Fujitsu/Kontron Wie geht's weiter nach der Übernahme?

Peter Hoser (r.), Kontron, im Gespräch mit Joachim Kroll, Chefredakteur Design&Elektronik.
Peter Hoser (r.), Kontron, im Gespräch mit Joachim Kroll, Chefredakteur Design&Elektronik.

Kontron übernimmt die Industrial-Mainboard-Sparte von Fujitsu. Peter Hoser, VP Product Center Motherboards bei Kontron, erklärt im Gespräche, wie Kontron das Geschäft weiterführen will.

Design&Elektronik: Kontron übernimmt teilweise die Mainboard-Fertigung von Fujitsu. Was wird übernommen und was nicht?

Peter Hoser: Grundsätzlich übernimmt Kontron das externe Mainboard-Geschäft von Fujitsu. Der interne Bedarf an Mainboards für die Fujitsu-Systeme – Esprimo, Futro, Celsius und Primergy – ist davon nicht betroffen. Darüber hinaus geht das gesamte Equipment der Mainboard-Produktion von Fujitsu in Augsburg in den Besitz von Kontron über. Da man aber nur einen Teil dieser Maschinen für die Produktion der Mainboards benötigt, genau genommen zwei von insgesamt acht Fertigungslinien, wird das weitere Equipment entweder verkauft oder verteilt auf andere Kontron-Fertigungsstandorte, wie zum Beispiel in Ungarn oder Österreich. Die gesamte Übergabe wird sich bis nächstes Frühjahr hinziehen. Während dieser Übergangsphase wird Fujitsu die Mainboards als Auftragsfertiger weiter produzieren und Kontron dann schrittweise die Produktion geordnet nach Produktfamilien übernehmen. Im September 2020 wird dann der Standort von Fujitsu in Augsburg endgültig geschlossen.

D&E: Um die PC- und insbesondere die Board-Fertigung von Fujitsu gab es immer wieder Diskussionen – wird sie aufgegeben oder nicht. Welche Bedingungen müssen herrschen, damit eine solche Fertigung heute für einen Consumer-Hersteller erfolgreich ist?

Hoser: Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle, und grundsätzlich muss man hier zwischen einer Mainboard-Produktion und einer System-Assemblierung unterscheiden. Eine System-Assemblierung in Europa macht definitiv Sinn. Komplexe Konfigurationsmöglichkeiten, zum Beispiel hinsichtlich CPU, Speicher, WiFi oder Extension Cards, bedingen vor allem im B2B-Geschäft kleine Losgrößen – diese Systeme kann man zeitnah und zu attraktiven Preisen nur kundennah sinnvoll anbieten.

Eine Mainboard-Produktion wie die von Fujitsu wirkte da schon sehr exotisch. Allerdings machte die in der vorhandenen Konstellation auch Sinn. Das hohe Volumen wirkte sich positiv auf die Einkaufskonditionen und Herstellkosten aus. Es ergab sich auch viel Synergie bei den Einmalkosten zum Beispiel für die Entwicklung von Mainboards. Das Geschäft mit Industrie-Mainboards war hoch synergetisch und profitabel. Letztendlich hängt die Wirtschaftlichkeit einer auf Volumen ausgelegten Mainboard-Produktion in Deutschland stark von der Auslastung und konstanten Investitionen in neues Fertigungs-Equipment ab. In einem seit Jahren rückläufigen und hart umkämpften PC-Markt ist das eine große Herausforderung.

D&E: Wie verändern sich diese Bedingungen, wenn Kontron mit seinem spezifischen Industrie-Fokus diese Fertigung nun übernimmt?

Hoser: Die Produktion wird sich aufgrund der Weiterverwendung des Equipments, ergänzt um neue Fertigungs- und Prüfmittel, nicht wesentlich ändern. Aber Kontron wird zukünftig sicher mehr Wert auf das Thema Traceability sowie auf längere Lebenszyklen legen. Gerade bei Letzterem gab es bei Fujitsu Einschränkungen. Da war es meist so, dass ein Produktlebenszyklus von über fünf bis sechs Jahren mit dem Standardgeschäft kaum noch Synergien besaß und damit einen höheren Beschaffungsaufwand verursachte.

D&E: Wird Kontron mit der Übernahme seinen Fokus auf Business-Computing erweitern?

Hoser: Mit der Extended-Lifecycle-Serie und unseren Smartcase-Gehäuselösungen hatten und haben wir ein starkes Geschäft in semi-industriellen Märkten wie Kiosk, Vending, Ticketing, Infotainment oder Digital-Signage, wo man Lebenszyklen von drei, vier Jahren haben muss. Das Geschäft wollen wir natürlich auch weiter betreiben. Ein Einstieg ins hartumkämpfte Geschäft mit Business-PCs ist aber sicher nicht geplant.

D&E: Was waren entscheidende Assets, die für Kontron den Ausschlag gaben, Fujitsu zu übernehmen?

Hoser: Kontron erwirbt sämtliche relevanten Assets wie IP-Nutzungsrechte, Einkaufsrechte für fujitsu-proprietäre Produkte, Fertigungsequipment und auch die dazugehörenden Experten, um das komplette Fujitsu-Mainboard-Portfolio samt Zubehör wie spezielle Kühllösungen oder Smartcase-Kit-Solutions weiter vollumfänglich anbieten zu können.

D&E: Was machte Fujitsu für Kontron darüber hinaus noch interessant?

Hoser: Durch Fortführung des Mainboard-Geschäftes von Fujitsu stärkt Kontron seine Marktposition in diesem Segment und überlässt dieses Geschäft nicht den asiatischen Marktbegleitern. Bei all den Vorteilen, die die Übernahme mit sich bringt, darf man aber Folgendes nicht vergessen: Kontron übernimmt auch Pflichten. Dazu gehören die Produktpflege, der technische Support, der Reparatur-Service und das gesamte Lifecycle Management. Die Bestandskunden von Fujitsu werden zukünftig allumfassend von Kontron betreut und versorgt. Kontron übernimmt also nicht nur das profitable Geschäft, sondern auch eine immense Verantwortung. Aus diesem Grund wird vom Unternehmen, von Fujitsu und auch von Kontrons Fertigungspartner ETL ein enormer Aufwand betrieben und auch Einiges investiert, um den Übergang zuverlässig und nahtlos sicherzustellen.

D&E: Welche Mitarbeiter wechseln nun von Fujitsu zu Kontron?

Hoser: In erster Linie sind das Mitarbeiter aus den Bereichen Vertrieb, Marketing, Produktmanagement, Techniksupport und Entwicklung. Aber auch Mitarbeiter aus der Produktion sowie aus dem Produktions- und Test-Engineering. Fujitsu bringt sich hierbei sehr ein und unterstützt den Wechsel tatkräftig. Es ist schon bemerkenswert und erfreulich, wie engagiert und mit welchem Elan die Mitarbeiter bei Fujitsu den Übergang des Mainboard-Geschäftes zu Kontron tatkräftig unterstützen.

D&E: Es heißt ja immer wieder, dass durch Automatisierung und Industrie-4.0 Fertigung wieder von Asien nach Europa und sogar Deutschland zurückkehren würde. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Hoser: Prinzipiell muss ein europäischer Hersteller seinen asiatischen Mitbewerbern immer einen Schritt voraus sein, um kostengünstig zu produzieren. Das setzt jedoch angemessene Investitionen voraus. Aber Industrie 4.0 bietet mittlerweile marktfähige Lösungen, die europäischen Herstellern Vorteile bringen. Ich glaube, jeder Hersteller, der nicht in Industrie 4.0 oder auch in neue Anlagen investiert, der wird früher oder später abgehängt werden. Daher müssen wir uns in Deutschland zwingend mit diesem Thema beschäftigen. In diesem Zusammenhang gilt es allerdings eines zu bedenken: Wenn ein Hersteller seine Produktivität mit Industrie 4.0 steigert, muss er auch eine entsprechende Auslastung seiner Produktion haben. Das ist der Knackpunkt.

»Das Mainboard- Geschäft von Fujitsu war zwar sehr profitabel, aber eben kein Kerngeschäft – weswegen es letztlich eingestellt wurde.«

D&E: Wo in Deutschland stellt Kontron sonst noch Boards her?

Hoser: Das Unternehmen lässt viele Elektronikbaugruppen bei deutschen EMS-Partnern fertigen, zum Beispiel bei dem Auftragsfertiger ETL in Mauerstetten bei Kaufbeuren, der zur Katek Group gehört und schon seit vielen Jahren eng mit Kontron zusammenarbeitet. Dieses Unternehmen wird auch für die Zukunft ein wichtiger Partner sein. Bei der Übernahme des Geschäftes war es sowohl für Fujitsu als auch für Kontron ein wichtiges Anliegen, dem bisherigen Slogan »Designed and made in Germany« weiterhin gerecht zu werden. Darauf legen gerade unsere Kunden größten Wert. Die örtliche Nähe des Fertigers ETL vereinfacht zudem die Verlagerung der Produktionslinien von Augsburg nach Mauerstetten, wenn Fujitsu Ende Mai 2020 die Mainboard-Produktion einstellt. Hierzu laufen bereits seit Monaten umfangreiche Vorbereitungen mit vielen Beteiligten von Kontron, Fujitsu und ETL, um einen sanften und reibungslosen Übergang zu gewährleisten.

D&E: Wie steht es um die Qualität der in Asien und Europa gefertigten Boards? Gibt es da Unterschiede?

Hoser: Unsere Kunden bestätigen uns immer wieder Unterschiede hinsichtlich der Produkt-Qualität, also was das Design und die Fertigung betrifft, sowie der Qualität unseres technischen Supports. Auch bei den erforderlichen technischen Dokumenten und Tools gibt es Unterschiede. Und außerdem haben wir bei der Prüftechnik die Nase vorn, denn wir führen bei wirklich allen Mainboards einen In-Circuit-Test durch, was viele unserer Mitbewerber nicht machen; sie begnügen sich oft mit Funktionstests. Bei all diesen Punkten stehen unsere Fertigung und unsere Boards sehr gut da – und das wollen und werden wir auch unter Kontron so beibehalten: Unsere Mainboards sind und bleiben »Designed and made in Germany« beziehungsweise »Bavaria«.

D&E: Gibt es noch andere Aspekte außer der Qualität, die für eine Fertigung in Europa sprechen?

Hoser: Ja, auch das Thema Leadtime spielt eine große Rolle. Wenn ein europäischer Hersteller Boards »Made in Asia« verbaut, bedeutet das für ihn ja auch immer, dass er die Boards erst einmal in Asien bestellen muss und diese dann nach Europa geliefert werden müssen. Das heißt: Man muss mit erheblich längeren Lieferzeiten rechnen, die man entweder durch teure Luftfracht oder kostspielig und riskant durch Lagerware reduzieren kann.

D&E: Was passiert jetzt mit der Fabrik von Fujitsu in Augsburg? Übernimmt Kontron sie oder baut gar eine neue auf dem Gelände?

Hoser: Nein, das gesamte Gelände steht zum Verkauf.

Das Interview führte Joachim Kroll.