Bain-Studie wird der Anteil autonomer Fahrzeuge an den Neuzulassungen bis 2030 in Nordamerika auf 9 Prozent steigen, in Europa auf 6 Prozent und im Raum Asien-Pazifik auf 4 Prozent. Bis 2040 könnten sich diese Werte mehr als vervierfachen – das entspräche in Amerika immerhin einem Anteil von über einem Drittel an automatisierten Fahrzeugen auf den Strassen. Für den langfristigen Erfolg des autonomen Fahrens sprechen laut Bain & Company die wachsende technologische Reife sowie aussichtsreiche Pilotprojekte mit Robotaxis und Autobahnpiloten auf Level-4-Niveau, siehe Bild 2. Für den Massenmarkt müssen die Autohersteller allerdings noch einige Hürden nehmen wie Allwettertauglichkeit oder das Beherrschen von unübersichtlichem Verkehrsaufkommen. Zudem fehlen bislang weitgehend verbindliche rechtliche Rahmenbedingungen.

Darüber hinaus müssen die Kosten für die autonomen Systeme signifikant reduziert werden. Diese belaufen sich für Robotaxis derzeit auf rund 65.000 Euro, könnten aber bis 2030 nach Bain-Analysen um mehr als 85 Prozent sinken, auf dann 8.000 bis 10.000 Euro. Zu diesem Preispunkt können ab 2024 urbane autonome Mobilitätssysteme realisiert werden. Innovative Städte werden versuchen, die Vorteile der Robotaxis zu nutzen und sie intelligent in den öffentlichen Personennahverkehr zu integrieren.

Wie kann der Umbruch gelingen?

Für die Unternehmensberater müssen die Hersteller schnell auf Vollstromer und Plug-in-Hybride umstellen und diese Modellreihen nachhaltig ausbauen. Dabei kann ein weniger komplexes Angebot helfen, die Reduzierung sollte unprofitable Modelle streichen und auch die technischen Spezifikationen auf ein Mindesmaß herunterschrauben, so die Empfehlung. Aus Verbrauchersicht wäre das sicher kein schlechter Move, zuviel Auswahl kann heute schon schwindelig machen und verwässert schlussendlich ja auch das Markenbild.

Die Berater kommen zu dem Ergebnis, dass die Kosten bei allen Fahrzeugkomponenten durch Modularisierung gesenkt werden müssen. Skaleneffekte könnten nur durch die Kooperation verschiedener Hersteller genutzt werden. Viele Hersteller arbeiten bereits zusammen, bzw. haben beim automatisierten Fahren oder dem elektrischen Antriebsstrang Partnerschaften auf den Weg gebraucht. Auch die Halbleiterfirmen treten auf den Plan, erst Ende Juni hatten Mercedes und Nvidia angekündigt, für die KI-Softwarearchitektur im autonomen Fahren gemeinsame Wege zu gehen.

Eine drastische Kostensenkung braucht es auch im Vertrieb, zum Beispiel durch verstärkte Nutzung des Online-Verkaufs und digitale Verwaltungsfunktionen. Wer im Internet nach »Zukunft der Autohändler« sucht, wird nur mäßig überrascht sein, dass in den kommenden Jahren fast jeder zweite Händler verschwinden könnte.

In der Entwicklung müssen die Hersteller laut Bain Gas geben. Die Studie sieht Batterie- und Zelltechnologie sowie Software, inklusive integrierter Software-/Hardware-Optimierung als Schlüsselkompetenz an – und entspricht damit dem allgemeinen Marktstandpunkt. Allerdings weist das Paier deutlich darauf hin, dass die Automobilfirmen nicht starrsinnig sein dürfen und ihre Entwicklungs- und Investionsgelder aus dem traditionellen Geschäft abziehen müssen. Nur so können neue Technologien und Ansätze in ausreichendem Maße gepusht werden. Es gibt keinen Weg zurück. Weitere Kosten könnten durch eine Verringerung der Entwicklungs- und Fertigungstiefe erreicht werden. Ein eher pragmatischer Ansatz, der der deutschen Ingenieursehre widersprechen dürfte – aber auch durch Partnerschaften gelöst werden könnte.

Neben den technologischen Ansätzen sprechen sich die Bain-Berater auch für ein neues Unternehmertum aus, welches den komplexen und sich schnell verändernden Märkten Rechnung trägt. Momentan sind die Großkonzerne noch nicht wendig genug für die anstehenden und dringend notwendigen Änderungen. Die Studie weist darauf hin, dass es einen grundlegender Kulturwandel hin zu mehr Agilität im Unternehmertum braucht. In einem Umfeld großer Unsicherheit müssten schnell und pragmatisch Entscheidungen getroffen werden können. Helfen sollen etwa kleinere Firmenteile, die ausgegründet werden und dann autark agieren können, etwa als Start-Ups für neue Technologien.

»Der fundamentale technologische Umbruch kann die Machtverhältnisse im Automobil- und Mobilitätssektor in den nächsten 10 bis 15 Jahren radikal verändern«, stellt Bain-Partner Dr. Klaus Stricker fest. Seiner Ansicht nach werden Unternehmen belohnt, welche das traditionelle Geschäft effizient straffen und Geld in neue Technologien und Partnerschaft stecken.