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Faktencheck zur Mobilitätswende

Schwaches Zeugnis für Elektromobilität in Deutschland

12. Oktober 2020, 11:45 Uhr   |  Ute Häußler

Schwaches Zeugnis für Elektromobilität in Deutschland
© Aral

Schleppend läuft die Mobilitätswende in Deutschland, die Elektromobilität hängt dem ursprünglichen Ziel von 1 Million E-Autos auf den Strassen bis 2020 weit hinterher.

Wie steht es um die Elektromobilität in Deutschland? Die Ergebnisse einer Horváth & Partners-Studie sind ernüchternd, es besteht aber Grund zu Hoffnung. Positiv entwickelt sich die Akkutechnologie: die Preise sinken und die Reichweite steigt - womit gleich zwei Bremser eliminiert werden können.

2020 ist gefühlt das Jahr von Corona und der Trendwende in der Elektromobilität. Laut Kraftfahrtbundesamt stieg der Anteil an den Neuzulassungen im September auf 15,6 %, mit Wachstumsraten gegenüber 2019 von 260 % für reine Stromer und sogar 463 % für Plug-In-Hybride. Für sich allein gesehen sind das beeindruckende Zahlen, nur die Basis ist immer noch gering und der Zeitverzug in der Massenverbreitung unübersehbar. Die Studie „Status Quo der Elektromobilität in Deutschland – Update 2020“ des Stuttgarter Beratungshauses Horváth & Partners klingt auch eher verhalten und misst den aktuellen Erfolg der Elektromobilität an dem von der Bundesregierung ursprünglich für 2020 ausgegebenen Ziel, 1 Million Elektroautos auf die Straße gebracht zu haben. Davon ist Deutschland noch weit entfernt. Ende 2019 waren gerade einmal 240.000 Elektrofahrzeuge unterwegs, darin eingeschlossen sind reine Stromer, Plug-in-Hybride sowie Fahrzeuge mit Range Extender. Der aktuelle Jahreswert zu Ende des dritten Quartals 2020 meldet 203.981 zusätzlich angemeldete (Teil-)Stromer. Mittlerweile wurde das Regierungsziel auf 2022 verschoben und könnte so tatsächlich in Erfüllung gehen, mit nur ein paar Monaten Verzug. Die Berater „bleiben grundsätzlich bezüglich der weiteren Durchsetzung der Elektromobilität in Deutschland positiv“ und glauben, dass „das korrigierte Millionenziel […] Anfang 2023 erreicht“ wird. Bei Annahme eines Fahrzeugbestandes von 45 Millionen würde diese Zahl 2 % aller PKW entsprechen.

Im internationalen Vergleich zeigt sich: Deutschland liegt bei der Durchsetzung der Elektromobilität nur an sechster Stelle weltweit. Führend ist China mit 3,8 Millionen Fahrzeugen 2019, gefolgt von den USA mit knapp 1,5 Millionen Elektrofahrzeugen. Deutschland positioniert sich nach Norwegen, Japan und Frankreich. In diesen Märkten hatten sich insbesondere die gewährleisteten Kaufanreife positiv auf den Absatz ausgewirkt. Mit der auf 9.000 Euro erhöhten Kaufprämie ist für 2020 / 2021 auch auf diesem Gebiet noch Luft nach oben in Deutschland.

Gründe für die schleppende Entwicklung

Als Bremse der Entwicklung haben sich die immer noch hohen Preise pro Auto und die vergleichsweise kleine Modellpalette herausgestellt. Die Anzahl verfügbaren Fahrzeugmodelle hat sich laut der Studie von 47 Modellen in 2017 auf gerade einmal 67 zu Ende des letzten Jahres erhöht. Auch an dieser Zahl sollte sich 2020 viel ändern, dennoch dominieren die Verbrenner den Angebotsmarkt und tragen dazu nur wenig zu einem signifikanten Wachstum bei. Horváth und Partners geht davon aus, dass neben weiteren Oberklasse- Modellen vor allem erschwingliche Mittelklasse- und Kleinwagen Verbraucher davon überzeugen können, auf elektronische Antriebe umzusteigen.

Hohe Fahrzeugpreise

Fallende Preise für Elektrofahrzeuge wären ein wesentlicher Treiber, das steht nach Aussagen der Analysten fest. Doch selbst unter Einberechnung des Umweltbonus müssen Elektroautointeressierte noch knapp 30 % mehr als für einen vergleichbaren Verbrenner ausgeben. Für einen Durchbruch der Elektromobilität ist dieser Wert noch zu hoch. Erst wenn durch neue, massentaugliche Elektrofahrzeuge der Aufpreis unter 10 Prozent fällt, wird nach Ansicht der Berater der Kaufpreis kein Argument mehr gegen die Elektromobilität sein. Als Preiskriterium gilt dazu  auch der Verbrauch von Elektrofahrzeugen, 2019 lag der Wert bei 10,4 kWh und damit pro rund 3 Euro pro 100 Kilometer. Auch wenn ein Verbrenner bei einem Benzinpreis von 1,00 Euro auf 5,50 kommt, der günstigere Stromverbrauch und auch die geringere KfZ-Steuer  und -Versicherung gleichen die höheren Anschaffungskosten momentan nicht aus. Steigende Stromkosten und der auch bei Verbrennern sinkende Verbrauch arbeiten in Teilen sogar dagegen.

Löcherige Ladeinfrastruktur

Auch die Ladeinfrastruktur hängt noch hinterher. Zwar wurden seit 2017 fast 19.000 neue Ladepunkte aufgebaut, in der gefühlten Wahrnehmung der Verbraucher spielen die momentan 30.000 Stromstationen aber noch keine überzeugende Rolle. Zu undurchsichtig der Anbieterdschungel, die Preissysteme und zu divers auch die angebotenen Ladeleistungen und Kompatibilitäten. Verlässlichkeit und damit Vertrauen, auf allen Strecken gut geladen an sein Ziel zu kommen, braucht an dieser Stelle mehr Homogenität. Gemäß der „Nationalen Plattform Elektromobilität“ (NPE) sollten in Deutschland bis Ende 2020 rund 70.000 öffentlich zugängliche Ladepunkte zur Verfügung stehen – eine Zahl, von der die Realität noch weit entfernt ist.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Betankung eines konventionellen Verbrenners gerade einmal 5 Minuten in Anspruch nimmt, an Schnelladesäulen ist für eine ausreichende prozentuale Füllung eines Elektroautos mindestens eine halbe Stunde einzuplanen. Auch wenn die meisten Ladestationen daheim oder am Arbeitsplatz stehen werden, die Langstreckentauglich ist für die meisten Verbraucher ein wichtiges Argument und derzeit noch nicht zufriedenstellend bzw. vergleichbar bequem lösbar.

Alltagshürde Reichweite

Eine damit verbundene große emotionale Hürde für den Durchbruch der Elektromobilität bleibt die Reichweite von Elektrofahrzeugen. Die Standardreichweiten rein batteriebetriebener Fahrzeuge haben sich durch die Einführung des einheitlichen WLTP-Standards um ca. 20 & reduziert. 2017 konnte man mit einer Batterieladung durchschnittlich 240 km fahren. 2019 lag die durchschnittliche Reichweite aller zugelassenen Elektrofahrzeuge bei knapp 325 km. Viele neu auf den Markt gekommene und reichweitenstarke Modelle stimmen optimistisch, dass die Angst und damit die Hürden durch signifikant steigende Reichweiten kleiner werden. So erreicht das aktuelle Model S von Tesla schon beachtliche 610 km Laufleistung pro Batterieladung.

Positive Aspekte und Treiber

Neben den genannten bremsenden Faktoren stellt Horváth & Partners aber auch sehr positive und die Elektromobilität unterstützende Entwicklungen fest.

Besonders zuversichtlich stimmt die Analysten die Entwicklung der Batteriekosten. Seit Jahren fallen die Preise signifikant. Die aktuelle Horváth-Prognose deutet darauf hin, dass die Kosten ab Ende 2020 unter 100 Euro pro kWh fallen werden. Die leicht verbesserte Energiedichte der verwendeten Batterien konnte dagegen nicht als ausreichend positiver Wachstumstreiber identifiziert werden. Erst 2017 fand ein beachtlicher Sprung auf 118 Wh/kg statt (2012: 87 Wh/kg), 2019 liegt der Wert bei 134 Wh/kg und stagnierte im Vergleich zum Vorjahr. Dennoch gegen die Berater davon aus, dass sich neben den schon seit Jahren stark sinkenden Batteriepreisen auch in diesem Bereich etwas bewegt.

Die seit 2016 bestehende und 2020 erhöhte Kaufprämie ist laut der Studie als unterstützend zu werten, ebenso wie die seit 2019 eingeführt Vergünstigung für Dienstwagen mit Elektro- oder Hybridantrieb. Nichtsdestotrotz wird erst eine Kombination mit weiteren Treibern (wie z.B. Batteriekosten, Reichweite und Ladeinfrastruktur) zu einem deutlichen „Push“ der Elektromobilität in Deutschland führen.

Gesamtprognose

Der Elektromobilität stehen nach Auswertung von Horváth & Partners insbesondere die zu hohen Kaufpreise und die nur langsam wachsende Ladeinfrastruktur im Weg. Jedoch weisen vielversprechende Schritte nach vorn und die Berater gehen davon aus, dass der „Masterplan Ladesäuleninfrastruktur“ zu einer zusätzlichen Dynamik führt. Technologische Sprünge sollten sich in den nächsten Jahren ebenfalls als positive Treiber erweisen.

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