Potenzial ungenutzt

Einfache Anwendungen dominieren

Ein weiteres Ergebnis der technischen Vergleichsstudie ist, dass deutsche Industrie- und Handelsunternehmen bei komplexeren RFID-Anwendungen bislang eher zurückhaltend sind. Im Bereich des „Product Lifecycle Management“, des Konfigurations- oder auch des Änderungsmanagements gilt RFID noch als eher exotische Vision, während Unternehmen in relativ einfachen Anwendungen im Bereich des „Supply Chain Management“ sowie bei der internen Produktions- und Lagerlogistik das größte Potenzial von RFID sehen. Zweitstärkster Anwendungsbereich sind die Verwaltung der Produktionsmittel, die Lokalisierung von Betriebsmitteln und das Instandhaltungsmanagement im laufenden Betrieb. Bei diesen Anwendungen werden die hohen Erfassungsgeschwindigkeiten sowie die Beherrschung einer hohen Teilevielfalt als entscheidende Vorteile von RFID empfunden.

Die Studie hat nicht nur die Präferenz für die Implementierung eher einfacher RFIDAnwendungen zum Vorschein gebracht. Sie zeigt zudem, dass die Unternehmen bis dato nicht sehr weit fortgeschritten sind hinsichtlich der ganzheitlichen RFID-Integration in ihre Prozesse. Die Inkonsequenz bei der Automatisierung – auch unternehmensübergreifender – Prozessketten erscheint symptomatisch. So werden insbesondere wertschöpfende Unternehmensbereiche häufig nur marginal in den RFID-Projekten erfasst. Aber gerade die Integration und Optimierung der Prozesse entlang der Wertschöpfungskette mit der darauf aufbauenden Kombination von Daten-, Material- und Geldflüssen bringt Unternehmen mittel- bis langfristig Vorteile. Immerhin ist der Wille zur Kostensenkung in den Unternehmen vorhanden: Rund zwei Drittel der befragten Unternehmen geben Prozessverbesserungen und etwa 52 % geben Einsparungen bei den Logistikkosten als Ziele des RFID-Einsatzes an; gleichzeitig werden jedoch nur 40 % aller Prozesse unternehmensübergreifend integriert und automatisiert.

Unzureichende Wirtschaftlichkeitsprüfungen

Wie die technische Analyse nahegelegt hat, ist die RFID-Technologie nicht für jeden Prozess und jedes Unternehmen in gleichem Maße sinnvoll. Es bedarf in jedem Fall einer detaillierten Wirtschaftlichkeitsbetrachtung, um bereits im Vorfeld feststellen zu können, ob sich eine Automatisierung lohnt, andere Verfahren wie Barcodes eventuell sinnvoller wären oder gar auf eine Automatisierung gänzlich verzichtet werden sollte. Auf solche Betrachtungen scheint jedoch ein Großteil der befragten Unternehmen zu verzichten. So gab lediglich ein Drittel der Teilnehmer an, auf einen „Business Case“ als Anstoß für ihr RFID-Projekt verweisen zu können. Und selbst wenn eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung vorlag, wurden deren Ziele oftmals nicht erfüllt. Augenscheinlich wird viel Geld in Pilotprojekte investiert, die das eigentliche Ziel von RFID häufig verfehlen – die Beschleunigung der Prozesse, die Reduktion der Fehleranfälligkeit und somit die Senkung der Kosten.

Schlüsseltechnologie RFID

Die Erfahrungen der Unternehmen haben ergeben, dass die isolierte Integration von RFID in ausgewählte Geschäftsprozesse nicht zwingend zu spürbaren Verbesserungen und Einsparungen führt. Neben der breit genutzten Fähigkeit, Daten automatisch einzulesen, liegen bislang unbeachtete Handlungsspielräume der Unternehmen in der Möglichkeit der zeitlichen sowie örtlichen Rückverfolgbarkeit.

Insgesamt zeigt die Studie, dass RFID durchaus eine Schlüsseltechnologie sein kann, die verschiedenen Prozesspartnern zu verschiedenen Zeiten und Orten Zugang zum gleichen Datenstamm ermöglicht. Nach wie vor stehen zwar logistische Einsatzmöglichkeiten im Fokus der Unternehmen, doch bietet RFID gerade im Bereich komplexerer Anwendungen bis dato ungenutztes Effizienzpotenzial. Und dieses wird sich bei einer unternehmensübergreifenden Integration von Wertschöpfungsketten noch vervielfachen, da der Dokumentationsaufwand gerade an den Unternehmensgrenzen sehr hoch ist.

Die Studie hat auch ergeben, dass RFID heute in erster Linie eine Spielwiese für technologiebegeisterte IT-Beauftragte und Logistiker ist. Um das volle Potenzial dieser Technik ausschöpfen zu können, müssen bestehende Prozesse künftig weitgreifend durch RFID-gestützte Prozesse ersetzt und bestehende Techniken an das neue System angepasst werden. Dieses umzusetzen wird sich aufgrund steigender Komplexität der Projekte für die Unternehmen zunehmend schwieriger gestalten. Der Erfolg eines Projektes kann nicht allein durch die Auswahl der richtigen RFID-Komponenten sichergestellt werden. Gefordert sind Dienstleister, die das nötige Know-how mitbringen und ganzheitliche Lösungen zur Schaffung von Prozesstransparenz an jeder Stelle und in Echtzeit unterstützen können. Hierzu gehören sowohl die Prozessanalyse, der Business Case, das Change Management, die Hard- und Software-Integration als auch die technische Expertise.

Autoren

Dr. Ulf Glaser arbeitet als Senior Consultant für die P3 Ingenieurgesellschaft in Aachen.

Mario Isermann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT.

Dr. Michael Rübartsch ist Geschäftsführer der P3 aviation GmbH, Hamburg, und der P3 ingénieurs SAS, Toulouse.

Prof. Dr. Robert Schmitt ist Leiter der Abteilung Produktionsqualität und Messtechnik des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnologie IPT.

Inka Meyerholz, Computer&AUTOMATION