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Chancen & Hürden des EU-Mega-Projektes

Wann kommt Gaia-X auf den Shopfloor?

24. Juni 2021, 11:20 Uhr   |  Ute Häußler


Fortsetzung des Artikels von Teil 1 .

Zertifizierung und Akkreditierung offen

»Große Bedeutung kommt dem konkreten Betriebsmodell für Federation Services zu. Dort wird es auch um Fragen der Rechtssicherheit gehen, etwa in Form von konkreten Garantien, Service Level Agreements und Support«, sagt Board-Mitglied Susanne Dehmel.

Gaia-X Cloud Edge Digitalisierung Industrie 4.0 IIoT
© KIT

Sebastian Lins vom KIT sieht On-Boarding-Services über verläßliche externe Partner als essentiell für ein starkes und verläßliches Gaia-X-Label an.

Noch ist nicht klar, wie sichergestellt wird, dass Gaia-X-Dienste vertrauenswürdig laufen. Sebastian Lins vom Karlsruher Institut für Technologie hat an den Spezifizierungen des Federation Service ‚Compliance‘ mitgearbeitet und sagt, dass die Zertifizierung und Akkreditierung wahrscheinlich über erfahrene, externe Partner laufen wird. »Das können TÜV- oder bekannte Prüfgesellschaften sein, auf jeden Fall werden wir mehrere vertrauenswürdige Schultern brauchen.« Deren Aufgaben sieht Lins in einer Art On-Boarding Service mit einer katalogartigen Überprüfung von Kriterien. »Dieser Service muss auf Basis der Policy Rules transparent zeigen, dass nur sichere und zertifizierte Dienste unter dem Gaia-X-Label laufen.«

Eine gewisse Portion Skepsis gegenüber dem straffen Zeitplan ist bei mehreren Gesprächspartnern zwischen den Zeilen zu hören. »Das Projekt und die Aufgaben in Gaia-X sind wahnsinnig komplex«, sagt Lins. Auch Heinz-Joachim Schmitz ist »gespannt, wie das alles klappt«. Noch wisse er nicht, »wie die überarbeiteten Policy Rules genau aussehen, da sie sich derzeit im Review befinden, und was genau Konformität im Sinne des zukünftigen ‚Gaia-X Labels‘ bedeuten wird«. Erst dann könne eine Firma fundiert entscheiden, welche Services sie in der allgemeinen Infrastruktur und in spezifischen Datenräumen anbietet.

»Das sind dicke Bretter, die wir da bohren«, betont Andreas Weiss. »Es handelt sich um neue Technologien, die an bestehende Lösungen angeschlossen werden müssen.« Gaia-X ist ein Werteversprechen, das nicht beliebig umsetzbar sei. »Wir müssen diesen EU-Standard ernst nehmen«, sagt Weiss. Es gehe nicht um Protektionismus, aber um Transparenz und Wahlfreiheit als Alternative zu den Hyperscalern. »Da muss man auch mal besser sein!«

Noch fehlt Gaia-X echte Praxis

Parallel ist für Weiss der stetige Abgleich der Architektur mit den Anwendungsbeispielen essenziell. Ziel ist es, unter der Gaia-X-Architektur Ende dieses Jahres erste Anwendungsfälle im Pilotbetrieb zu führen. »Wir brauchen spätestens nächstes Jahr belastbare Use Cases«, fordert Heinz-Joachim Schmitz, er macht ein echtes Gelingen von Gaia-X daran fest.

Gaia-X Cloud Edge Digitalisierung Industrie 4.0 IIoT
© IBM

CTO Heinz-Joachim Schmitz von IBM hofft auf eine Sogwirkung: »Je mehr Firmen mitmachen, desto mehr Use Cases zeigen den Mehrwert von Gaia-X und neue Wege zu digitaler Wertschöpfung.«

Gaia-X kann laut Schmitz dazu beitragen, dass »die vielen Dateninseln, die heute hinter Firewalls bei Kunden existieren, koordiniert und sicher über Datenräume geöffnet werden können, um zwischen verpartnerten Unternehmen effektiver und produktiver zu arbeiten«. Der automobile Datenraum Catena-X sei so ein »großartiges Beispiel«. Schmitz hofft auf eine Sogwirkung: »Je mehr Firmen mitmachen, desto mehr Use Cases zeigen den Mehrwert von Gaia-X und neue Wege zu digitaler Wertschöpfung.« Der CTO könne sich persönlich gut vorstellen, entlang der selbstbeschreibenden Knoten Gaia-X-konforme Watson Services wie Natural Language Processing anzubieten.

»Gerade KMUs müssen sehen und verstehen, welche praktischen Anwendungen es gibt und wie die Szenarien konkret umsetzbar sind«, bestätigt Andreas Weiss. Im deutschen Gaia-X-Hub sind derzeit bereits 65 Anwendungsbeispiele in neun Domänen gestartet, allein elf davon in der Domäne Industrie 4.0. Zusätzlich läuft bis Ende 2024 ein 186 Millionen Euro schwerer Förderwettbewerb, dessen 18 Gewinner zum 30. September dieses Jahr mit weiteren, jeweils mit 10 bis 15 Millionen Euro dotierten Use Cases starten.

smartMA-X
© smartMA-X

Keran Sivalingam, smartMA-X „Uns geht es mit unserem GAIA-X Use Case darum zu zeigen, wie es funktionieren kann, wie die Produktion der Zukunft aussehen kann.“

Die Feldarbeit ist wichtig: »Erst die Realität wird zeigen, ob es funktioniert«, sagt Keran Sivalingam von der SmartFactory-KL. Das Gaia-X-Testbed kann nach Einschätzungen von IBM-CTO Schmitz eine der ersten Referenz-Implementierungen sein, mit der Gaia-X auf dem Shopfloor läuft. Sivalingam konstatiert aber auch: »Es muss noch viel Forschung betrieben werden, ehe ein Skill wie ‚Bohren‘ im Rahmen einer Gaia-X-basierten Shared Production angeboten, eingekauft und mit bei der Übertragung verschlüsselten CAD-Daten ausgeführt werden kann.«

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1. Wann kommt Gaia-X auf den Shopfloor?
2. Zertifizierung und Akkreditierung offen
3. KMU müssen sich Gaia-X-fit machen

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