IoT & Industrie 4.0 Kommentar: Es ist Zeit, auf den Digitalisierungszug aufzuspringen

Erich Brockard, EBV
»Wichtig ist, dass die Daten­sicherheit – bzw. Security – in den Soft- und Hardware-Designprozess eingebunden wird.«
Erich Brockard, EBV »Wichtig ist, dass die Daten­sicherheit – bzw. Security – in den Soft- und Hardware-Designprozess eingebunden wird.«

Auf politischer Bühne und großen Industrieunternehmen ist Industrie 4.0. in aller Munde. Was mich jedoch sehr beunruhigt: Es gibt diverse Studien, die belegen, dass die Digitalisierung im Mittelstand noch nicht richtig angekommen ist.

Die großen Automatisierer wie Siemens oder Bosch treiben das Thema voran, aber der Mittelstand agiert verhalten bis zurückhaltend. Auch etliche Studien aus jüngster Zeit belegen, 80 % bis 90 % der Mittelständler kennen zwar das Thema Industrie 4.0, doch nur 15 % bis 20 % setzen sich damit aktiv auseinander. Dass man mit der Nutzung von Cloud-Services und neuen – möglicherweise hochkomplexen – Algorithmen neue Geschäftsmodelle entwickeln und seinen Endkunden Vorteile verschaffen kann, sehen leider derzeit nur wenige Firmen. Gefragt sind Kreativität und Flexibilität! Zu sehen, was möglich ist und welche neuen Geschäftsmodelle sich ergeben können.

Fehlende Security? Stimmt nicht!

Es gibt viel Unsicherheit im Markt, speziell zum Thema Security. Natürlich möchte jedes Unternehmen die eigenen Daten absolut gesichert wissen. Die Unsicherheit, »was passiert mit meinen Daten« wenn diese international agierenden Cloud-Dienstleistern überlassen werden, ist verständlich. Und es muss verhindert werden, dass Anlagen über das Internet gehackt werden oder die eigene IP gestohlen oder missbraucht wird. Die Konsequenz, dann lieber erst einmal abzuwarten und nichts zu unternehmen, weil dann auch keine Security-Probleme auf Lösung drängen, ist meines Erachtens verfehlt. Dieser Ansatz ist aus meiner Sicht nicht nur falsch, sondern gefährlich, da die Digitalisierung gerade für die Mittelständler extrem wichtig ist. Ich behaupte: Security ist zumindest bis zu einem gewissen Grad lösbar. Nicht zu 100 %, das muss jedem bewusst sein, das war es nie und wird es nie sein. Ein Beispiel: Ich kenne keine Firma, die konsequent nur PCs und Notebooks ohne USB-Anschlüsse in Gebrauch hat, um so versehentliches Einspielen eines Virus oder das Speichern von Daten auf externen Datenträgern und damit eine Datenentwendung zu verhindern. Deshalb ist es erheblich besser, sich aktiv dieser Thematik zu stellen, als gar nichts zu tun. Die Vernetzung findet bereits statt – mit oder ohne uns. In den USA und in China werden mit Hochdruck neue, auch disruptive Geschäftsmodelle entwickelt, die auch den deutschen Mittelstand bedrohen können. Ich meine deshalb, anstatt sich total zu verweigern ist es besser zu kontrollieren, was und wieviel man weitergibt, die verfügbaren Technologien zu nutzen und die Geschäftsmodelle selbst zu erstellen oder zu begleiten und zu beeinflussen.

Ich meine, man muss Security ähnlich wie ein Zwiebel-Modell angehen, oder wie beim OSI-Modell auf unterschiedlichen Schichten mit unterschiedlichen Maßnahmen absichern. Doch leider herrscht häufig ein völlig falsches Bild vor: Zu Security hört man Stimmen wie »im Moment kein Thema« oder »machen wir per Software«. Die erste Stimme kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, der zweiten sei eine Internet-Recherche zum Heartbleed-Bug empfohlen. Was heute technisch möglich ist, haben wir auf der Embedded-World auf unserem Security-Stand beispielsweise gemeinsam mit Infineon gezeigt: Hardware-basierte Lösungen bieten doch einen ganz anderen Level an Schutz! Wenn heute ein Entwickler sagt, Security sei kein Thema, bedeutet das für mich, dass es den CTOs oder der Geschäftsleitung noch nicht klar ist, dass Security integraler Bestandteil eines jeden neuen Designs sein muss, denn die Konnektivität ist bereits da, die ist nicht mehr zu verhindern. Software ist nur ein Mittel, etwas zu schützen, aber mit Sicherheit nicht das allein seligmachende. Wir haben bei EBV übrigens Experten, die zu Security beraten und auch Tipps geben können, wo man sich beispielsweise ein komplettes Security-Konzept erstellen lassen kann.

Fehlende IT-Ressourcen? Stimmt nicht!

Neben vermeintlich fehlender Security gibt es im Mittelstand noch ein zweites Gegenargument: Fehlende IT-Ressourcen. Dies lässt sich bei Firmen, die jahrelang ausschließlich im Maschinenbau oder in der Elektrotechnik tätig waren, nicht wegdiskutieren. Doch es gibt zahlreiche Beratungsfirmen, die umfassend Erfahrung speziell in der Mittelstandsberatung vorweisen können und schon erfolgreich neue Geschäftsmodelle entwickelt und implementiert haben. Grundsätzlich gilt es zu überlegen: Was kann ich machen, woran ich überhaupt noch nicht gedacht habe? Da ist ein Externer vielleicht von erheblichem Mehrwert. Wir bei EBV arbeiten mit zwei Beratungsfirmen zusammen und wollen Events für Führungskräfte veranstalten. Wir beabsichtigen dazu Consulting-Firmen einzuladen und über Geschäftsmodelle ebenso zu sprechen wie über Chancen und Risiken von Industrie 4.0.

Das Problem ist, die Spreu vom Weizen zu trennen. Jeder redet über IoT und will damit Geld verdienen. Die Schwierigkeit besteht darin, herauszufinden, wer liefert Mehrwert, bei wem steckt Substanz dahinter und wer wiederholt nur, was sowieso schon jeder weiß. EBV hat den Vorteil, dass wir viele Kontakte haben und so erfahren, was läuft gut und was läuft schlecht. Wir sind sehr vorsichtig, bevor wir jemanden ins Boot holen, auch hier hat Qualität Priorität. Unsere beiden Partner können Kunden nicht nur bei der Evaluation neuer Geschäftsmodelle unterstützten, sondern auch mit Engineering-Dienstleistungen.

Andere Partner wie Fraunhofer bieten ebenfalls hoch qualifizierte Beratungsleistungen an und haben auch die Software-Expertise für Ethernet-Stacks und vieles mehr. Was Fraunhofer sehr gut kann, ist z. B. die Transformation bestehender Anlagen in die vernetzte Welt. Dies dürfte für viele ein wichtiger Zwischenschritt in Richtung Industrie 4.0 werden. Man kann ja die bestehenden Maschinenparks schlecht einfach verschrotten, dafür werden Schnitt-stellenadapter konzipiert und installiert.

Mittelstand im Abseits? Es gibt Alternativen!

In der »Plattform Industrie 4.0« mit zwei Ministerien an der Spitze, Verbänden, Großunternehmen und Gewerkschaften, fühlen sich viele Mittelständler nicht vertreten. Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) hat daher die eigene Veranstaltungsreihe »Fabrik 4.0« aufgesetzt, die am 22. April am KIT in Karlsruhe debütierte. Diese ist ein Pendant zur Plattform Industrie 4.0 für Firmen, die nicht in den großen Verbänden Bitkom usw. vertreten sind. Der Ansatz von Fabrik 4.0 ist allerdings, konkrete Lösungen zu erarbeiten. Ich denke bei der Plattform Industrie 4.0 wurde der Mittelstand nicht hinreichend eingebunden. Große wie Siemens, SAP usw. stellen eigene Leute ab, die nur dort mitarbeiten. Diese Ressourcen hat ein Mittelständler nicht. Zudem ist die Referenzarchitektur RAMI viel zu mächtig für ihre Bedürfnisse, viele Firmen finden sich darin nicht wieder.

Fazit: Der Mittelstand muss handeln – jetzt

Früher war das Markenzeichen der deutschen Industrie »hohe Qualität« das Alleinstellungsmerkmal auf dem Weltmarkt. Dies ist heute nicht mehr ganz so. Man bekommt mittlerweile auch aus China Qualität im Maschinenbau, die mit deutschen Marken mithalten kann. Klar, der deutsche Maschinenbau und die Automatisierer haben Weltruf, den verliert man nicht von heute auf morgen. Und deswegen glauben viele noch, alles sei in Ordnung. Aber in den nächsten fünf bis zehn Jahren muss die deutsche Industrie den nächsten Schritt gehen. Das deutsche Engineering hat sich Weltruf erarbeitet, Präzision ist in aller Munde. Doch jetzt gibt es neue Möglichkeiten, und diese müssen genutzt werden, sonst wird man zweiter Sieger. Nachdem wir in Deutschland die Unterhaltungselektronik-Industrie verloren haben, die Halbleiter-Industrie, die PC-Industrie und die Mobilgeräte-Industrie, könnte die 4. industrielle Revolution dazu führen, dass Deutschland auch eines seiner letzten Zugpferde am Weltmarkt verliert. Es ist an der Zeit, jetzt auf den Zug der Digitalisierung aufzuspringen.

Über den Autor:

Erich Brockard ist Director Application bei EBV Elektronik und “Missionar” des deutschen Mittelstandes beim Thema Industrie 4.0.