Zeit ist Muskel… Herzinfarkt-Ferndiagnose per Telemedizin

Der Faktor Zeit bei der Behandlung eines Herzinfarktes enorm wichtig. Gerade in den ersten Stunden nach einem Infarkt bedeutet schon der Zeitgewinn von Minuten weniger Schädigung des Herzmuskels. Wenn der Herzspezialist in der Klinik per Fernübertragung Zugriff auf detaillierte EKG-Daten aus dem Rettungswagen bekommt, lässt sich wertvolle Zeit einsparen.

Wenn ein Herzinfarkt-Patient verstirbt, liegt es meist nicht an der ärztlichen Versorgung im Krankenhaus, denn die ist in Deutschland hervorragend. Nach wie vor entfallen zwei Drittel der Gesamtsterblichkeit beim Herzinfarkt auf die Prähospitalphase und davon wiederum über die Hälfte auf die erste Stunde nach Symptombeginn. Das größte Potenzial zur Senkung der Sterblichkeitsrate bei einem Infarkt liegt daher in der Zeit, bevor der Patient im Krankenhaus ankommt. Darüber hinaus ist die Effizienz der Wiederherstellung der Durchblutung im Infarktgebiet direkt abhängig von dem Zeitintervall zwischen Symptombeginn und definitiver Behandlung.

Gerade in den ersten Stunden bedeutet schon der Zeitgewinn von Minuten weniger Schädigung des Herzmuskels. Bei einem akuten Infarkt wird die Blutversorgung des Herzmuskels aufgrund von Blutgerinnseln in einer arteriosklerotisch veränderten Engstelle eines Herzkranzgefäßes unterbrochen. Der Herzmuskel stirbt durch die Nichtversorgung mit Sauerstoff rasch ab. Die optimale Behandlung beim ST-Hebungsinfarkt (bei dem die so genannte »ST-Strecke« im EKG (Elektrokardiogramm) eine Hebung gegenüber der Nullline aufweist) ist die interventionelle Wiedereröffnung der verschlossenen Herzader in einem so genannten Katheterlabor mittels sofortigen Herzkatheters (Akut PCI).

Dieser Eingriff unterliegt jedoch zeitlichen Grenzen nach Symptombeginn. Kann diese Zeit nicht eingehalten werden, so besteht die Therapiemöglichkeit der zweiten Wahl in dem Versuch, das verschlossene Gefäß bereits vor Ort medikamentös aufzulösen und somit die Durchblutung wieder herzustellen (Lysetherapie). Die Therapie ist also von einer schnellen Diagnose abhängig. Nicht immer kann der Notarzt vor Ort diese Diagnose exakt stellen, und erst das EKG im Krankenhaus bringt vollständige Klarheit. Bis die Diagnose gesichert ist und die Therapie eingeleitet wird, kosten verschiedene Faktoren wertvolle Zeit:

  • Der Anfahrtsweg zum Krankenhaus,
  • die EKG-Aufzeichnung mit einem Klinikgerät,
  • das Einholen des Herzkatheter-Bereitschaftsdienstes nach erfolgter Diagnose und
  • der Transport zu einem weiteren Krankenhaus im Falle von nicht bestehender Behandlungsmöglichkeit.

Mit telemedizinischen Lösungen lässt sich wichtige Zeit gewinnen. Dabei sind zwei Varianten möglich: Der erste Weg besteht darin, die Überwachungsmonitore des Rettungsdienstes mit einem 12-Kanal-EKG auszurüsten und eine Daten-Fernübertragung direkt oder über eine Relais-Station einzurichten. Der zweite Weg sieht vor, ein externes 12-Kanal-EKG mit Relais-Station einzusetzen. Diesen Weg hat die Firma Corscience in Erlangen gewählt und zusammen mit dem Karlsruher Unternehmen Avetana das telemedizinische EKG-System »TE-SYS« entwickelt.

»Es war spannend zu verfolgen, wie die Ärzte eine technische Neuerung unbedingt für eine verbesserte Patientenversorgung einsetzen wollten«, freut sich Moritz Gmelin von Avetana, »zusammen mit dem Team von Prof. Dr. Spiecker aus Marl konnten wir schnell aus einer Idee ein marktfähiges System entwickeln«. Das System besteht aus mobilen 12-Kanal-EKG-Geräten mit Bluetooth-Schnittstelle, Mobiltelefonen zur Datenübermittlung und einer Klinik-internen Server-Software. Am Einsatzort schließt der Notarzt das EKG-Gerät an und sendet die Daten des 12-Kanal-EKGs über ein Mobiltelefon ins angeschlossene Krankenhaus, dort werden diese direkt auf dem Klinik-Server empfangen und in einer Datenbank abgespeichert.

Anschließend informiert das System den Dienst habenden Arzt über das Eintreffen eines EKGs und zeigt ihm die Daten am Rechner, zum Beispiel in der Notaufnahme, in normaler EKG-Software an. Somit kann der Arzt das EKG sofort analysieren, auch Vermessung sowie Interpretation sind möglich (Bild 1).

Er kann mit dem Kollegen im Rettungswagen weitere erforderliche Maßnahmen besprechen und diskutieren, welche Klinik angefahren werden soll. Dort wird das Herzkatheter-Team alarmiert, und der Eingriff kann frühzeitig vorbereitet werden. Sofort nach Eintreffen des Patienten in der Klinik kann die Intervention selbst ohne Zeitverlust erfolgen. Als erstes Krankenhaus hat das Marien-Hospital in Marl TE-SYS eingesetzt. Hier wollte man unbedingt die Zeit verkürzen, bis eine Katheter-intervention beim ST-Hebungsinfarkt-Patienten durchgeführt wird. Für den Chefarzt der dortigen Kardiologischen Klinik, Prof. Dr. Martin Spiecker, war von Anfang an klar, warum Telemedizin zum Einsatz kommen muss: »Zeitersparnis bedeutet weniger Todesfälle und weniger Spätschäden.

In den ersten Stunden zählt jede Minute!« Allerdings nutzt die EKG-Fernübertragung nur dann etwas, wenn die Darstellung des EKGs in der Klinik eine genaue Diagnose erlaubt. Mediziner beklagen sich oft über die Qualität der Darstellung, soweit ein EKG mittels Fax übertragen wird. TE-SYS löst dieses Problem auf einfache Art und Weise. Da EKG-Rohdaten übertragen werden, kann die Darstellung in einer normalen Ruhe-EKG-Software erfolgen. Die Darstellung ist so klar als ob der Patient im Raum sitzt.

»Die Qualität der EKG-Darstellung hat uns tatsächlich positiv überrascht. Das EKG wird ganz normal dargestellt und man erkennt überhaupt nicht, dass es sich um eine Fernübertragung handelt«, gibt Dr. Rudolf Sack, Chefarzt der Kardiologie der zweiten angeschlossenen Klinik, des Elisabeth-Krankenhauses in Recklinghausen, zu. Nun lag es am ärztlichen Leiter des Rettungsdienstes im Kreis Recklinghausen, Dr. Nicolaus Schuback, alle Gemeinden, die Träger der Rettungswachen sind, von dem System zu überzeugen: »Es wurden mir immer zwei Fragen gestellt: Wie einfach ist das System anzuwenden und wie sieht es mit dem Datenschutz aus?«.

Die Befürchtungen zum Datenschutz ließen sich schnell ausräumen, denn in TE-SYS werden keine personenbezogenen Daten übertragen. Das einzige, was im Krankenhaus ankommt, sind die EKG-Daten und die Kennung des Notarztwagens. Die Anwenderfreundlichkeit gefiel den Rettungsdiensten auch. Je nach Einsatzort ist das jeweils nächstliegende Krankenhaus anzufahren, daher muss auch die Datenübertragung flexibel sein. Ein Auswahlmenü vor dem Datenversand gewährleistet diese Flexibilität. Die telemedizinische EKG-Datenübertragung spielt ihren größten Trumpf, nämlich die Zeit des Transportes schon zur Behandlungsvorbereitung zu nutzen, in Gebieten aus, in denen lange Anfahrtswege zur Klinik bestehen. Weitere Vorteile sind:

  • Die Patientenzuweisung durch den Rettungsdienst wird nachvollziehbar,
  • Infarktpatienten mit ST-Strecken-Hebung werden gezielt in Kliniken mit Katheterlabor gefahren. Alle anderen Patienten können in das nächstgelegene Krankenhaus gebracht werden,
  • der Notarzt vor Ort kann bei Bedarf fachliche Unterstützung erhalten.

Im Ergebnis sind nun alle zehn Notarztwagen im Kreis Recklinghausen mit EKG-Gerät und Mobiltelefon sowie drei Kliniken, die ein Katheterlabor vorhalten, mit Server und Software ausgestattet.

Eine flächendeckende EKG-Übertragung ist im gesamten Kreis möglich. »Das System trägt dazu bei, dass Patienten, die nicht unbedingt sofort einer akuten Herzkatheterintervention bedürfen, in angrenzende Krankenhäuser gebracht werden.

Es besteht eine Zusammenarbeit von Kliniken und Rettungsdienst zum Wohle des Patienten«, beschreibt Prof. Dr. Gerhard Wambach, Chefarzt der Inneren Medizin im St.-Elisabeth-Hospital in Herten, dem dritten angeschlossenen Krankenhaus, die Zusammenarbeit im Kreis.

Gleich ob die Übertragung mittels vorhandenem Überwachungsmonitor oder externem EKG-Gerät durchgeführt wird: Der Autor ist sich sicher, dass die EKG-Fernübertragung sich durchsetzen und normaler Bestandteil in der Rettungskette werden wird.

Das sagt der Spezialist zur EKG-Fernübertragung

Prof. Dr. Martin Spiecker, Chefarzt der Kardiologischen Klinik im Marien-Hospital in Marl, über den Nutzen beim Einsatz der EKG-Fernübertragung: »Die frühzeitige Erkennung des Herzinfarktes durch den Spezialisten in der Klinik führt dazu, dass

Patienten  mit ST-Hebungsinfarkt sofort in eine Klinik mit 24-Stunden-Herzkatheterbereitschaft gebracht werden und der erhebliche Zeitverlust entfällt, der sonst durch die erneute Verlegung der Patienten entsteht,

bei Herzinfarkten außerhalb der regulären Arbeitszeiten das Bereitschaftsteam schon verständigt werden kann - eine wichtige Zeitersparnis,

während der der regulären Arbeitszeit das Herzkatheter-Labor bei frühzeitiger Information freigehalten werden kann.«