Alternative Kunststoffe Biokunststoffe sind an der Schwelle zum Massenmarkt

Prof. Dr. Hans-Josef Endres, Hochschule Hannover: »Mit einem weiter steigenden Ölpreis wird sich der bestehende Preisnachteil angleichen.«
Prof. Dr. Hans-Josef Endres ist Institutsleiter am Institut für Biokunststoffe und Bioverbundwerkstoffe an der Hochschule Hannover.

Technische Biopolymere sind zu einer Alternative zu petrochemischen Kunststoffen herangereift: Sie sind spritzgussgeeignet, genauso robust und langlebig - aber teilweise noch fast doppelt so teuer. »Mit einem weiter steigenden Ölpreis wird sich der bestehende Preisnachteil angleichen«, erwartet Prof. Dr.-Ing. Hans-Josef Endres von der Hochschule Hannover.

»Biokunststoffe sind reif für den Massenmarkt«, wirbt der Branchenverband European Bioplastics. Sie machen zwar erst gut 1 Prozent des Gesamtkunststoffmarktes aus - doch die Tendenz ist stark steigend. 2015 sollen nach einer Studie des Instituts für Biokunststoffe und Bioverbundwerkstoffe der Hochschule Hannover bereits 400.000 bis 500.000 Tonnen produziert werden.

Die Unternehmensberatung Ceresana rechnet ab 2018 mit mehr als 2,8 Mrd. Dollar Umsatz für Bioplastik, der Markt wachse mit 18 Prozent pro Jahr. Firmen wie Molex, ebm-Papst, Wöhr, Fujitsu und OKW bieten bereits biobasierte Produkte an. Als Alternative zum Leichtbau-Werkstoff Carbon werden Biokunststoffe vom Unternehmen Fourmotors auf der Rennstrecke getestet: genauso leicht und  stabil, aber eben erneuerbar statt endlich. Selbst spritzgegossene Schaltungsträger (MIDs) aus nachwachsenden Rohstoffen erscheinen für Prof. Hans-Josef Endres grundsätzlich möglich, noch fehlen aber Erfahrungswerte.

Die größten Aussichten werden »Drop ins« eingeräumt: Dabei werden petrochemische gegen biobasierte, aber chemisch strukturgleiche Kunststoffe ausgetauscht. Der Vorteil: einfache Integration in die Fertigung, keine Abstriche bei Materialverhalten, Verarbeitbarkeit und Entsorgung. Allerdings seien die Bio-Werkstoffe noch um den Faktor 1,3 bis 2,5 teurer, erklärt Endres. Der höhere Preis ist neben Vorurteilen hinsichtlich Leistungsfähigkeit und Materialeigenschaften der größte Hemmschuh. Hersteller berichten, dass sie noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssten, das Interesse an umweltfreundlichen Produkten beim Kunden aber durchaus da sei.

Mit steigender Produktion sollen Skalierungseffekte den Preis weiter sinken lassen. Den Durchbruch erwarten Experten wie Endres aber durch den immer knapper und teurer werdenden Rohstoff Erdöl. »Damit wird sich der bestehende Preisnachteil angleichen.« Europa ist führend in Forschung und Entwicklung und auch als Absatzmarkt. Die Menge der Produktionsanlagen wächst hingegen in Asien und Südamerika am stärksten, der Verband European Bioplastics fordert daher Unterstützung durch die Politik.