Interview mit Helge Puhlmann, Geschäftsführer von Yamaichi Europe Yamaichi: »Wir fertigen in Deutschland genauso günstig wie in China«

Helge Puhlmann, Yamaichi: »Unsere Auftragsbücher für PV-Anschlussdosen sind bis zum Sommer komplett ausgebucht!«
Helge Puhlmann, Yamaichi: »Unsere Auftragsbücher für PV-Anschlussdosen sind bis zum Sommer komplett ausgebucht!«

Yamaichi, Spezialist für Verbindungstechnik, baut künftig vor allem auf Industrieautomatisierung und Automotive, obwohl die Photovoltaik-Sparte des Konzerns höchst innovativ und konkurrenzfähig ist und immerhin 20 Prozent des Umsatzes ausmacht. Doch Geschäftsführer Helge Puhlmann steigt hier auf die Bremse: »Der PV-Markt in Deutschland ist unberechenbar geworden«, bedauert er. Dem Ingenieurmangel in Deutschland ist Yamaichi erfolgreich entflohen: nach Tunesien.

Markt&Technik: Herr Puhlmann, mit der Produktserie Y-Sol haben Sie robuste zukunftsfähige Verbindungslösungen für Photovoltaik-Anlagen entwickelt und sind technologisch den Chinesen voraus. Dennoch wollen Sie sich mit 20 Prozent Umsatzanteil begnügen und in diesem Segment nicht weiter wachsen. Warum?

Helge Puhlmann: Zunächst einmal: Unsere Auftragsbücher für PV-Anschlussdosen sind bis zum Sommer komplett ausgebucht! In der Tat fertigen wir in Frankfurt/Oder technologisch fortschrittlichere, aber genauso günstige Anschlussdosen im Vergleich zu asiatischen Herstellern. Am teuersten sind die Rohstoffe wie Kupfer oder Granulat. Und die sind in China genauso teuer! Allein Kupfer macht knapp die Hälfte des Gesamtpreises aus. Und: Die Personalkosten in China steigen ständig, in diesem Jahr allein um 20 Prozent. Wir haben in Frankfurt an der Oder die gleichen Kosten wie in China.

Nehmen Sie unsere Anschlussdose Eco-Si J-Box: Die Ursprungsidee war eine günstige Anschlussbox mit guten Produkteigenschaften. Die Eco-Si J-Box  hat nur wenige Einzelteile und wird zum Schluss dank der stark automatisierten Fertigung mit unserem speziellen »HermeticSealed«-Verfahren komplett umspritzt. Unsere Box mit SMD-Dioden leitet die Wärme aus dem Bauteil heraus. Sie ist dadurch langlebiger und hat einen höheren Wirkungsgrad. Dabei ist sie aber genauso günstig wie eine chinesische Box, die durch die Verwendung von Radial-Dioden eine weit geringere Lebensdauer hat. Zudem müssen für die chinesische Box noch Fracht und Zoll bezahlt werden. Die intelligente Variante unserer J-Box heißt »Smart View«: Sie kann Temperatur und Leistung jedes einzelnen Moduls messen und an eine intelligente Zentrale weiterleiten.

All das ist im Vergleich zu asiatischen Produkten High-Tech. Aber ob sich das durchsetzt? SMD-Dioden zum Beispiel werden nicht flächendeckend eingesetzt, weil sich die Module durch den stetigen Preisverfall zu Commodities entwickeln. Geht etwas kaputt, wird es nicht repariert, sondern einfach ausgetauscht. Das rechnet sich aufgrund des immer weiter fallenden Preises. Es wird sich zeigen, inwieweit deutsche PV-Hersteller da mithalten werden. Unsere Kunden stehen hierzulande stark unter Preisdruck. Ich fürchte, dass in Deutschland nur diejenigen Modulhersteller überleben werden, die zu einer vertikalen Wertschöpfung in der Lage sind, wie etwa Q-Cells. Da tun sich die Chinesen noch sehr schwer!

Ihre Fertigung in Frankfurt/Oder ist einer Ihrer Trümpfe?

So ist es. Es war ein weiser Schritt, nach Brandenburg zu gehen. Hier erst sind wir übrigens auf das PV-Geschäft gestoßen, weil es hier so ein starkes Netzwerk in diesem Bereich gibt. Das funktioniert sehr gut, man ist sehr eng vernetzt und wird politisch protegiert. Ein Beispiel: Ich kann in Brandenburg jederzeit den zuständigen Minister oder Oberbürgermeister anrufen und erreichen, wenn ich will. Versuchen Sie das mal in Bayern!

Wenn der Standort Deutschland so konkurrenzfähig ist, warum sind sie dann nach Tunesien gegangen?

Weil wir keine Ingenieure bekommen. Das ist das einzige hierzulande, was mir wirklich Angst macht! Wir haben in München fünf offene Stellen und keine einzige Bewerbung auf dem Tisch!

Der Gang nach Tunesien wurde quasi aus der Not heraus geboren. Aber nicht aus Kostengründen, sondern weil es hier sehr gut ausgebildete Ingenieure gibt. Vor allem in Theorie und FEM-Berechnung sind die Ingenieure dort sehr stark. Und noch ein Vorteil: Während man in gängigen Verlagerungs-Ländern wie in Osteuropa immer das Risiko mit eingeht, die Leute auszubilden und dann an die Konkurrenz zu verlieren, ist in Tunesien dieses Risiko gering. Die Leute sind froh, einen anspruchsvollen und dabei gut bezahlten Job zu haben.

Nun ist es aber sicher nicht von Nachteil, dass die Gehälter viel niedriger sind als in Deutschland. Bislang war das der Grund für eine Ansiedlung im Ausland.

Natürlich, die Gehälter machen hier nur einen Bruchteil aus. In Sousse wird viel Kabelkonfektionierung gemacht, hier sind zum Beispiel Leoni und Dräxelmeier. Wir sind mit unserer Entwicklungsabteilung ebenfalls in Sousse. Bei der Ansiedlung hat uns die Außenhandelskammer hervorragend unterstützt. Die Konzeptionierung für neue Produkte erfolgt nun hier bei uns in München, bei der Ausführung unterstützt uns unsere Niederlassung in Sousse. Langfristig streben wir ein Fifty-Fifty-Verhältnis an. Unser Nachwuchsproblem in München löst das jedoch nicht. Momentan suchen wir in Spanien nach Ingenieuren. Und kürzlich haben wir einen Mexikaner als Prozessingenieur eingestellt.

Und nun der Fokus auf Industrieautomatisierung und Automotive? Hier sitzen die Kunden in Deutschland fest im Sattel.

Wir kommen ja ursprünglich aus der Industrieautomatisierung. Hier sind wir seit 20 Jahren stark. Der Bereich macht 40 Prozent unseres Geschäftes aus und ist robust und auch langlebig und ohne diesen brutalen Preisdruck, wie wir ihn gerade in der Photovoltaik erleben. Bei »Burn-In«-Testsockeln für die Halbleiterindustrie etwa sind wir Marktführer und machen damit 10 Prozent unseres Geschäfts.

Auch im Bereich Automotive wollen wir weiter stark wachsen. Im SMT-Bereich sind wir traditionell sehr stark, etwa führend bei Memory-Cards. Nun fokussieren wir den Bereich Car-Audio. Hier spielen wir am Rande des physikalisch Möglichen mit, was die Technisierung angeht.