Interview mit Dr. Peter Wawer, Infineon »Wir fühlen uns gut aufgestellt!«

Unser Power-Spezialist Ralf Higgelke traf Dr. Peter Wawer (rechts), Division President IPC von Infineon, auf der electronica 2018.
Unser Power-Spezialist Ralf Higgelke traf Dr. Peter Wawer (rechts), Division President IPC von Infineon, auf der electronica 2018.

Infineon hat ein sehr erfolgreiches, aber auch bewegtes Jahr 2018 hinter sich – Verkäufe, Akquisitionen und Milliardeninvestitionen. Wir trafen Dr. Peter Wawer, Division President Industrial Power Control (IPC), auf der electronica 2018 und fragten ihn zu den Hintergründen.

DESIGN&ELEKTRONIK: Herr Dr. Wawer, als wir uns auf der electronica 2016 zum ersten Mal trafen, waren sie erst wenige Monate im Amt. Damals sagten Sie, dass Sie sich einen noch besseren Go-to-Market-Ansatz wünschten [1]. Was hat sich da in diesen zwei Jahren getan?

Dr. Peter Wawer: Da hat sich einiges getan. Nehmen wir als Beispiel das Thema Digitalisierung. Unsere eigene Internetseite etwa hatten wir noch zu wenig als Vertriebskanal genutzt. Das betraf in erster Linie nicht die Informationen an sich oder die Menge, sondern wie leicht diese zu finden, und wie zeitgemäß diese aufbereitet sind. Denn unser Kunde soll sich intuitiv zurechtfinden und schnell die richtigen Produkte für seine Applikationen identifizieren können. Dazu kam dann auch noch der eigentliche Bestellvorgang. Hier haben wir vieles kundengerechter gestaltet, sowohl im Frontend als auch im Backend. Ein solcher Verbesserungsprozess ist aber nie abgeschlossen: In den vergangenen zwei Jahren haben wir viel in unsere Webseite und die damit verbundenen Services investiert und arbeiten weiter daran.

Was wir darüber hinaus verbessert haben, ist das an unterschiedliche Regionen angepasste Informationsangebot. Die regionalen Unterschiede bestimmen jetzt, wie dieses angeboten werden soll. Das beginnt schon bei der Sprache; neben Englisch brauchen wir daher den Content auch in anderen Sprachen – allen voran natürlich Chinesisch…

…wie ticken chinesische Ingenieure denn?

In China ist Geschwindigkeit das Maß aller Dinge. Dort ist der Konkurrenzdruck deutlich höher – nicht nur im globalen, sondern auch im nationalen Wettbewerb. Time-to-Market ist alles, also möglichst viele Produkte in kürzester Zeit auf den Markt zu bringen. Aus diesem Grund, und weil zum Teil auch einfach die Expertise fehlt, nutzen asiatische Kunden unsere Demo-Boards und Referenzdesigns sehr gerne als Basis für ihre Produkte. Das verkürzt die Produktentwicklung entscheidend.

Ein Beispiel hierfür ist unsere Produktfamilie iMotion. Diese umfasst dedizierte Motor-Controller und Gate-Treiber für bestimmte Anwendungsfälle wie zum Beispiel Weiße Ware. Und zusammen mit einem darauf abgestimmten Power-Modul lässt sich damit sehr schnell ein Kompressor für einen Kühlschrank oder eine Pumpe für eine Waschmaschine aufbauen – nach dem Legostein-Prinzip. Wir bieten dazu auch noch Software an, mit der unser Kunde seine Lösung dann weiter optimieren oder kundenspezifische Features implementieren kann.

Ein zentrales strategisches Ziel von Infineon lautet: Systemverständnis aufbauen. Können Sie mir konkret aufzeigen, was darunter zu verstehen ist?

Wawer: Gerne. Die gerade genannte iMotion-Plattform ist ein gutes Beispiel dafür. Wenn ich meinem Kunden vorkonfigurierte Halbleiterlösungen bieten will, dann muss ich wissen, was er wirklich braucht. Bis wohin soll die Plattform reichen, die bei allen Lösungen gleich sein soll? Und ab welchem Punkt und wie kann der Kunde dann seine Features implementieren, die ihn vom Wettbewerb differenzieren? Diese Fragestellung müssen wir beantworten können, sonst entwickeln wir am Markt vorbei.

Hierzu gehört auch, dass unsere eigene Entwicklung ja auch Zeit benötigt. Eine Technologieplattform zu entwickeln dauert viele Jahre; ein Produkt auf Basis einer solchen Plattform zu entwickeln dauert je nach Komplexität von etwas unter bis etwas über einem Jahr. Daher müssen wir rechtzeitig erkennen, welche Trends sich in den verschiedenen Märkten abzeichnen. Wir müssen vorausschauend verstehen, was morgen, idealerweise was übermorgen kommen wird. Daher arbeiten wir oft mit Leitkunden zusammen, mit denen wir dann gemeinsam die Zukunft gestalten.

Gibt es auch ein Beispiel aus dem Bereich Wide-Bandgap?

Natürlich. Komponenten aus Siliziumkarbid sind stets teurer als entsprechende Silizium-IGBTs. Die entscheidende Frage für uns lautet daher: Ab wann rechtfertigt das bessere Material den höheren Preis? Darauf lässt sich natürlich keine allgemeingültige Antwort geben, sondern dazu müssen wir die Kundenanwendung und die Systemanforderungen gut verstehen. Nur dann können wir unseren Kunden auch richtig beraten und ihm helfen, das für ihn passende Produkt aus unserem Portfolio auszuwählen – neben Silizium eben auch Siliziumkarbid und Galliumnitrid. Wir können unseren Kunden deshalb technologieunabhängig beraten und die jeweils beste Lösung für seine Designvorhaben liefern.

Der konkrete Anwendungsfall dafür sind Fotovoltaik-Umrichter. Deren Hersteller haben erkannt, dass durch den Einsatz von Siliziumkarbid-Schaltern die Systemkosten sinken – auch wenn der Halbleiter als solcher deutlich teurer ist.