Schwerpunkte

Harting & Phoenix Contact im Gespräch

Single Pair Ethernet – der Verbindungsstandard fürs IIoT?

27. Juli 2020, 08:00 Uhr   |  Ralf Higgelke


Fortsetzung des Artikels von Teil 1 .

Erste Produkte am Start

D&E: Welche Produkte mit Single-Pair-Ethernet werden Harting beziehungsweise Phoenix Contact in der nächsten Zeit auf den Markt bringen? Wie sieht da der Zeithorizont aus?

Dümke: Geplant war, auf der Hannover Messe 2020 Geräteprototypen aus Design-in-Projekten zu zeigen, die unsere Schnittstelle in ersten Applikationen zeigen. Bestückt sind diese ersten Projekte mit der IP20-Schnittstelle, die den Start dieser Produktfamilie markiert. Neben feldkonfektionierbaren Varianten werden auch einsatzfertige, umspritzte Patchkabel im Programm sein, zeitnah ergänzt durch wasserdichte M12- und M8-Stecker mit Schraubverriegelung in der Schutzart IP65/67. Geräteseitig wird Harting eine ganze Serie an Switchen für Single-Pair-Ethernet auf den Markt bringen.

Neuhaus: Auch Phoenix Contact hatte geplant, zur Hannover Messe verschiedene Produktfamilien vorzustellen. Diese umfassen sowohl IP20- als auch IP67-geschützte M8-Gerätesteckverbinder sowie entsprechende Patchkabel. Im Herbst planen wir, das Portfolio zu erweitern. Wir denken da an andere Lötverfahren, an feldkonfektionierbare Varianten oder an gewinkelte Steckverbinder.

Phoenix Contact
© Harting

Der T1 Industrial ist ein zur IEC 63171-6 konformer Steckverbinder von Harting für Single-Pair-Ethernet.

D&E: Bei der Anschlusstechnik konkurrieren derzeit zwei verschiedene Steckgesichter – eines, das Phoenix Contact zur Normierung vorgelegt hat, und das bereits normierte von Harting. Warum eigentlich? Wo liegen die Vorteile gegenüber dem jeweils anderen Steckgesicht?

Dümke: Diese Situation wollen wir bei Harting eigentlich vermeiden. Vielmehr sollte es nur einen einzigen Standard geben, an dem sich der Anwender orientiert, sodass sich der Markt schnell entwickeln kann. Andererseits ist die angesprochene Konkurrenzsituation aber auch etwas ganz Normales und sorgt dafür, dass sich die beste Lösung durchsetzt – auch in der Normung. Deswegen: Normativ ist mittlerweile alles klar. Unsere IEC 63171-6 wurde Ende Januar 2020 veröffentlicht und ist für jeden frei verfügbar, der eine umfassend genormte End-to-End-Verbindung sucht. In dieser Norm sind sowohl die IP20-Schnittstelle für die Verkabelung im Schaltschrank als auch IP65/67-Typen in den üblichen Baugrößen M8 und M12 sowie auch eine hybride Schnittstelle mit zusätzlichen Powerkontakten für die typischen Anwendungen in der Industrie genormt. Zudem haben wir das SPE Industrial Partner Network gegründet, das derzeit 22 namhafte Mitglieder umfasst, die sich dazu verpflichtet haben, die IEC 63171-6 zu nutzen und gemeinsam ein umfassendes Ökosystem für Single-Pair-Ethernet vom Halbleiter über Filter und Übertrager, Verbindungstechnik und Geräte mit SPE-Technik zu entwickeln.

Neuhaus: Wir haben uns die Anforderungen in den Applikationen unserer Kunden im Vorfeld sehr genau angesehen. Diese umfassen sowohl die Fabrik- als auch die Gebäudeautomatisierung sowie die Prozessautomatisierung. Diese drei Felder haben wir übereinandergelegt und ein Steckverbinderkonzept erarbeitet, das aus unserer Sicht hinsichtlich Miniaturisierung, Varianz und Durchgängigkeit im Portfolio die Kundenanforderungen sehr gut abdeckt. Unser Steckverbinder ist der kompakteste der Normenreihe IEC 63171 und dadurch können auch kleinere Geräte realisiert werden. Außerdem ist unser Konzept durchgängig von IP20 bis IP67 und bietet die volle Varianz beim M8-Steckgesicht. Und analog zu Harting haben auch wir ein Partnernetzwerk etabliert. Die Single Pair Ethernet System Alliance hat derzeit 15 Mitglieder.

Phoenix Contact
© Phoenix Contact

Phoenix Contact stellt Steckverbinder für Single-Pair-Ethernet nach der IEC 63171-2 (für IP20) bzw. IEC 63171-5 (für IP65/67) vor.

D&E: Frau Neuhaus, in einem Artikel von Ihnen habe ich gelesen, dass die IEEE zunächst zwei Steckgesichter – eines für die Industrie- und eines für die Gebäudeverkabelung – empfohlen hat, dann aber diese Empfehlung wieder zurückgezogen hat. Was ist da passiert?

Neuhaus: Da muss man zwei Dinge auseinanderhalten: Da ist zum einen die Standardisierung in der IEEE, die Sie angesprochen haben. Der Standard IEEE P802.3cg für Single-Pair-Ethernet empfiehlt zwei bestimmte Steckgesichter, aber das ist keine zwingende Handlungsempfehlung. Die IEEE schreibt also nicht vor, welche Steckgesichter zu verwenden seien. Vielmehr kann jeder Anwender ein Steckgesicht nutzen, das den Anforderungen der IEC 63171 genügt. Und das trifft auf die Steckverbinder von Phoenix Contact zu. Unser IP20-Steckverbinder erfüllt die IEC 63171-2, und die IP67-geschützten M8- und M12-Steckverbinder die IEC 63171-5. Zwar sind diese beiden genannten Unternormen noch nicht verabschiedet, aber auch die Mutternorm ist noch in Arbeit. Da ergeben sich gerade noch Änderungen. Wir denken also, dass wir mit Harting auf Augenhöhe sind.

Dümke: Es ist nicht üblich und auch nicht gestattet, aus internen Diskussionen der IEEE zu berichten und deshalb sind die Normenentwürfe auch nur für die Mitglieder dieser Arbeitsgruppen zugänglich. Die Information, dass IEEE 802.3cg die Verweise auf die beiden Steckgesichter nach IEC 63171-1 und IEC 63171-6 zurückgezogen hat, war auch nur für etwa vier Wochen gültig. In der nächsten Sitzung einige Wochen später wurden beide Steckgesichter nach IEC 63171-1 und IEC 63171-6 wieder eingefügt, und so ist die Norm heute auch veröffentlicht. Beide Steckgesichter sind dort als optional MDI (Member-Driven Initiatives, Anm. d. Red.) genannt, weil für Anwendungen in den Fahrzeugen vielfach andere Steckverbinder und in der Prozessindustrie meist Klemmen verwendet werden. Ein Hinweis, dass auch jeder andere Steckverbinder nach IEC 63171 verwendet werden kann, ist in der IEEE 802.3cg nicht enthalten.

D&E: Herr Dümke, zwar ist die Unternorm IEC 63171-6 verabschiedet, nicht aber die Mutternorm. Könnte das angesichts der Verlautbarung von Harting hinsichtlich Investitionssicherheit nicht vielleicht doch ein Problem werden?

Dümke: Im Unterschied zu anderen Unternormen der IEC 63171 ist die IEC 63171-6 aus der ersten eingereichten Norm für Steckgesichter für Single-Pair-Ethernet hervorgegangen, nämlich aus der IEC 61076-3-125. Diese ist, im Gegensatz zu anderen Vorschlägen, ein in sich geschlossenes und vollständiges Normendokument mit allen notwendigen Spezifikationen und Prüfsequenzen.

Nun zum Thema Investitionssicherheit: Die IEC 63171-6 ist die einzige Schnittstelle aus dieser Reihe, die in allen wichtigen Verkabelungsnormen und Anwendergruppen referenziert wird. Bereits 2018 haben sich sowohl die ISO/IEC als auch die TIA(Telecommunications Industry Association, Anm. d. Red.) nach einer internationalen Abstimmung für die IEC 63171-6 für Single-Pair-Ethernet in industriellen Anwendungen ausgesprochen. Das heißt: Wenn Sie normenkonform zu der ISO/IEC 11801-3 verkabeln wollen, müssen Sie den T1 Industrial von Harting einsetzen. Auch bei der TIA entsteht so eine Verkabelungsnorm mit klarer Aussage zu den einzusetzenden Steckgesichtern. Die IEEE 802.3cg stützt diese Position und referenziert ebenfalls ausschließlich auf die IEC 63171-6. Diese eindeutige Referenzierung des T1-Steckgesichts in internationalen Verkabelungsnormen – das ist der große Unterschied. Damit hat der Kunde, wenn er den T1 Industrial einsetzt, eine große Investitionssicherheit.

D&E: Frau Neuhaus, Herr Dümke, herzlichen Dank für Ihre Zeit.

Das Interview führte Ralf Higgelke.

Seite 2 von 2

1. Single Pair Ethernet – der Verbindungsstandard fürs IIoT?
2. Erste Produkte am Start

Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenAuf Linkedin teilenVia Mail teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Offenes Partnernetzwerk für industrielles Single Pair Ethernet
Partnerunternehmen gestalten SPE Ecosystem
Viele Gesichter, ein durchgängiger Standard
Wohin geht das Ethernet?
Standard-Industrie-Schnittstelle für Single Pair Ethernet
Verbund für den Ausbau von Single Pair Ethernet wächst
»Wir dürfen den Erfolg von Single Pair Ethernet nicht  gefährden«
Diskussion um den Steckverbinder für Single Pair Ethernet
Filterdesign für Single Pair Ethernet

Verwandte Artikel

Phoenix Contact GmbH & Co KG, HARTING AG & Co. KG, HARTING Deutschland GmbH & Co. KG