Kommentar Gewinner und Verlierer des Apple-Qualcomm-Vergleichs

iPhone XS und XS Max: Qualcomm musste draussen bleiben.
iPhone XS und XS Max: Qualcomm musste draussen bleiben.

Qualcomm hat einen Sechsjahresvertrag mit Apple unterzeichnet, um die Rechtsstreits beider Unternehmen zu beenden und 5G-Modems für zukünftige iPhones zu liefern. Neben beiden unmittelbar beteiligten Firmen gibt es noch weitere Gewinner und Verlierer des Deals. Wir zeigen, um wen es sich handelt.

Überraschenderweise haben Apple und Qualcomm Frieden geschlossen: Sie haben einen Vergleich über alle Patent- und Lizenzrechtsklagen, die sie gegeneinander eingereicht hatten, geschlossen und einen Sechsjahresvertrag bezüglich der Lieferung von Qualcomm-Chips für Apple und den damit verbundenen Lizenzrechten unterzeichnet.

Qualcomm ist zweifellos der weltweit technologisch führende Hersteller von Modemchips. Apple warf zusammen mit einigen anderen Telefonherstellern und Kartellbehörden auf der ganzen Welt Qualcomm vor, seine marktbeherrschende Stellung zu missbrauchen, um den Wettbewerb zu behindern und übermäßig hohe Lizenzgebühren zu erheben.

Im Jahr 2017 verklagte Apple Qualcomm und einige Monate später untersagte Apple seinen Vertragsherstellern wie Foxconn Milliarden-Dollar-Zahlungen pro Jahr, welche diese bis dahin Qualcomm für die Modemchips in iPhones und iPads gezahlt hatten. Als nächstes ersetzte Apple die Chips von Qualcomm durch Intel-Modems.

Jetzt ist Qualcomm wieder Lieferant von Apple und Intel gibt sein Modem-Geschäft komplett auf. Hier sind die Gewinner und Verlierer des Vergleichs:

Der größte Gewinner: Qualcomm

Die Aktien von Qualcomm wurden im Herbst 2016 für 70 US-Dollar pro Aktie gehandelt. Nach Beginn des Rechtsstreits mit Apple fielen sie unter 50 US-Dollar. Für eine kurze Zeit stiegen sie wieder an, als Hock Tan, CEO des rivalisierenden Chipherstellers Broadcom, eine Übernahme von Qualcomm versuchte. Als Tan's Angebot schließlich von der Trump-Administration aus Gründen der nationalen Sicherheit blockiert wurde, fielen die Aktien von Qualcomm wieder unter 50 Dollar.

Nach Bekanntgabe des Vergleichs mit Apple stiegen die Qualcomm-Aktien um mehr als 20 % und seinen Tag später bis auf 80 Dollar, den höchsten Preis seit 2014, das Jahr, in dem die Smartphone-Verkäufe nahe ihrem Höchststand lagen.

Apple hatte jährlich 2 Milliarden Dollar oder mehr an Umsatzerlösen mit großen Gewinnmargen geliefert, da der Großteil des Geldes für Lizenzgebühren auf Patente floß. Jetzt muss Apple die in den letzten zwei Jahren zurückgehaltenen Lizenzgebühren zurückzahlen, außerdem wird Apple zukünftige Lizenzgebühren zahlen und erneut Modemchips von Qualcomm kaufen. In einer kurzen Notiz an die Investoren erklärte Qualcomm, dass der Gewinn pro Aktie, der sich letztes Jahr auf 3,69 Dollar belief, im Rahmen der Transaktion jährlich um 2 Dollar steigen könnte.

Weitere Gewinner: Telekommunikationsanbieter

Alleine die vier großen Mobilfunkanbieter in den USA (Verizon, AT&T, T-Mobile und Sprint) und die drei chinesischen Riesen China Mobile, China Telecom und China Unicom gaben Milliarden Dollar für den Aufbau von 5G-Netzwerken aus, und etwa die Hälfte der Wireless-Kunden in den USA nutzt ein iPhone. Ohne Qualcomm-Modems wäre eine zweijährige Verzögerung, bevor Apple ein 5G-kompatibles iPhone verkaufen könnte, wahrscheinlich gewesen. Nun wird Apple in der Lage sein, Geräte anzubieten, die nicht nur auf allen 5G-Netzen der vier US-Mobilfunkriesen, sondern auch in Asien und Europa laufen.

Möglicherweise haben die Anbieter Apple hinter den Kulissen sogar massiv unter Druck gesetzt, um das Qualcomm-Problem zu lösen. Sie haben das größte Interesse daran, die Kunden auf 5G zu migrieren.

Ein weiterer Gewinner: Millionen iPhone-Kunden

Intels 5G-Modem-Entwicklung fiel weit hinter die von Qualcomm zurück. Samsung und einige andere Android-Handyhersteller beginnen bereits im nächsten Monat mit dem Verkauf von 5G-kompatiblen Handys, während Apples 5G-Handy hinterherhinkt. Der Vergleich bedeutet, dass ein 5G-iPhone zumindest im nächsten Jahr zu erwarten ist.

Aber auch Kunden ohne Interesse an 5G sollten von den Qualcomm-Chips profitieren. Lange bevor 5G auf den Markt kam, wurden die iPhones des Jahrgangs 2017, die mit Qualcomm-Modems ausgestattet waren, softwareseitig künstlich ausgebremst, um denjenigen mit Intels aktuellen 4G-Modems nicht überlegen zu sein (seinerzeit kaufte Apple Modems sowohl bei Intel als auch bei Qualcomm ein). Die iPhones 2018 verwendeten ausschließlich Intels 4G-Modems, hier zeigten Tests, dass die Geräte schlechter abgeschnitten haben als die Android-Handys 2018 mit den neuesten Qualcomm 4G-Chips.

Noch ein Gewinner: Apple

Apple war bereits in der Anfangsphase der kartellrechtlichen Ermittlungen gegen Qualcomm beteiligt, weil es sich von der Dominanz des mobilen Chipherstellers in die Enge getrieben fühlte. Wenn überhaupt, wird diese Dominanz jetzt verstärkt, da Qualcomm im nächsten Jahr wahrscheinlich der einzige Lieferant von 5G-Modems im iPhone sein wird. Natürlich wird gemunkelt, dass Apple daran arbeitet, seine eigenen Modem-Chips herzustellen, vielleicht rechtzeitig zu den iPhones von 2021.

Trotzdem ist Apple ein Gewinner, denn immerhin sind die Unsicherheit und mögliche Verzögerung von 5G-kompatiblen iPhones beseitigt, nachdem Apple hinter Huawei auf Platz 3 der größten Smartphone-Hersteller zurückgefallen ist.

Der größte Verlierer: Intel

Intel, der dominante Hersteller in der PC-Ära, hat von Anfang an Probleme gehabt, vom Aufstieg der mobilen Geräte zu profitieren. Der Chipriese verlor Milliarden Dollar in einem gescheiterten Versuch, mobile Atom-Prozessoren, die viel zu energieineffizient waren, für Telefone zu verkaufen. So konzentrierte sich Intel in den letzten Jahren nur darauf, im Bereich der mobilen Modemchips Erfolge zu feiern, obwohl nur ein bedeutender Kunde gewonnen werden konnte: Apple.

Nach Bekanntgabe des Vergleichs erklärte Intel, es würde seine Modementwicklungen komplett einstellen. Damit findet sie Smartphone-Ära ab sofort endgültig ohne Intel statt.

Ein weiterer Verlierer: MediaTek

Der taiwanische Handychiphersteller MediaTek verzeichnete nach der Einigung von Apple-Qualcomm einen Aktien-Kursrückgang. Das Unternehmen hätte von Apples Bedarf an 5G-Modem-Chips profitieren können, wenn Intel nicht hätte liefern können. In einem Prozess, der das Kartellverfahren der Federal Trade Commission gegen Qualcomm behandelt, sagte ein Apple-Manager im Januar, dass der iPhone-Hersteller MediaTek als Lieferanten in Betracht ziehen würde.

Diese Träume der Taiwaner, die in China speziell bei Mittelklasse-Handys einen exorbitanten Marktanteil auch bei Applikationsprozessoren haben, sind zumindest was Apple angeht, damit ausgeträumt.