Bain&Company: „Knappe Ressourcen befeuern das Wachstum der Industrie“ Peak Oil – ein Wachstumsbeschleuniger

„Wir erleben zurzeit eine Verschiebung der Profitabilität in der Wertschöpfungskette hin zu Rohstoffen“, sagt Dr. Armin Schmiedeberg, Partner bei Bain & Company und Leiter der europäischen Praxisgruppe Industriegüter und -dienstleistungen.
„Wir erleben zurzeit eine Verschiebung der Profitabilität in der Wertschöpfungskette hin zu Rohstoffen“, sagt Dr. Armin Schmiedeberg, Partner bei Bain & Company und Leiter der europäischen Praxisgruppe Industriegüter und -dienstleistungen.

Stürzt uns Peak Oil in die nächste schwere Wirtschaftskrise? Nein, sagt die Unternehmensberatung Bain&Company. Sie hat die Folgen hoher Rohstoffpreise für das weltweite Wirtschaftswachstum analysiert. Demnach werden die Rohstoffpreise, insbesondere für Seltene Erden, zwar um bis zu 200 Prozent steigen. Doch insgesamt werde die Knappheit einen Innovationsschub auslösen und die Nutzung alternativer Verarbeitungsverfahren beschleunigen.

Bain&Company prognostiziert bis zum Jahr 2020 einen weltweites Wirtschaftswachstum von drei Billionen Dollar. Als Wachstumsbeschleuniger diene dabei die Verknappung der Rohstoffe, denn sie zwinge zum Umdenken. Knappe Ressourcen sowie deren effizientere Nutzung und Verarbeitung lösen einen Innovationswettlauf in der Industrie aus. Gerade die innovationsstarken deutschen und Schweizer Industrieunternehmen könnten bis 2020 zu den großen Gewinnern am Weltmarkt zählen, so Bain.

Ungeachtet kurzfristiger Krisen und volatiler Märkte bleibe die Weltwirtschaft der Prognose zufolge bis 2020 auf Wachstumskurs. Acht strukturelle Trends führen dazu, dass das globale BIP um 40 Prozent oder 27 Billionen US-Dollar auf 90 Billionen US-Dollar steigen wird, wovon  auch der Industriesektor profitieren soll, für den vor allem zwei Trends im Mittelpunkt stehen: erstens der effizientere Einsatz von Rohstoffen, die dafür notwendigen Maschinen und Werkzeuge sowie alternative Verarbeitungsverfahren (plus drei Billionen US-Dollar BIP-Wachstum bis 2020), und zweitens der notwendige Ausbau der Infrastruktur (plus eine Billion US-Dollar).

Auf den ersten Blick hat der globale Wohlstandsgewinn für Unternehmen und Konsumenten einen Nebeneffekt: Der Rohstoffverbrauch steigt und in der Folge auch die Preise. Laut Bain-Studie explodieren aber weder die Energie- noch die Lebensmittelpreise, sie steigen bis zum Jahr 2020 relativ moderat um insgesamt 18 und 13 Prozent. Denn der Ausbau der Erdgasförderung durch neue Verfahren wie Fracking und die steigende Kohleförderung vor allem in China sollen laut Bain einen guten Teil der zusätzlichen Energienachfrage decken. Wesentlich kritischer sei die Situation bei Metallen und seltenen Erden. Da die Erschließung neuer Bergwerke sieben bis 15 Jahre dauere, erwartet Bain hier einen Preisanstieg um bis zu 200 Prozent bis zum Jahr 2020.

Dass die Rohstoffpreise nicht noch schneller steigen, liegt vor allem an einer Entwicklung: Die Verarbeitung von Rohöl, Metallen und anderen Rohstoffen, aber auch der Umgang mit Wasser, werde in den kommenden Jahren immer effizienter. „Wir erleben zurzeit eine Verschiebung der Profitabilität in der Wertschöpfungskette hin zu Rohstoffen“, sagt Dr. Armin Schmiedeberg, Partner bei Bain & Company und Leiter der europäischen Praxisgruppe Industriegüter und -dienstleistungen. „In allen Branchen und auf allen Kontinenten setzen Unternehmen auf effizientere Prozesse, die Wiederverwertung von Rohstoffen sowie deren Ersatz durch leichter verfügbare Materialien.“ Deutsche und Schweizer Unternehmen setzen schon heute Standards bei vielen Technologien auf dem Weltmarkt, zum Beispiel bei Recyclingtechnologien, dem Leichtbau von Motoren und Antriebsaggregaten, bei der Verwendung neuer Werkstoffe in der Automobil- und Flugzeugindustrie, der Automatisierung großer Förderanlagen durch Mess- und Regeltechnik sowie der energieeffizienten Gebäudetechnik.

Knappe Ressourcen wie Rohöl und Wasser spielen in der Bain-Studie auch bei dem zweiten strukturellen Wachstumstrend eine entscheidende Rolle: dem globalen Ausbau der Infrastruktur. Denn drei Viertel der weltweiten Infrastrukturinvestitionen entfallen auf die Energie- und Wasserversorgung. Bain geht davon aus, dass bis zum Jahr 2020 Investitionen in Höhe von einer Billion US-Dollar zusätzlich nötig sein werden, um die zum Teil jahrzehntealte Infrastruktur in den Industriestaaten grundlegend zu modernisieren und in den Schwellen- und Entwicklungsländern mit hohem Tempo aufzubauen. Der Investitionsstau in den Industrieländern ist enorm: Die Kanalisation stammt häufig noch aus der Zeit der Urbanisierung und Industrialisierung. Die Dauerstaus auf den Straßen und Verspätungen bei Zügen und Flügen decken schonungslos die Engpässe in der Verkehrsinfrastruktur auf.

 Bain-Industrieexperte Schmiedeberg sieht beim Thema Infrastruktur, ähnlich wie beim Ressourceneinsatz, enorme Chancen für deutsche und Schweizer Unternehmen: „Bei der Energieerzeugung und -verteilung, im Anlagenbau und bei Verkehrssystemen, in vielen Märkten haben Investitionsgüterhersteller aus dem deutschsprachigen Raum die Nase vorn.“ Unternehmen in den Industriestaaten müssen sich allerdings auf ein verändertes Marktumfeld einrichten. „Die öffentlichen Kassen sind leer und der Druck, die Staatsschulden zu reduzieren, groß“, so Schmiedeberg. „Die Industrieländer werden daher immer stärker auf die private Finanzierung von Infrastrukturinvestitionen setzen.“ Wenn sie es richtig angehen, können Unternehmen auf dieser Basis in vergleichsweise risikoarmen Märkten attraktive Zusatzrenditen erwirtschaften. „Deshalb werden wir in den nächsten Jahren hierzulande auch einen deutlichen Kompetenzaufbau im Projektfinanzierungsgeschäft und im Risikomanagement erleben“, so Schmiedeberg.