PVC-Hülle von Kabeln Ohne Weichmacher?

Kabel sorgen dafür, dass wir Strom haben und mit der Welt verbunden bleiben. Fernsehen, telefonieren, E-Mails versenden oder unsere Kleidung waschen – nichts davon wäre ohne Drähte und Kabel mit Isolierungen aus Polyvinylchlorid möglich. Doch wie steht es um die Weichmacher und das Recycling?

von Michaela Mastrantonio, Communications Manager des European Council for Plasticisers and Intermediates (ECPI).

Wie so oft bei wichtigen Durchbrüchen, die den Lauf der Geschichte verändert haben, geriet Polyvinylchlorid, abgekürzt PVC, zunächst aufgrund einer scheinbar ziemlich unspektakulären Entdeckung des deutschen Chemikers Eugen Baumann im späten 19. Jahrhundert ins Blickfeld. Das erste Mal tauchte es als weißer, spröder Feststoff in einer Vinylchloridflasche auf, die in der Sonne stehengelassen worden war. Erst ab den 1920er Jahren fand dieses thermoplastische Polymer kommerziell breiteren Einsatz, zunächst als synthetischer Ersatz für Naturkautschuk, der zunehmend teurer wurde.

Durch Weichmacher gelang es, PVC leichter zu verarbeiten und flexibel zu machen. Die Verkaufszahlen schnellten in die Höhe, als man begann, es als wasserfeste Beschichtung von Stoffen einzusetzen. Die Nachfrage wuchs weiter im Zweiten Weltkrieg, als PVC das Standardisoliermaterial für Verdrahtungen auf Militärschiffen wurde. Seit damals gehören PVC-Kabel zu den zuverlässigen Alleskönnern der Stromversorgung.

Heutzutage wird flexibles PVC in Europa hauptsächlich für Drähte und Kabel verwendet. Von den über 1,3 Mio. Tonnen Weichmachern, die in Europa verwendet werden, landen 23 % in Kabeln (Bilder 1 und 2). Weichmacher machen PVC flexibel und dadurch weniger spröde. Sie verhindern Knickstellen und dadurch Stromausfälle oder sogar Brände.

Dieselbe Haltbarkeit und Elastizität machen PVC-Kabel zur ersten Wahl für den Einsatz unter der Erde oder unter Wasser. Ohne seine Widerstandsfähigkeit gegen Druck und extreme Temperaturen müssten wir uns von modernen, nützlichen Infrastrukturen wie dem Tunnel unter dem Ärmelkanal, Kabelfernsehen, dem Internet oder Achterbahnen verabschieden, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Kleingeräte umweltfreundlich gestalten

Bereits seit den 1980er Jahren sind Stromkabel aus flexiblem PVC der Branchenstandard für PCs und elektronische Bildschirme. Heutzutage wird es viel umfassender eingesetzt, in IT-Geräten wie Smartphones und Tablets, für die Verkabelung von Wohngebäuden sowie von öffentlichen und privaten Gebäuden und darüber hinaus in vielen Haushaltsgeräten. Trotzdem bleiben Elektrokleingeräte die eigentliche Stärke – Fernseher, Radios, DVD-Player – dort hält PVC das Heft fest in der Hand, und das nicht nur wegen seiner Leistungsmerkmale.

Die International Electronics Manufacturing Initiative (INEMI) führte eine Auswertung des Lebenszyklus von Elektrokleingeräten durch und kam zu dem Schluss, dass der Ersatz von PVC durch alternative Materialien die Umweltstandards der Branche erheblich verschlechtern würden. Eine interessante Tatsache: PVC erzeugt dreimal weniger Treibhausgase als die Materialien, durch die man es ersetzen könnte.

Flexible PVC-Kabel sind sehr haltbar, sie halten unter normalen Einsatzbedingungen mehrere Jahrzehnte. Am Ende ihres Lebenszyklus lassen sie sich effizient recyceln, wenn man die PVC-Hülle von den anderen Materialien wie Kupfer oder Aluminium trennt. In Europa recycelt das im Jahr 2000 eingerichtete, freiwillige Programm VinylPlus derzeit jährlich nahezu 100.000 Tonnen alte Kabel – alleine im Jahr 2015 insgesamt über 514.000 Tonnen PVC.

Die Recyclinganlage Vinyloop ist das Flaggschiff von VinylPlus in Sachen Kabelrecycling, das auf ein physikalisches, lösungsmittelbasiertes Verfahren setzt. Die PVC-Verbindungen werden durch selektive Dissolution (Auflösung) und Filterung von verschiedenen Materialien getrennt (andere Plastiksorten, Gummi, Metall, Textilien usw.). Dieser Prozess vermeidet, dass wertvolles Plastik auf der Abfalldeponie gelagert oder verbrannt wird. Gleichzeitig produziert es gleichbleibend hochreine, recycelte PVC-Verbindungen (R-PVC), ähnlich dem Neugranulat. Diese Technik steht bereit für den Einsatz im großen Maßstab an anderen Standorten.