Marktstudie zu Industrial IoT Optimierung geht vor Innovation

Die Marktforscher von IDC haben Entscheider aus 258 deutschen Industrieunternehmen zum Thema Industrial IoT befragt. Bereits mehr als jedes vierte ist in der Umsetzung, wobei der Fokus auf der internen Optimierung liegt, weniger auf der Innovation. Schlüsselherausforderung bleibt die Sicherheit.

Industrial IoT nimmt in Deutschland weiter Fahrt auf. Industrielle und industrienahe Unternehmen hierzulande erkennen das Potenzial des Internet of Things, sehen sich aber bei der Umsetzung nach wie vor mit nicht wenigen Herausforderungen konfrontiert. Das sind kurz gefasst die Ergebnisse einer Studie, die IDC im Juli 2019 durchgeführt hat. Bereits mehr als jedes Vierte der befragten Unternehmen hat bereits erste IoT-Projekte umgesetzt (28 Prozent). In der Pilotierung befinden sich zurzeit 15 Prozent und ein sehr hoher Anteil der Firmen (47 Prozent) plant und evaluiert aktuell neue IoT-Projekte.

Allerdings gibt es deutliche Unterschiede in den einzelnen Branchen: Während die Fertigungsunternehmen (diskrete und prozessorientierte Fertigung) besonders fortschrittlich bei der Umsetzung sind, befinden sich die Ver- und Entsorger überdurchschnittlich oft in der Pilotierung. Jedes zweite Unternehmen aus dem Handel befindet sich noch in der Planung und Evaluierung. Zudem haben Großunternehmen momentan häufiger IoT-Projekte umgesetzt als mittelständische Unternehmen. Doch der in Deutschland wichtige Mittelstand führt aktuell deutlich öfter Pilotprojekte durch beziehungsweise evaluiert und plant neue Initiativen.

Ein wichtiger Katalysator ist vor allem die Integration von IT und OT (Operational Technology), um mehr Wert aus Daten zu ziehen: Rund 27 Prozent der befragten Unternehmensvertreter halten diesen Schritt als kritisch für die Entwicklung des Unternehmens, 17 Prozent sogar als geschäftskritisch.

Die Gründe für diese Einschätzung sind vielseitig, verdeutlichen aber auch, warum IoT so viel Bedeutung beigemessen wird. Die zwei mit Abstand wichtigsten Gründe für die Auseinandersetzung mit IoT und damit auch erhofften Chancen sind Kostenreduzierungen (40 Prozent) und die Verbesserung von interner Effizienz und Produktivität (35 Prozent). Die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit über klassische, interne Optimierung steht also klar im Vordergrund. Viele denken aber auch bereits einen Schritt weiter und wollen zudem neue Kunden ansprechen (27 Prozent) und das Kundenerlebnis verbessern (26 Prozent), z. B. mit neuen, datenbasierten Services.

IoT-Plattformen immer beliebter

Um die genannten Ziele zu erreichen, müssen aber zunächst Daten gesammelt und analysiert werden. Diesen Schritt organisiert die IoT-Plattform. Es ist daher auch kein Zufall, dass der Einsatzgrad für IoT-Plattformen quasi deckungsgleich mit der konkreten Umsetzung von IoT-Projekten (28 Prozent) ist.

Wo anfangs noch Eigenentwicklungen für Pilotprojekte genügen, fehlt bei echten Umsetzungen nach Beobachtungen von IDC die Performance und Skalierbarkeit einer professionellen Plattform. Insbesondere wichtig für Industrieunternehmen – und in der Studie auch für 23 Prozent der Befragten – ist die breite Unterstützung möglichst vieler Endgeräte, Protokolle und Standards. Die IoT-Plattform übernimmt an dieser Stelle eine zentrale Funktion und hat damit auch eine große Rolle in der IT/OT-Integration.

IDC prognostiziert, dass bereits im Jahr 2020 weltweit rund 70 Prozent der Unternehmen, die sich aktiv mit IoT beschäftigen, IoT-Plattformen im Einsatz haben werden. Gleichzeitig werden dann bereits die Hälfte der Plattformnutzer mehrere Plattformen gleichzeitig einsetzen, um die Bedürfnisse all ihrer Anwendungsszenarien abzudecken.

Edge-Computing immer wichtiger

Ende 2018 setzten branchenübergreifend 12 Prozent aller Unternehmen Edge-Computing ein, in Deutschland liegen sie laut der aktuellen Studie mit 24 Prozent deutlich darüber. Die Organisationen hierzulande zeigen damit, dass ihnen der »Time to Value« der Daten, der durch die Verlagerung der Datenanalyse an den Ort der Datenerzeugung verkürzt wird, sehr wichtig ist. Die dadurch deutlich schnelleren Transaktionen bis hin zur Echtzeitverarbeitung sind daher auch größter Treiber für 34 Prozent der Unternehmen.

Ein weiterer praktischer Effekt und Einsatzgrund für 32 Prozent der Unternehmen: Die zum Teil großen Datenmassen müssen das Unternehmen nicht verlassen, was Kosten bei einer alternativen Analyse in der Cloud spart oder Kapazitäten für andere Analysen im eigenen Datencenter freigibt. »Wir gehen davon aus, dass 2022 bereits 40 Prozent der initialen IoT-Analysen am Edge stattfinden werden«, betont Elena Georg, Projektleiterin und Consultant bei IDC. »Das Core Data Center, ob im Unternehmen oder in der Cloud, wird nach wie vor relevant für umfassende und rechenintensive Analysen bleiben. Wichtig ist die leistungs- und kostenoptimale Balance zwischen Cloud, eigenem Rechenzentrum und dem Edge.«

Kommunikation bleibt divers

Die Wahl der richtigen Verbindungsart ist essenziell für das Gelingen eines IoT-Projekts. Je nach Anwendungsfall ist zu entscheiden, welche Eigenschaften notwendig sind. Deutsche Unternehmen setzen offenbar auf ein immer diverseres Portfolio aus parallel eingesetzten Verbindungsarten, um diverse Anwendungsszenarien auch optimal umzusetzen.

Laut der Befragung ist das Interesse am neuen Mobilfunkstandard 5G besonders groß. »5G bietet im Optimalfall Eigenschaften, die für IoT-Anwendungen besonders attraktiv oder sogar Voraussetzung sind: hohe Gerätedichten, hohe Bandbreiten und extrem niedrige Latenzzeiten. Damit wird 5G auch in lokalen Umgebungen als Alternative oder Ergänzung für Wi-Fi und LPWAN die Connectivity-Landschaft bereichern«, prognostiziert Marco Becker, Senior Consultant bei IDC. Im Jahr 2021 wollen bereits 73 Prozent der Unternehmen 5G für IoT einsetzen, und damit beinahe so häufig wie gängige Mobilfunkstandards (85 Prozent) und auch öfter als das extra entwickelte LPWAN (64 Prozent).

Herausforderungen beim IIoT

Bei der Umsetzung sehen sich die Befragten allerdings auch mit einigen Herausforderungen konfrontiert. Laut der Studie haben 31 Prozent der Befragten Sicherheitsbedenken. Im Rahmen der IoT-Umsetzung werden OT und IT zumindest punktuell verknüpft, was die Angriffsfläche eines Unternehmens auf die Produktion sowie auf die OT-Daten erweitert. Damit geraten auch Daten, die vorher nur in isolierten Zonen verarbeitet wurden, potenziell in die Reichweite von Cyberkriminellen.

Nahezu genauso häufig benennen 30 Prozent die hohe Komplexität von IoT-Implementierungen als Herausforderung: Wachsende Landschaften werden schnell unübersichtlich, schwieriger zu managen und lassen sich – im Hinblick auf die Sicherheitsbedenken – dann auch schwieriger lückenlos absichern.

Hier spielt auch der Mangel an Fachkräften mit Erfahrung im Bereich IoT eine Rolle, denn mehr als die Hälfte der Befragten geben an, dass fehlende Fachkräfte ihre IoT-Aktivitäten ausbremsen. Gerade Großunternehmen sehen sich mit der hohen Komplexität konfrontiert (34 Prozent), weil ihre IoT-Initiativen typischerweise einen großen Umfang haben. Dagegen ist die Sicherstellung von Budgets die größte Herausforderung der mittelständischen Unternehmen (33 Prozent).