Schwerpunkte

Cepton Technologies

»Bei Lidar geht es um Safety, nicht um autonomes Fahren«

04. Mai 2020, 10:55 Uhr   |  Iris Stroh


Fortsetzung des Artikels von Teil 1 .

Lidar wird zum Hauptsensor...

Noch einmal zurück zu Level 3 und Lidar. Tesla erklärt auch heute noch, dass Lidar nicht notwendig ist, um Level 3 zu erreichen. Können Sie das kommentieren?

Ja. Aus unserer Sicht steht Tesla mit dieser Meinung alleine da. Alle anderen OEMs sind der Meinung, dass Lidar in Zukunft notwendig sein wird. Wenn man Radar und Kamera hat, wie Tesla, dann ist man in der Lage, 99 oder sogar 99,9 Prozent der Dinge auf der Straße zu erkennen. Mit Lidar deckt man also nur noch die fehlenden 0,1 oder 1 Prozent ab, über die genaue Prozentzahl kann man diskutieren. Das klingt erstmal nicht viel. Aber wer würde ein Auto kaufen, bei dem man erklären muss, dass es in einem von 1000 Fällen nicht erkennt, was auf der Straße los ist und der Fahrer vielleicht sterben kann? So ein Fahrzeug lässt sich nicht verkaufen. Lidar ist genau für dieses letzte Quäntchen an Safety, sprich: 0,1 oder 1 Prozent, zuständig. Das sind alltägliche kritische Szenarien, die uns während der Fahrt passieren könnten. Und in genau diesen Fällen, in denen Radar und Kamera nicht gut funktionieren, beispielsweise eine Kamera zur Nachtzeit, deckt Lidar die sicherheitsrelevanten Fälle ab.

Wenn wir von einem vollständig selbst fahrenden Fahrzeug (über Stufe 3) sprechen, wird Lidar zu einem Hauptsensor.
Wenn Tesla glaubt, dass es mit einem Safety Level von 99,9 Prozent leben kann, dann ist das seine Entscheidung. Das sehen andere OEMs anders. Und noch ein Kommentar zu Tesla: 2013/14 hat Tesla bereits die Behauptung aufgestellt, dass die entwickelte Hardware im Fahrzeug ausreicht, um ein autonom fahrendes Fahrzeug zu realisieren. Es fehle nur noch an der richtigen Software. Das Unternehmen kann von dieser Aussage heute nicht einfach zurücktreten und erklären, dass Lidar doch notwendig ist, um ein autonom fahrendes Fahrzeug zu realisieren. Sie haben sich selbst in eine Sackgasse geführt.

Aber wenn Lidar für ein paar 100 Dollar kommerziell verfügbar ist, wäre es ziemlich verwunderlich, wenn Tesla weiter daran festhalten würde, dass sie Lidar nicht brauchen. Ich bin mir sicher, dass sich das also in ein paar Jahren von selbst regelt.

Ein Safety-Plus von lediglich 0,1 Prozent lässt sich wahrscheinlich nicht sonderlich gut verkaufen. Damit dürfte der Preis für solche Systeme ziemlich begrenzt sein.

In der Automobilindustrie ist es heute sicherlich noch sehr schwierig, hier eine genaue Grenze zu beziffern. Aber ein Beispiel aus der Luftfahrtindustrie zeigt, dass ein Quäntchen Mehr an Safety durchaus viel Geld wert ist. Denn genau auf dieser Extra-Sicherheit beruht schlussendlich das Vertrauen der Leute, die in ein Flugzeug steigen. Wenn heute jemand in ein Flugzeug einsteigt, macht er das, ohne darüber nachzudenken, denn die Luftfahrt hat kein Sicherheitsproblem. Und genau dasselbe muss für Fahrzeuge, die Level 3 oder Level 4 entsprechen, auch gelten. Irgendwann müssen wir soweit sein, dass Menschen in diese Fahrzeuge einsteigen, ohne überhaupt darüber nachzudenken.

Im Automotive-Markt liegen die Retail-Preise für alle Systeme, die die Sicherheit betreffen, im Bereich von mehreren 1000 Dollar. Daraus folgt, dass der dafür notwendige Sensor in der Produktion im dreistelligen Bereich liegen muss, sonst würden die Systeme nicht akzeptiert. Aber noch einmal: Es gibt keinen Preis, der Lidar automatisch zum Durchbruch verhilft. Ich würde eher sagen, dass es um ein komplettes Safety-Paket geht, und das muss preislich akzeptabel sein.

Könnten rechtliche Bestimmungen helfen, um Lidar zu puschen?

Absolut. Ich hab ja schon vorhin an den Zahlen gezeigt, dass Lidar für die Bereiche zuständig ist, die Kamera und Radar nicht abdecken. Man kann aber so viele kritische Fälle aufführen, bei denen die bisherigen Sensoren nicht ausreichend gut funktionieren, dass es schnell klar wird, dass Lidar gebraucht wird. Und hier könnte die Rechtsprechung natürlich helfen. Ich bin aber auch überzeugt, dass das in den nächsten Jahren kommen wird.

Wie lange wird es also noch dauern, bis Lidar auch in der Mittelklasse ankommt?

Die Geschwindigkeit, mit der Systeme vom Premiumfahrzeug in die Mittelklasse wandern, hat in den letzten Jahren zugenommen. Als Mitte der 80er-Jahre Reifendrucksensoren in der Premiumklasse eingeführt wurden, hat es nahezu 20 Jahre gedauert, bis diese Sensoren in der Mittelklasse zu finden waren. Jetzt sind alle Fahrzeuge mit diesen Sensoren ausgestattet. Doch dieser Zeitraum ist mittlerweile viel kürzer, ich würde sagen, unter fünf Jahren. Natürlich ist davon auszugehen, dass Lidar im High-End-Bereich anfängt, aber dann dauert es weniger als fünf Jahre, bis sie in allen Fahrzeugen zu finden sein werden. Das liegt auch daran, dass sich die Entwicklungszyklen in der Automobilindustrie verkürzt haben; heute sind es nur noch vier bis fünf Jahre.

Im High-End-Bereich findet Lidar bereits jetzt langsam Einzug, also können Sie sicher sein, dass alle Hersteller von Modellen jenseits der Premiumklasse, die in vier bis fünf Jahren auf den Markt kommen, auch über die Technologie nachdenken.

Lidar gilt als wichtige Technik, an der viele interessiert sind. Wie positionieren Sie Cepton im Wettbewerbsumfeld?

Es gibt weltweit rund 50 Unternehmen, die sich mit Lidar beschäftigen. Aus meiner Sicht sind wir trotzdem ziemlich einzigartig. Denn wir sind das einzige Unternehmen, das ein System entwickelt hat, das sich durch die richtige Balance zwischen Performance, Kosten und Zuverlässigkeit auszeichnet. Es gibt Unternehmen, die mit der höchsten Performance punkten, andere mit den niedrigsten Kosten und wieder andere mit der größten Zuverlässigkeit. Aber die richtige Balance zwischen diesen drei Faktoren ist entscheidend und die haben wir mit unserem System realisiert.
Das zeigt auch das Beispiel mit Koito. Koito ist ein sehr konservatives Unternehmen, das alle Lidar-Techniken untersucht und sich dann für uns entschieden hat, weil wir eben die richtige Kombination aus allen drei Faktoren erreicht haben. Ich bin mir auch sicher, dass es in den nächsten Monaten im Lidar-Markt eine Bereinigung geben wird. Denn es wird sich zeigen, welche Unternehmen nicht die Performance-Ansprüche erreichen können, welche einfach zu teuer sind und welche Systeme den Zuverlässigkeitsansprüchen im Automotive-Markt nicht genügen können.

Seite 2 von 2

1. »Bei Lidar geht es um Safety, nicht um autonomes Fahren«
2. Lidar wird zum Hauptsensor...

Auf Facebook teilen Auf Twitter teilen Auf Linkedin teilen Via Mail teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte Artikel

Cepton Technologies