Schwerpunkte

Sebastian Seutter, Microsoft

»Beim Industrial IoT steht am Ende immer noch der Kunde«

10. Dezember 2020, 14:00 Uhr   |  Ralf Higgelke


Fortsetzung des Artikels von Teil 1 .

Unterschied zwischen Connected Home und IIoT

DESIGN&ELEKTRONIK: Gibt es aus Ihrer Sicht noch andere Unterschiede zwischen einer einfachen Vernetzung und einem Industrial IoT?

Sebastian Seutter: Wenn ich zu Hause etwas anschaffen will, dann muss ich maximal meine Frau und meine Kinder überzeugen. Dieser Aufwand ist relativ überschaubar. Aber es ist eine ganz andere Aufgabe, wenn man als Geschäftsführer oder Vorstand vielleicht zehntausende Beschäftigte, Zulieferer und auch Kunden dazu motivieren will und muss, den Schritt ins IIoT mitzugehen.

DESIGN&ELEKTRONIK: Apropos Privatbereich. Welcher Unterschied besteht zwischen beispielsweise einem Smart Home und einem Industrial IoT?

Sebastian Seutter: Ganz grob geht es in einem Connected Home um mich und meine persönliche Zufriedenheit. Beim Industrial IoT sind die Bedürfnisse und Ansprüche jedoch weit vielschichtiger und durchgängiger. Vielleicht wieder ein paar Beispiele.

Ich produziere irgendeine Ware. Diese kommt anschließend in den Vertrieb. Der sorgt dafür, dass es vielleicht irgendeinen Servicevertrag gibt. Über den Service erhalte ich wiederum Informationen, die wieder zurück in die Produktentwicklung fließen. Diese entwickelt daraufhin die Produkte weiter, und damit ist der Kreislauf geschlossen. Diese Ketten sind einfach umfassender. Sie reichen vertikal durch das gesamte Unternehmen und horizontal über Unternehmensgrenzen hinweg.

Microsoft, Sebastian Seutter, Industrial IoT, IIoT
© Microsoft

Über das IIoT lassen sich Serviceeinsätze einfacher und sicherer gestalten.

Ich kenne noch keine Szenarien, wie ich mich über Connected-Home-Anwendungen flächendeckend mit meinen Nachbarn, meiner Kommune oder mit meinem Bundesland vernetzen könnte. Da gibt es höchstens ein paar Insellösungen. In Unternehmen geht es aber darum, sich horizontal über Zulieferstufen, Maschinenbauer bis hin zu den Fabriken über Unternehmensgrenzen hinweg zu vernetzen. Das macht alles viel komplexer. Und da sind Standards absolut notwendig. Der Konsument ist bei Standards wahrscheinlich geduldiger, aber in der Industrie sind sie extrem wichtig. Wenn ich beispielsweise mit BASF darüber rede, dann sind die ganz anders, als wenn ich mit BMW über Standards in der Open Manufacturig Platform spreche. Das hat also mit dem Thema der horizontalen Integration zu tun.

Und nun kommen noch zwei Sondereinflüsse hinzu: Zum einen habe ich immer noch einen Kunden. Kein Unternehmen vernetzt sich, egal ob horizontal oder vertikal, um seiner selbst willen. Im privaten Umfeld geht es hier zum Beispiel darum, dass ich schneller Musik streamen und hören will – oder dass ich wissen möchte, wann meine Waschmaschine fertig ist. Im Industrieszenario geht die Konnektivität bis zum Kunden und von dort als Feedback wieder zurück. Und wenn ich als Industrie-Kunde »angeschlossen« bin, dann habe ich auch die Erwartungshaltung, dass etwas passiert: dass ich eine Antwort bekomme, wenn etwas nicht korrekt funktioniert.

DESIGN&ELEKTRONIK: Und der zweite Sondereinfluss?

Sebastian Seutter: Der zweite Sondereinfluss besteht darin, dass sich die Unternehmen natürlich heute darüber Gedanken machen, wie ihr Geschäft der Zukunft aussieht. Im privaten Umfeld ist es mir ziemlich egal, wie Netflix in zehn Jahren sein wird. Doch bei Unternehmen ist das fundamental anders. Sie müssen sich mit neuen Produkten und Services auseinandersetzen und dabei immer im Hinterkopf behalten: »Was bedeuten Vernetzung und Industrial IoT in diesem Zusammenhang für mich?«

Ein Beispiel: Unser Kunde KION beschäftigt sich schon mit der Frage, ob es morgen noch den klassischen Gabelstapler gibt, oder ob in Zukunft Drohnen diese Aufgabe übernehmen. Oder nehmen wie Liebherr: Dort geht es vielleicht darum, ob Bagger oder Kräne auf großen Baustellen zukünftig noch Bedienpersonal vor Ort haben oder ferngesteuert werden.

Die Geschäftsmodelle verändern sich stetig. Unternehmen wollen das aktiv gestalten und nicht passiv mitmachen (müssen). Das bedeutet also, sich zu fragen, wie sich ein Unternehmen vertikal vernetzen lässt, wie es sich über Unternehmensgrenzen horizontal vernetzen lässt. Und dann einen sauberen Blick darauf zu haben, was das am Ende für den Kunden bedeutet. Und auf dieser Basis muss ein Unternehmen überlegen, was das für die aktuellen Produkte sowie für zukünftige Produkte und Services bedeutet.

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1. »Beim Industrial IoT steht am Ende immer noch der Kunde«
2. Unterschied zwischen Connected Home und IIoT
3. Anforderungen an eine IIoT-Plattform
4. Datenhoheit und Hausaufgaben für IIoT-Interessenten

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