George Yin, Präsident von Mornsun »Kopieren ist keine Option!«

Alleinstellungsmerkmal eigenes PWM-Controller-IC

Ich bin neugierig auf Ihren eigenen Controller-IC. Es gibt viele Standard-ICs auf dem Markt, zum Beispiel von Linear Technology, Texas Instruments oder Maxim. Warum haben Sie einen eigenen entwickelt?

Dies ist eine weitere Möglichkeit, uns vom Wettbewerb zu differenzieren sowie unseren eigenen Bedürfnissen und denen unserer Kunden gerecht zu werden. Wir haben festgestellt, dass die auf dem Markt erhältlichen Controller-ICs unsere Anforderungen nicht erfüllen. Zum Beispiel erzeugen viele resonante Topologien bei niedriger Last von uns Menschen hörbare Geräusche. Mit unserem Chip können wir die Schaltfrequenz nach unten auf einen minimalen Wert begrenzen. Dieser liegt über zwanzig Kilohertz, also jenseits des menschlichen Gehörs, sodass unsere Stromversorgungen niemandem mehr den Schlaf rauben. Vor fünfzehn Jahren machten wir einen ersten Versuch, ein eigenes Controller-IC zu bekommen. Wir haben ein IC-Designhaus beauftragt, einen Chip zu entwickeln, aber sie konnten nicht liefern. Also haben wir ein anderes De signhaus engagiert. Diese lieferten uns zwar ein Design, aber als wir wollten, dass sie es verfeinern, bekamen wir eine Absage. Nach diesen zwei negativen Erfahrungen haben wir uns entschlossen, einen eigenen Chip zu entwickeln. Zwar haben wir viel Erfahrung im Entwurf von Stromversorgungen, aber nicht im Entwurf von integrierten Schaltungen. Das war ein völlig neues Gebiet für uns. Unser 20-köpfiges IC-Designteam hat zehn Jahre gebraucht, aber jetzt haben wir es geschafft. Neben dem Design selbst mussten wir auch sehr sorgfältig darauf achten, kein Patent oder geistiges Eigentum zu verletzen.

Und weil wir unser eigenes Chipdesign haben, sind wir nicht auf einen Standard-IC-Hersteller angewiesen. Wenn ein solcher ein Produkt abkündigt, dann gibt es immer die Herausforderung, eine passende Ersatzkomponente zu finden, oder Sie müssen Ihr Produkt redesignen. Außerdem können wir mehr Funktionen in den Chip integrieren. Dies hat den Vorteil, dass wir weniger Komponenten benötigen, was wiederum die Zuverlässigkeit unserer Stromversorgungen erhöht. In einigen R3-Wandlern zum Beispiel haben wir nur vier Bauteile, unsere Konkurrenten acht bis zehn.

In Deutschland ist Mornsun als Joint Venture mit SE Spezial-Electronic vertreten. Warum haben Sie sich entschieden, mit einem lokalen Partner zusammenzuarbeiten, anstatt Ihre Produkte nur über die Distribution anzubieten?

Die Gründung einer deutschen Niederlassung ist eine Revolution in unserer Marketingstrategie. Mornsun ist zwar stark in Forschung und Entwicklung, wir haben kosteneffektive Produkte und können kostengünstig in großen Massen fertigen, aber hinsichtlich Vertrieb und Markenbildung waren wir bislang nicht adäquat aufgestellt. Demgegenüber ist SE Spezial-Electronic in Deutschland ein bekannter Elektronikdistributor mit komplettem Verkaufsnetz, professionellem Marketingteam, erfahrenen FAEs und hervorragendem Logistiksystem.

Wir glauben, dass die enge Zusammenarbeit zwischen uns beiden in Form eines eigenständigen Joint Ventures eine gute Wahl bei der Komplementarität von Ressourcen ist. Sie verbindet unsere hochwertigen Produkte und unseren technischen Support in puncto Anpassung, Anwendungsdesign und Systemlösungen mit einer lokalen deutschen professionellen Serviceplattform. Damit können wir Kunden noch umfassendere Dienstleistungen rund um unsere Produkte und Technologien bieten.

Blicken wir noch in die Zukunft. Was will Mornsun in den nächsten fünf Jahren in Bezug auf Technologie, Produkte und wirtschaftliches Ergebnis erreichen?

Momentan liegt unser Umsatz bei 99 Millionen US-Dollar, und bis 2022 streben wir einen Wert von 300 Millionen an. In Deutschland haben wir derzeit einen Marktanteil von zwei Prozent und streben einen Wert von fünf bis acht Prozent in fünf Jahren an. Im selben Zeitraum wollen wir unser Entwicklerteam auf tausend Ingenieure erweitern.

Bezüglich Innovationen konzentrieren wir uns in der nächsten Zeit besonders auf die Modularisierung der Stromversorgungsarchitektur. Wir werden kontinuierlich mit einer Frequenz von zwei bis drei Jahren umfassendere und zuverlässigere Produkte entlang unserer Roadmap entwickeln. Gleichzeitig beobachten wir Markttrends und neu entstehende Industriezweige, um auch dafür passende Produkte zu entwickeln. 

Vielen Dank für das Interview, Herr Yin. 

Das Interview führte Ralf Higgelke.