Brexit-Szenarien Potenzielle Auswirkungen auf die Elektronikindustrie

Einführung von Komponenten- und Produktzöllen

Ein weiterer wesentlicher Aspekt des Binnenmarkts ist der zollfreie Warentransport innerhalb der EU. Sobald Großbritannien die EU verlässt, muss ein Handelsabkommen abgeschlossen werden, das die neuen Import- und Exportvorschriften festlegt. Da aber bisher noch kein Abkommen arrangiert wurde, könnten die neuen Vorschriften deutlich strenger als bisher ausfallen. Damit wird eine Auferlegung hoher Warenzölle auch auf Elektronik wahrscheinlich. Das betrifft die Verbraucher besonders, da die erhöhten Produktions- und Versandkosten für Komponenten und Elektronikprodukte, voraussichtlich auch erhöhte Produktpreise bewirken.

Der Versand in der Produktion ist nicht die einzige Stelle, an der Zölle die Preise beeinflussen könnten – auch die Versandkosten für EU-Kunden, die Elektronikprodukte online bei Distributoren in Großbritannien (und vice versa) bestellen, könnten sich erhöhen.

Als Vorbereitung auf die potenzielle Einschränkung des freien Warenverkehrs und die Einführung von Zöllen, erhöhen viele Distributoren ihren Lagerstand an Produkten, deren Lieferanten von den Brexit-Auswirkungen voraussichtlich besonders betroffen sind.

Richard Humphreys, Senior Operations Manager bei EAO, hat diesen Effekt bemerkt:

„Obwohl unsere Lieferkette ihre Basis in der Schweiz, in Japan und in den USA hat, stellen wir aufgrund erhöhter weltweiter Nachfrage nach unseren Produkten verlängerte Lieferzeiten fest. Deswegen empfehlen wir Distributoren, zur Vorbereitung auf eventuelle Lieferverzögerungen, ihren Lagerstand unserer Produkte aufzustocken.“

Zugriff auf Facharbeit

Die Elektronikindustrie hat ein besonderes Bedürfnis nach Facharbeitern, das den kontinuierlichen Erfolg und das Wachstum der Industrie sichert. Im Binnenmarkt ist auch der freie Personenverkehr einbegriffen. Mit den bisher unklaren zukünftigen Einschränkungen ist unsicher, ob es der Industrie weiter möglich sein wird, Arbeitnehmer mühelos aus der EU und aus Großbritannien anzuwerben. Dann finden qualifizierte Arbeiter mit spezifischen Fähigkeiten nicht mehr am notwendigsten Ort ihren Einsatz.

Es bleibt abzuwarten, wie Großbritannien mit diesem Thema umgeht, da Immigrationseinschränkungen eine Schlüsselthematik der Brexit-Kampagne waren. Die Elektronikindustrie in Großbritannien hat allerdings in Bezug auf Facharbeit deutlich mehr auf dem Spiel als ihr Gegenstück in der EU. Neue Immigrationseinschränkungen könnten besonders Berufsanfänger, die ansonsten sehr an binneneuropäischen Umzügen interessiert sind, davon abschrecken in Großbritannien zu arbeiten.

Neil Harrison, CEO von Distrelec, ein Distributor für elektronische Bauelemente, Automatisierungs- und Messtechnik, geht der Brexit direkt an:

„Als EU-basierter Distributor mit Logistikzentren in der Schweiz und den Niederlanden, mit großem Kundenstamm auch in der EU, haben wir uns für die Minimierung von Brexit-Störungen für unsere Kunden positioniert. Allerdings basiert Distrelecs Erfolg zu einem Großteil auf den Schultern unserer Mitarbeiter. Wir haben Maßnahmen getroffen, um weiterhin die richtige Person auf der jeweiligen Position einstellen zu können. Aus unseren Büros in ganz Europa und unserem Enterprise-Hub in Manchester werden wir weiterhin innovativ tätig sein und geeignete Lösungen für neue Szenarien wie den Brexit finden.“