Infineon kauft Cypress Semiconductor Die riskante Wette vom Campeon

Dr. Reinhard Ploss, Infineon: »Die langfristigen Aussichten in unseren wichtigen Zielmärkten wie Elektromobilität, automatisiertes Fahren, erneuerbare Energien, Rechenzentren und mobile Kommunikation sind hervorragend. »Deshalb halten wir an strategischen Investitionen in die Zukunftsfähigkeit von Infineon halten wir fest.«
Dr. Reinhard Ploss, CEO von Infineon. Der Chip-Konzern investiert 9 Mrd. Euro in die Übernahme von Cypress Semiconductor.

Infineon will den US-Konkurrenten Cypress für 9 Mrd. Euro übernehmen, die größte Investition in der Firmengeschichte. Geht es nach dem Management, finden sich wie üblich bei derartigen Zukäufen viele »Synergien« und »Weiterentwicklungspotentiale«. Aber ist dieser Optimismus objektiv gerechtfertigt?

Infineon bietet den Cypress-Aktionären 23,85 Dollar je Aktie, einen Aufschlag von 34 Prozent zum Schlusskurs vom 30. Mai (die Übernahme wurde am 3. Juni bekanntgegeben) und von 46 % auf den durchschnittlichen Cypress-Aktienkurs der vergangenen 30 Handelstage vor dem 1. Juni. Infineon will die Übernahme spätestens Anfang 2020 abschließen. Dazu müssen die Aktionäre das Angebot annehmen und die zuständigen Aufsichtsbehörden der Übernahme zustimmen.

Mit letzteren hatte Infineon zuletzt schlechte Erfahrung. Die 2016 angekündigte Übernahme der Cree-Tochter Wolfspeed für 850 Mio. Dollar kam wegen wegen des Widerstands der amerikanischen Regierung nicht zustande. Anfang 2015 kaufte Infineon für rund drei Milliarden Dollar International Rectifier, was bis heute die größte Übernahme war.

Ein großer und richtungsweisender Schritt?

»Die geplante Übernahme von Cypress ist ein großer und richtungsweisender Schritt bei der strategischen Weiterentwicklung von Infineon«, kommentierte Infineon-CEO Dr. Reinhard Ploss den Deal. Er erwartet, dass die positiven Umsatzeffekte durch die Übernahme langfristig bei mehr als 1,5 Mrd. Euro pro Jahr liegen. Zusätzlich sieht er ein Sparpotenzial von jährlich 180 Mio. Euro. Nach der Transaktion peilt er ein Umsatzwachstum von neun Prozent, eine Segmentergebnis-Marge von 19 % und eine Investitionsquote von 13 % an. Laut Ploss wird die Übernahme auch dabei helfen, Infineons Präsenz in Japan und den USA auszubauen, also dort, wo der Chip-Hersteller von seinem Gesamtumsatz die geringsten Anteile zu verzeichnen hat. Die Frage ist, ob dieser Optimismus gerechtfertigt ist.

Von den reinen Zahlen her ist Cypress Semiconductor in den vergangenen Jahren vor allen dank eigener Zukäufe stark gewachsen. 2018 setzte der Konzern rund 2,5 Mrd. Dollar (2,2 Mrd. Euro) um und verdiente dabei 355 Mio. Dollar. Nach zuletzt horrenden Verlusten unter dem Enfant-Terrible des Silicon Valley, Ex-CEO T. J. Rodgers, hat dessen erst 39-jähriger Ziehsohn Hassane El-Khoury das IoT und Automotive in den Fokus gestellt – mit Erfolg. Produktschwerpunkte sind nunmehr Wireless-Chips für WiFi und Bluetooth, USB, Speicher (insbesondere NOR-Flash) und Arm-basierte Mikrocontroller für Industrie- und Automotive-Anwendungen.

Was den Ausbau der Märkte angeht, hat Cypress 2018 in den USA etwa 10 % und in Japan rund 24 % seines Umsatzes erwirtschaftet. Nach der Übernahme wird Infineons Sales-Share somit nach unserer Prognose in Japan von 7 % auf rund 11 % steigen (Cypress-Großkunden sind u.a. Honda und Toyota), in den USA jedoch unverändert bleiben. Natürlich erhöhen die 5800 Cypress-Mitarbeiter Infineons R&D-Footprint und die Gesamtpräsenz in den USA erheblich. Der größte Umsatzanteil von Cypress entfiel mit 40 % und fast 1 Mrd. Dollar 2018 auf China, Taiwan und Hongkong, also dort, wo dank Handelskrieg USA-China und rückläufigem Wachstum derzeit die größten Risiken lauern. Schaut man sich die Cypress-Umsätze nach Produkten an, fließen derzeit immer noch fast 50 % in die auch für Infineon nichtstrategischen Märkte Consumer und Enterprise.

Und dann sind da noch die Arm-basierten Mikrocontroller, die zum Teil direkt mit Infineons XMC-Familie konkurrieren oder auch im Automobil mit den TriCore-basierten Aurix-Familien. Man wird abwarten müssen, welche Harmonisierungs-Strategie wir im Controller-Bereich nach der Übernahme sehen werden.

Dr. Ploss betont gerne, dass man im Rahmen von Infineons Ansatz »Vom Produkt zum System« den Kunden eine größere Bandbreite, im Idealfall alles aus einer Hand, anbieten möchte. Schaut man sich eine Automobilanwendung z. B. für ADAS oder Infotainment an, wird man zukünftig tatsächlich mehr Chips um das Herzstück, ein SoC der Art von Renesas R-Car H3, herum liefern können. Das SoC selbst kommt jedoch von der Konkurrenz, hier will Infineon gar nicht investieren wegen des »intensiven Wettbewerbs zahlreicher Marktteilnehmer«.

Dieser Mut muss belohnt werden

Die Aktionäre haben angesichts des Preises heftig geschluckt (der Infineon-Kurs brach nach der Ankündigung um fast 10 % ein). Nachdem sich Cypress zum Verkauf gestellt hatte, gab es nicht nur vom Campeon Interesse, so dass Infineon seine Mitbewerber schlichtweg überbieten musste. Cypress‘ Produktpalette, welche einem intensiven Wettbewerb ausgesetzt ist, und das zuletzt limitierte Wachstum der Firma (in Q1 2019 musste ein signifikanter Umsatzrückgang im Vergleich zu Q1 2018 hingenommen werden), fehlende »Unique Selling Points«, wie sie z.B. International Rectifier’s GaN-Technologie war, sind ebenso Risiken wie der hohe Umsatzanteil in China im Kontext einer schwächelnden Wirtschaft insgesamt und eines drohenden US-Embargos.

Dennoch: Mir gefällt der Mut, mit Hilfe dieses Zukaufs den nächsten großen Wachstumsschritt zu gehen. Gehen die Pläne auf, wird Infineon nicht nur größer, sondern auch profitabler. Und last but not least: Nach vielen Jahren zieht der deutsche Chip-Hersteller wieder in die Top-10 der weltweiten Halbleiterindustrie ein. Angesichts der strategischen Bedeutung der Halbleiter für unsere Industrie in Deutschland ist die Übernahme auch ein wichtiges politisches Statement. Wirtschaft und Politik sollten Dr. Ploss daher beide Daumen drücken, seine ohnehin schon eindrucksvolle Karriere mit einer gelungenen Cypress-Übernahme zu krönen.