Reinhard Ploss, CEO von Infineon » China plant definitiv langfristiger! «

Die Infineon-Zentrale »Campeon«
Die Infineon-Zentrale »Campeon«

Infineon erzielt 25 % des Umsatzes in China. Im Exklusiv-Interview mit der DESIGN&ELEKTRONIK äußerte sich CEO Dr. Reinhard Ploss zur deutschen Industriepolitik und einem Sack Kartoffeln, der früher an Siemens und Bosch geliefert wurde, während heute das Menü von Google oder Alibaba kreiert wird.

DESIGN&ELEKTRONIK: Herr Dr. Ploss, Sie haben Ihr HF-Power-Geschäft an Wolfspeed verkauft, das sollte ja mal anders herum laufen. Wie wollen Sie zukünftig beim Thema 5G mitspielen?

Dr. Reinhard Ploss: Wir haben uns damit nicht aus den Hochfrequenz-Technologien verabschiedet, die sich von Radar bis in den Mobilfunk erstrecken. Wolfspeed hätte uns Zugriff auf die Substratfertigung Gallium auf Siliziumkarbid, kurz GaN-SiC, gegeben die bei Mobilfunkbasisstationen zum Einsatz kommt. Trotzdem haben wir Produkte basierend auf Galliumnitrid auf Silizium nicht terminiert. Im Gegenteil: Diese Technologie wird bei Erreichung einer höheren Integrationsdichte für mobile Endgeräte attraktiver werden wegen der viel kleineren Leistungen ist hier GaN-SiC nicht erforderlich. Wie es technologisch bei den hohen Frequenzen ab zehn Gigaherz weitergeht, sobald der 5G-Roll-out an Fahrt gewinnt, könnte noch einige Chancen bieten, die heute noch nicht klar zu erkennen sind.

DESIGN&ELEKTRONIK: Sie haben doch gerade im Kontext des geplanten Kaufes mit den hohen Frequenzen argumentiert?

Dr. Reinhard Ploss: Ein zentraler Bereich war Power. Dort haben wir nun eigenständig auf die Füße gestellt, was wir von Wolfspeed bekommen wollten: Gerade rampen wir die SiC-Power-Technologie.

DESIGN&ELEKTRONIK: Nachdem Sie ja mit der letzten Bundesregierung sehr gut zusammengearbeitet haben und unter anderem mehrfach mit Frau Merkel und Herrn Gabriel in China waren, möchte ich Sie fragen, wie sind Ihre erste Erfahrungen mit der neuen Groko? Hat sich an der politischen Unterstützung etwas geändert oder gegebenenfallssogar verbessert?

Dr. Reinhard Ploss: Auch, wenn es für langfristig belastbare Ergebnisse noch etwas früh ist: Industrie 4.0 ist als ressortübergreifende Zusammenarbeit von Wirtschafts- und Forschungsministerium entstanden. In der letzten Legislaturperiode empfand ich diese beiden Ministerien persönlich als sehr effizient. Wir erleben eine gute Zusammenarbeit mit den entsprechenden Staatssekretären und auch andere Themen haben wir sehr erfolgreich adressiert. Beispielsweise entstand noch in der Ära von Frau Wanka eine Plattform Lernende Systeme, die ich für sehr wichtig halte, um bei künstlicher Intelligenz voran zu kommen.

DESIGN&ELEKTRONIK: Warum nun gerade die?

Dr. Reinhard Ploss: Die Digitalisierung führt Mechanik und Elektronik zusammen. Dabei dürfen wir natürlich nicht die Entwicklung im Bereich der Computer aus den Augen verlieren. Ähnliche Anstrengungen gibt es auf europäischer Ebene, wo unsere Österreich-Chefin Sabine Herlitschka sehr erfolgreich ist und auch durch ihre Forschungshistorie hohes Ansehen genießt. (Anm. d. Red: Herlitschka übernahm im Februar den Vorsitz von ECSEL, eines EU-Public-Private Partnership-Programms zur Stärkung von Innovation, Forschung und Entwicklung für elektronische Komponenten und Systeme aus Europa.)

DESIGN&ELEKTRONIK: Wenn ich Sie höre, klingt das alles sehr nach Friede, Freude, Eierkuchen …

Dr. Reinhard Ploss: Na ja, bei der Digitalisierung erwarte ich schon noch weitere Schritte, gemeinsam mit der Politik. So schlecht läuft es nicht. Aber entsprechen die Fortschritte unseren Ansprüchen? Sicher nicht. Deutschland hat das Thema Digitaltechnik nie so ganz verinnerlicht.

DESIGN&ELEKTRONIK: Ist das Politikversagen?

Dr. Reinhard Ploss: Die Politik kann der Wirtschaft nicht verordnen: Macht mal ein neues Microsoft! oder Seid mal Amazon Web Services! Das muss die Industrie schon selbst tun. Die Unternehmen in Deutschland sind häufig allerdings etwas schwerfällig dabei, die Verbindung aus German Engineering und amerikanischer Softwarekompetenz hinzubekommen.

DESIGN&ELEKTRONIK: Was erwarten Sie denn von Innenminister Seehofer? In der bayerischen Staatsregierung hat er ja das Thema IT vorangetrieben …

Dr. Reinhard Ploss: Da habe ich die große Hoffnung, dass er weiterhin das Thema Cybersecurity unterstützen wird. Da sehe ich ein riesiges Potenzial. Die Politik muss den Mut haben, hier zu unterstützen: Aus kartellrechtlichen Gründen braucht es eine politische Flankierung, damit industrieweite Zusammenarbeit möglich ist, und Zusammenarbeit ist unbedingt notwendig, denn wir brauchen keine Einzellösungen, sondern ein funktionierendes Gesamtsystem.

DESIGN&ELEKTRONIK: Wenn Sie sich zeitnah drei Schritte beziehungsweise politische Aktivitäten wünschen dürften, welche wären das?

Dr. Reinhard Ploss: Als erstes soll Ecsel unbedingt in die zweite Phase also Ecsel II überführt werden. Hier ist schon viel passiert – und die bisher öffentlich gewordenen Überlegungen in Brüssel sind durchaus ermutigend. Daneben wünsche ich mir eine ministerienübergreifende Initiative zur Digitalisierung, die der Frage nachgeht, wo wir noch mehr machen können – sowohl in Grundlagen aber vor allem bei der Umsetzung.

DESIGN&ELEKTRONIK: Müssen da noch mehr Fördergelder fließen?

Dr. Reinhard Ploss: Europa und Deutschland müssen noch mehr tun, um die Anstrengungen der Wirtschaft zu unterstützen. Die Industrie investiert ja schon immense Beträge. Wir haben Aufholbedarf, was Sie beispielsweise an China sehen und seinem 120 Milliarden Euro schweren Staatsfonds. Ich halte daher eine Risikokapitalunterstützung für nötig und das Definieren neuer Prioritäten, wie etwa beim autonomen Fahren.

» Wir denken manchmal etwas kleinteilig und legen uns damit Steine in den Weg. «

DESIGN&ELEKTRONIK: Wer sollte primär von diesen Geldern profitieren, nur Start­ups oder auch Großkonzerne?

Dr. Reinhard Ploss: Ich bin ein großer Fan von synergetischer Förderung, von der Industrie, Mittelstand und Kleinunternehmen profitieren. Wir können nicht nur von Nischen leben, sondern müssen auch grundsätzliche Themen besetzten. Die Digitalisierung stellt Anforderungen im großen Maßstab. Dass es geht, zeigt Productive 4.0 in Dresden: Dort koordinieren wir eine große Zahl kleinerer Firmen, die – auf sich selbst gestellt – mit der Digitalisierung überfordert wären.

DESIGN&ELEKTRONIK: In China gibt es das Programm China 2025 – wo sehen Sie Auswirkungen auf Europa und Deutschland?

Dr. Reinhard Ploss: China plant definitiv langfristiger. Allerdings gibt es auch in Europa Projekte, die über eine Legislaturperiode hinaus angelegt sind. Dennoch müssen wir die industriepolitische Sicht noch mehr verinnerlichen. Wir denken manchmal etwas kleinteilig und legen uns damit Steine in den Weg. Industriepolitik als langfristiges Projekt täte uns gut; an vielen Stellen diskutieren wir hierzulande Dinge, die einen etwas anderen Schwerpunkt bedienen.

DESIGN&ELEKTRONIK: Kommen wir zum beliebten Thema Fachkräftemängel. Wie ist Ihre Sicht darauf?

Dr. Reinhard Ploss: Tja, es stellt sich die Frage: Begeistern wir genügend Jugendliche für Aufgaben im Mint-Bereich? Wir müssen ihnen die enorme Relevanz für unsere gemeinsame Zukunft vermitteln. In der Umweltbewegung etwa haben ja viele junge Menschen ihre Mission gesehen; solch eine ähnliche Begeisterung würde dem Technologiesektor guttun. Immerhin können wir bei Infineon unsere offenen Stellen gut besetzen – vielleicht, weil wir über die Bedeutung unserer Themen sprechen, statt zu klagen – aber ich will es nicht klein reden, Fachkräftemangel ist ein wesentliches Thema für den Industriestandort Deutschland.

DESIGN&ELEKTRONIK: Fehlt es nicht schon in der Schulausbildung?
Reinhard Ploss: Natürlich – die Faszination für diese Inhalte beginnt schon in der Grundschule, und wir brauchen Lehrkräfte, die sie vermitteln. Man kann nicht zwei Unternehmensbesuche veranstalten und erwarten, die Firmen sollten doch bitte bei den 14-jährigen eine Mint-Begeisterung auslösen, das ist vollkommen unrealistisch.


DESIGN&ELEKTRONIK: In China haben Sie kürzlich ein Joint Venture mit dem Auto-Hersteller SAIC gegründet und ihm den unaussprechlichen Namen SIAPM gegeben – SAIC Infineon Automotive Power Modules. Mit SIAPM wollen Sie unter anderem den riesigen E-Automarkt in China bedienen. Nichtsdestotrotz betonen Sie immer wieder, dass die Zusammenarbeit mit deutschen und europäischen Autoherstellern der Schlüssel zum Erfolg sei. Warum meinen Sie das, angesichts des vergleichsweise kleinen Marktes hierzulande?

Dr. Reinhard Ploss: Trotz aller Unkenrufe wage ich die Aussage: Die deutsche Autoindustrie ist technologisch führend, und hierfür entwickeln wir Lösungen. Deutsche Hersteller sind extrem präsent in China, und das prägt die technologische Entwicklung mit. Hierzulande wird sich viel ereignen, was das autonome Fahren und Grundzüge der Elektromobilität angeht. Hingegen wird China sicher stark den Takt angeben in puncto Kostenreduktion und Weiterentwicklung des elektrischen Fahrens. Dennoch unterscheiden wir gerne zwischen der technologischen Kernkompetenz und den Ländern, wo die Umsätze generiert werden.

DESIGN&ELEKTRONIK: Das klingt so, als gäbe es in China selbst keine Innovation?

Dr. Reinhard Ploss: Natürlich gibt es Themen, bei denen sich die chinesischen Unternehmen sehr sicher übers Parkett bewegen – nehmen Sie etwa unsere Kooperation mit Baidu. (Anm. d. Red: In dem sogenannten Apollo-Programm bringt Baidu seine Kompetenz in KI und beim autonomen Fahren ein und Infineon seine Expertise für die Automobilelektronik.) Als globales Unternehmen sind wir natürlich darauf angewiesen, die Kompetenzpools dieser Welt zu adressieren. Beim Thema autonomes Fahren sehen wir die entscheidenden Stärken für die Konvergenz zwischen funktionaler Sicherheit und IT dennoch in Deutschland.

» Wir achten sehr genau darauf, dass wir unseren Know-how-Vorsprung
behalten. «

DESIGN&ELEKTRONIK: Haben Sie keine Angst, Know-how in China und anderen Regionen zu verlieren?

Dr. Reinhard Ploss: Wir haben einen klaren Fokus auf den Schutz unseres differenzierenden Know-hows. Das gilt für jede Art der Zusammenarbeit – ganz gleich, ob mit Chinesen, Koreanern oder Amerikanern. Wie alle Mitbewerber haben wir nichts zu verschenken. Wir achten sehr genau darauf, dass wir unseren Know-how-Vorsprung behalten.

DESIGN&ELEKTRONIK: Wie wollen Sie das machen bei 49 Prozent Anteil an einem Joint Venture wie im Fall SIAPM?

Dr. Reinhard Ploss: Schwerpunktmäßig haben wir eine gut eingeführte Technologie mit ausgereiften Modulen in das Joint Venture eingebracht, während über die Beteiligung von SAIC ein besserer Marktzugang ermöglicht wird.

DESIGN&ELEKTRONIK: Betrifft das auch die Fertigung?

Dr. Reinhard Ploss: Natürlich ist die Modulfertigung auch Bestandteil des Joint-Ventures. Proprietär bei Infineon liegt weiterhin die Fertigung der Chips sowie die Entwicklung neuer Modulgenerationen, die sich noch nicht im Scope des Joint Ventures befinden.

DESIGN&ELEKTRONIK: Wird das neue Joint Venture Auswirkungen auf Ihren Standort Warstein haben, von dem aus Sie China ja bislang exklusiv beliefert haben?

Dr. Reinhard Ploss: Überhaupt nicht. Das Wachstumspotenzial der Elektromobilität ist gigantisch. Vielmehr müssen wir – losgelöst von dem Joint Venture – überlegen, wie wir unsere Fertigungskapazitäten auch für andere Bauformen erweitern. Der Entwicklungs- und Fertigungsstandort Deutschland ist dabei essenziell. Warstein kann sich voll darauf konzentrieren, den Ramp der hiesigen Produktion zu managen und Innovation voranzutreiben.


DESIGN&ELEKTRONIK: Auf dem Mobile World Congress haben Sie eine Lösung zur Spracherkennung vorgestellt. Ist das ein erstes Ergebnis Ihrer Beteiligung an XMOS?

Dr. Reinhard Ploss: Spracherkennung hat bei uns schon eine längere Historie, wenn Sie an die Silizium-Mikrofone denken. Zunächst wollten wir den Weg alleine gehen. Allerdings sind Kooperationen – wir wie sie mit XMOS und anderen unterhalten – zum beiderseitigen Nutzen. Denn neben der reinen Spracherkennung braucht es auch eine Technologie, welche diese unterstützt, zum Beispiel unsere sehr rauscharmen Silizium-Mikrophone. Daneben kommt es auf Software an, wobei XMOS sehr gut aufgestellt ist. Und schließlich kommt bei unserer Lösung Radar zum Zug: Da braucht es neben unseren Komponenten immer auch jemanden, der überlegt, wie er sie im System am besten nutzen kann.

DESIGN&ELEKTRONIK: Da hat sich die Welt erheblich gewandelt in Ihrem Marktauftritt, richtig?

Dr. Reinhard Ploss: Stimmt. Früher bin ich zu Siemens oder Bosch gegangen und habe gefragt: Was braucht ihr denn? Dann hieß es: Einen Sack Kartoffeln, und den haben wir geliefert. Heute reden wir mit Leuten, die sich das Menü überlegen, wie Google, Alibaba und Co. Das ist nicht trivial.

DESIGN&ELEKTRONIK: Inwiefern nicht?

Dr. Reinhard Ploss: Wir haben zum Beispiel eine 3D-Kamera, die technisch wirklich toll ist. Die Frage ist jedoch: Erkennen Hersteller und Nutzer den Mehrwert? Wie viel soll bei der Spracherkennung bereits auf der Geräteebene erfolgen? Wieviel soll vorverarbeitet werden? Jeder der bekannten Großkonzerne macht das anders.

DESIGN&ELEKTRONIK: Also geht Ihre Zusammenarbeit mit XMOS und Co. weiter?

Dr. Reinhard Ploss: Ja; der Verbund geht über XMOS deutlich hinaus und wir werden die Zusammenarbeit weiter ausbauen. Ein Stützpfeiler dabei ist unser Infineon Innovation Center im Silicon Valley, das wir sukzessive ausbauen.

DESIGN&ELEKTRONIK: Beim Thema Industrie 4.0 spüre ich immer noch große Zurückhaltung bei kleinen Firmen und in weiten Teilen des Mittelstands. Was muss getan werden, um dort mehr Begeisterung für die sich ergebenen Chancen zu entfachen?

Dr. Reinhard Ploss: Die Frage ist immer: Wie entsteht Wert für den Endnutzer und als nächstes wie kann der Lieferant profitieren? Eine intelligente Schleifscheibe kann praktisch sein, hilft da aber nur bedingt die nächste Generation zu entwickeln. Ich glaube, es ist wichtig, etwa bei Mittelständlern über Marktplätze und Plattformen des Austauschs zu sprechen, um aufzuzeigen, was alles möglich ist. Viele sind heute leider noch in alten Denkmustern verhaftet. Das erfolgreiche Denken der Vergangenheit ist das Problem für die Zukunft.
Wir haben im Unternehmen den strategischen Ansatz vom Produkt zum System, womit wir einem ähnlichen Phänomen begegnen wollen. Daher sage ich gerne: Legt mal den Bleistift zur Seite, und dann schauen wir nicht: Was ist der nächste mögliche technologische Schritt? Sondern wechseln die Perspektive: Wo ist der größte Nutzen – für den Kunden und für unser Unternehmen?

DESIGN&ELEKTRONIK: Es kann ja nicht Ihre Aufgabe als Chip-Hersteller sein, die Unternehmen zu überzeugen, welche Chancen ihnen Industrie 4.0 bietet. Wen sehen Sie dort in der Verantwortung?

Dr. Reinhard Ploss: Verbände, Industrie- und Handelskammer oder der BDI haben hier eine klare Rolle. Aber auch die großen Cluster, wie in Dresden, können etwas bewegen. Ich bin kein Freund davon, ein Institut an jedem Ort dieser Welt aufzubauen. Vieles ist schon da; die Frage ist, wie die Annäherung möglich ist. Ein Grundsatz, der mir persönlich gefällt, ist zum Beispiel: Konzentriere dich auf die low hanging fruits; also: ausprobieren, lernen, ausprobieren, lernen, ausprobieren. Wir machen das im Unternehmen genauso, obwohl wir schon ein halb digitalisiertes Unternehmen sind. Wie wollen Sie das Ende einer Geschichte erahnen, die Sie zusammen schreiben? Das geht nicht ohne Offenheit und Agilität.

DESIGN&ELEKTRONIK: Man kann in der Industrie einen klaren Trend zur Standardisierung wie Arm erkennen. Sie haben ja noch diverse proprietäre Architekturen wie TriCore im Angebot, wie sehen Sie dort mittel- und langfristig Ihren Weg?

Dr. Reinhard Ploss: TriCore hat seine Bedeutung wegen der hohen Real-Time-Performance, aber auch hier werden wir überlegen, wie wir die Arm-Cores einsetzen, zum Beispiel komplementär auf der Compute-Seite. Da hat es keinen Sinn, Wettbewerb zu Arm aufzusetzen. Auf der anderen Seite dürften wir mehr und mehr leistungsfähige Peripherie sehen, um die Signale zu verarbeiten oder KI-Instanzen zu etablieren. Bei Aurix haben wir beispielsweise für den Radar FFT-Maschinen eingebaut. Wir werden Arm sicher weiter adaptieren. Aber wir werden bei Aurix weiterhin unsere Kompetenz betonen, etwa hinsichtlich funktionaler Sicherheit, damit er beispielsweise weiterhin als Supervisor in den verschiedenen Adas-Plattformen dient.

DESIGN&ELEKTRONIK: Wie lange können Sie Ihren Flash-Speicher eigentlich noch schrumpfen?

Dr. Reinhard Ploss: Also, bis zu Strukturen von 28 Nanometer sollte es auf jeden Fall gehen und dann sehen wir mal weiter. Die großen Computing-Plattformen für autonomes Fahren von Nvidia oder Intel beispielsweise nutzen mit ihren großen Programmen ohnehin externen Flash-Speicher. Vermutlich wird sich die Auto-Architektur in Host und Client aufteilen. Wir sind darauf vorbereitet.

DESIGN&ELEKTRONIK: Herr Mayrhuber hat Sie im vergangenen Februar als Chef des Aufsichtsrats verlassen, was verdanken Sie ihm?

Dr. Reinhard Ploss: Als ich CEO wurde, hatte ich das Problem, dass ich ein Netzwerk außerhalb von Infineon aufbauen sollte. Da hat mir Herr Mayrhuber mit seinem Überblick sehr geholfen. Ich glaube, dass es auch für die nächste CEO-Generation extrem wichtig sein wird, eine Netzwerk-Unterstützung zu bekommen. Das ist auf globaler Ebene nicht trivial. Aber das ist nur ein Beispiel, es gibt noch mehr Aspekte wo er mich unterstützt hat. Aber ich freue mich, dass Herr Eder als neues Mitglied im Aufsichtsrat seine Kompetenz etwa im Bereich der Organisationsentwicklung und auf dem internationalen Parkett einbringt.

DESIGN&ELEKTRONIK: Organisationsentwicklung ist ein gutes Stichwort: Sie wollen künftig pro Jahr im Schnitt um neun Prozent wachsen, wie wird Infineon in zehn Jahren aussehen?

» In zehn Jahren gibt es zum Beispiel keinen Ploss mehr, der mit fast jedem Entwickler redet. «

Dr. Reinhard Ploss: Die Organisationsform wird nicht mehr so sein heute, es gibt dann zum Beispiel keinen Ploss mehr, der mit fast jedem Entwickler redet. Und das ist auch gut so. Stellen Sie sich mal vor, wir haben dann 10.000 Entwickler, das wird einfach nicht mehr möglich sein. Da müssen wir ganz anders denken als heute. Das einzige wichtige Versprechen, das ich der Firma gegeben habe, war: Wenn ich gehe, seid ihr in der Lage, euch neu zu erfinden. Diese Fähigkeit hat das Unternehmen.

DESIGN&ELEKTRONIK: Sie sind ja ein großer Fan von langfristigem Denken, was man sicherlich auch Herrn Mayrhuber mit seinem Hintergrund Flugzeugindustrie als auch Herrn Eder attestieren kann. Können Sie mir ein Beispiel geben, wo sich bei Infineon dieser Denkansatz – nicht jedes Quartal die Rendite maximieren, sondern langfristig planen – bewährt hat?

Dr. Reinhard Ploss: Sie können bei uns nicht in Zeijahreszeiträumen denken. Nehmen Sie unsere Fertigung in Dresden: Anfangs haben viele gesagt, was macht ihr da? Jetzt sagt jeder, ohhh, Dresden – toll, was Ihr da vorantreibt! Sie können in solchen Fällen nicht fragen, wie ist die Rendite morgen? Da müssen Sie sieben bis zehn Jahre vorausdenken – ohne das aktuelle Quartal aus den Augen zu lassen.

DESIGN&ELEKTRONIK: Die Besetzung des Aufsichtsrats ist dank Corporate Governance sicher nicht einfacher geworden…

Dr. Reinhard Ploss: Wir können sicher sagen, dass unsere Corporate Governance mit einem unendlichen Satz an Regeln das Leben an der Stelle nicht einfacher gemacht hat. Denn natürlich ist es klar, dass keine Wettbewerber in den Aufsichtsrat geholt werden sollten. Es gibt außerdem eine Altersobergrenze. Ein Mitglied darf darüber hinaus nicht aktiver CEO sein und es darf nicht mehr Mandate als festgesetzt haben. Doch wir müssen aufpassen, dass das Korsett nicht zu eng wird und wir genau die gut vernetzten Leute mit Weitblick, die wir wollen, kaum noch bekommen können.

DESIGN&ELEKTRONIK: Was machen Sie eigentlich am 1. Oktober 2020?

Dr. Reinhard Ploss: Wie üblich: morgens aufstehen – wieso fragen Sie?

DESIGN&ELEKTRONIK: Ihr Vertrag läuft ja am 30.9.2019 aus …

Dr. Reinhard Ploss (lacht): Das müssen Sie den Aufsichtsrat fragen. Grundsätzlich gilt: Jeder ist ersetzbar.

DESIGN&ELEKTRONIK: Machen Sie immer noch pro Woche einen Tag CTO?

Dr. Reinhard Ploss: Das kommt drauf an, manchmal mache ich das auch an zwei Tagen. Die Aufgabe des CTO macht mir nach wie vor viel Spaß. Nichtsdestotrotz dürften wir bald 40.000 Mitarbeiter haben, und im Sinn einer agilen Organisation ist unser Ziel, immer mehr Verantwortung an die zuständigen Einheiten zu übertragen. Manchmal ist es sinnvoller, Parallelentwicklungen zuzulassen als zwei Jahre zu diskutieren und so zwar Ressourcen zu sparen, aber zu spät mit einer Lösung am Markt zu sein. Wir müssen beim Kunden präsent sein und nicht im Besprechungszimmer.

DESIGN&ELEKTRONIK: Herr Dr. Ploss, ganz herzlichen Dank für Ihre Zeit !