Schwerpunkte

Sebastian Seutter, Microsoft

»Beim Industrial IoT steht am Ende immer noch der Kunde«

10. Dezember 2020, 14:00 Uhr   |  Ralf Higgelke


Fortsetzung des Artikels von Teil 3 .

Datenhoheit und Hausaufgaben für IIoT-Interessenten

DESIGN&ELEKTRONIK: Ich könnte mir vorstellen, dass viele Firmen sehr zurückhaltend sind, ihre Daten außer Haus in eine Cloud zu schieben. Wie versuchen Sie, potenzielle Kunden beim Thema Datenhoheit abzuholen und deren Befürchtungen zu zerstreuen?

Sebastian Seutter: Vor knapp zwölf Monaten haben wir gemeinsam mit dem Weltwirtschaftsforum ausführlich das Thema Datenhoheit bearbeitet und wie man Daten monetarisiert. Auch haben wir im Zuge dessen über dreihundert Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe befragt. Heraus kam, dass über 73 Prozent der Befragten bereit sind, Daten zu teilen, unabhängig davon, ob die Daten vor Ort in der Fabrik liegen oder in der Cloud. Die Begründung war, dass sich diese Unternehmen davon erhoffen, ihre Betriebsabläufe zu verbessern. Wie kann ich diese Daten entlang der Wertschöpfungskette teilen? Wie kann ich die Auslastung der Maschinen in meinen Fabriken optimieren?

Und der nächste wichtige Aspekt dabei ist die Authentifizierung der Daten: also beispielsweise notariell zu beurkunden, dass dieses Datum zu diesem Produkt oder diesem Prozess gehört. Denn erst wenn es möglich ist, diese Verbindung herzustellen, werden die Daten auch wertvoll, weil Unternehmen dann zusätzliche Dienstleistungen anbieten können wie Track & Trace oder Maschinenüberwachung. Und da ist, so ist jedenfalls meine Beobachtung, die Industrie mittlerweile schon weiter.

Und wenn wir als Microsoft diesen Unternehmen glaubhaft zeigen können, dass ihre Daten auch ihre Daten bleiben, dann sind heute deutlich mehr Unternehmen bereit, diesen Weg ins IIoT zu gehen. Aber es muss gewährleistet sein, dass die Daten sicher und sauber transportiert, gelagert und authentifiziert werden.

DESIGN&ELEKTRONIK: Welche Hausaufgaben muss ein Unternehmen machen, wenn es den Schritt ins Industrial IoT wagen will?

Sebastian Seutter: Die wichtigste Hausaufgabe am Anfang hat gar nichts mit dem IIoT zu tun. Als Allererstes muss der Unternehmer seine unternehmerischen Hausaufgaben erledigen. Bevor er seine Fabrik anschließt muss er sich vergewissern, ob diese Fabrik sauber aufgesetzt ist, beispielsweise ob die richtigen Maschinen und Produkte auch am richtigen Standort laufen.

Danach geht es um die Frage: Worin liegt meine Kernkompetenz als Unternehmen? Diese Frage muss man sich wirklich ehrlich beantworten. Denn verkaufe ich als KION auch nur einen Gabelstapler mehr, nur weil IIoT mit an Bord ist? Oder kann ich als Liebherr einen im Betrieb befindlichen Kran effizienter machen mit IIoT? Hat der Unternehmer diese Fragen sauber beantwortet, steht er vor einer Weggabel. Auf dem Wegweiser in die eine Richtung steht: quantitative Ziele. Auf dem anderen Wegweiser steht: qualitative Ziele.

Ich möchte zuerst auf die quantitativen Ziele eingehen. Hilft IIoT beispielsweise im Anlagenbau dabei, eine Anlage effizienter aufzubauen? Oder kann ich damit höhere Umsätze über die Zeit generieren, weil die Anlage sauberer läuft und weniger Stillstandszeiten hat? Und die Hausaufgabe hier lautet: Wo gibt es bei mir solche quantitativen Ziele? Und diese Ziele sollen achtzig bis neunzig Prozent meiner Aufwendungen hinsichtlich IIoT beeinflussen.

Das ist so die Lernerfahrung aus den Jahren ab 2016. Es gab eine Menge an Konzeptstudien, die aber letzten Endes nur nette Spielzeuge waren und nicht in den produktiven Betrieb kamen. Das ist bitter. Da ist es besser, es sein zu lassen.

DESIGN&ELEKTRONIK: Woran denken Sie bei den qualitativen Zielen?

Sebastian Seutter: Man kann ja nicht alles zählen, messen oder wiegen. Nehmen wir als Beispiel das Schlagwort: attraktiver Arbeitgeber. Wenn sich ein Absolvent nach dem Studium bewirbt, aber für den potenziellen Arbeitgeber ist alles rund um IIoT Teufelszeug, das sei ja die letzten Jahrzehnte auch ohne gegangen: Wie wahrscheinlich ist es, dass dieser Absolvent dort anheuert? Bekomme ich als Unternehmen mit dieser Ausrichtung die guten Mitarbeiter der Zukunft?

Oder: Ein Unternehmen in einem recht konservativen Umfeld geht mit Methoden des IIoT an neue Produkte und Services heran. Das kann positiv auf Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten ausstrahlen - und so indirekt wieder Umsatz und Ertrag steigern. Das ist auch der Grund, warum immer wieder Unternehmen auf Microsoft zukommen und Partnerschaften eingehen möchten, weil sich ein Produkt »powered by Microsoft« besser vermarkten lässt und sich so vielleicht Zusatzgeschäft generieren lässt.

Und die letzte Hausaufgabe besteht darin, sich zu überlegen: Was muss ich selbst machen, und was will oder kann ich outsourcen? Und da ist es egal, ob ich mit einem Projektrealisierer zusammenarbeite, ob ich einen Technologiepartner hereinhole oder ob ich andere Unternehmen in einem Konsortium hereinhole. Wenn ich da etwas falsch mache, dann war das alles für die Katz.

Herr Seutter, herzlichen Dank für Ihre Zeit.

Das Interview führte Ralf Higgelke.

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1. »Beim Industrial IoT steht am Ende immer noch der Kunde«
2. Unterschied zwischen Connected Home und IIoT
3. Anforderungen an eine IIoT-Plattform
4. Datenhoheit und Hausaufgaben für IIoT-Interessenten

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