Engineering automatisiert

Die manuelle Datenerfassung beim Engineering ist den Namur-Mitgliedern schon lange ein Dorn im Auge. Höchste Zeit für einen standardisierten Datentransfer, wie ihn die Prolist NE 100 definiert. Pilotprojekte bei der BASF zeigen das Einsparpotenzial auf.

Die manuelle Datenerfassung beim Engineering ist den Namur-Mitgliedern schon lange ein Dorn im Auge. Höchste Zeit für einen standardisierten Datentransfer, wie ihn die Prolist NE 100 definiert. Pilotprojekte bei der BASF zeigen das Einsparpotenzial auf.

Bei der Spezifikation der PLT-Ausrüstung (PLT: Prozessleittechnik) von Anlagen verwenden die am Engineering beteiligten Unternehmen unterschiedliche IT-Systeme und Formulare für die Beschreibung der einzusetzenden Komponenten: Die Anlagenbetreiber nutzen Spezifikations-Formulare nach ihrem Werksstandard, die EPC-Kontraktoren (EPC: Engineering Procurement Construction) setzen die Formulare ihrer InHouse-Systeme ein und die Gerätehersteller haben ebenfalls spezifische Konfigurationssysteme für ihre Produkte. Für die Beschreibung der gleichen PLT-Ausrüstung (Durchflussmesser, Temperaturfühler, Stellungsregler) kommen daher oft verschiedene Merkmale (Prozessanschluss, Nennweite, Messbereich) mit zudem noch unterschiedlichen Merkmal-Bezeichnungen zum Einsatz. Das führt dazu, dass diese Engineering-Daten – wenn überhaupt – nur mit hohem Aufwand zwischen den IT-Systemen elektronisch austauschbar sind. In der Praxis werden daher die meisten Anforderungs- und Gerätedaten nach wie vor von Hand eingegeben – und das mehrmals. Die Folge sind Übertragungsfehler sowie eine geringe Qualität der Engineering-Daten. Da sich die Angebote unterschiedlicher Hersteller nur manuell vergleichen lassen, entsteht ein hoher personeller Aufwand bei der Lieferantenauswahl.

Datenqualität steigern, Kosten verringern

Prolist - Wer steht dahinter?

Prolist ist eine Projektgruppe der Namur und wurde 2003 mit dem Ziel gegründet, die Transaktionskosten bei der Beschaffung von PLT-Ausrüstungen zu reduzieren. Die Mitglieder setzen sich aus Anlagenbetreibern, Herstellern von PLT-Ausrüstungen, CAE-Systemherstellern und Verbänden zusammen. Nach fünf Jahren Aufbauarbeit verfügt die Prolist-Organisation über eine Merkmal-Datenbank für elektrotechnische und MSR-Geräte (Messen, Steuern und Regeln) der Prozessautomatisierung. Außer der Prozessmesstechnik und der Aktorik gibt es Merkmallisten für Geräte aus dem Bereich Schaltraum- und Messwartentechnik sowie für Motoren und Schaltanlagen. An der Aufnahme weiterer Fachgebiete wie Waagen und Feldbus-Topologie wird gearbeitet. Die Merkmalleisten der Version 3.0 stehen als PDF-, XLS- und XML-Dateien zur Verfügung.

Um die Ergebnisse zu sichern und weltweit zur Anwendung zu bringen, ist die Gründung einer internationalen Nutzerorganisation auf der Namur-Hauptsitzung Anfang November in Lahnstein vorgesehen.

Bei der BASF in Ludwigshafen wurden bei einigen kleineren Pilotprojekten erste Erfahrungen mit den Merkmalleisten gesammelt. Die Integration der NE-100- Funktionalität in das verwendetete PLTCAE- System ist sehr gut gelungen. Auch gab es keine IT-technischen Probleme mit dem Datenaustausch zwischen dem Engineeringtool und dem System bei den Lieferanten. Der transparente Vergleich der technischen Daten verschiedener Revisionen und unterschiedlicher Lieferanten ist mit der NE 100 jetzt möglich. Abhängig von der Anzahl der PLT-Geräte führt die elektronische Übernahme der Lieferantendaten zum erhofften Effizienzgewinn, da die händische Übertragung entfällt und die Datenqualität steigt. Das nächste Pilotprojekt mit rund 1000 PLT-Stellen wird aktuell im Oktober 2007 begonnen. Bei positivem Verlauf ist die produktive Einführung der NE 100 im ersten Quartal 2008 geplant.

Der Wechsel von den gewohnten Spezifikations-Layouts – die im Grunde die Papierwelt abbilden – zu NE-100-Formularen ist für den Anwender nicht einfach, aber beherrschbar. Die Optimierungspotenziale liegen in der Verkürzung der Durchlaufzeiten, der Vermeidung von Fehlern bei der manuellen Dateneingabe und im elektronisch unterstützten technischen Angebotsvergleich.

Wie immer, wenn Strukturen in IT-Abläufe abgebildet werden, steigen die Anforderungen an eine sorgfältige Datenbearbeitung. Sehr hilfreich ist die Möglichkeit, die Darstellung der Merkmale über verschiedene Sichten zu begrenzen: Die Vielzahl an Merkmalen in der NE 100 würde Anwender sonst überfordern. Das Mapping zwischen den Prodok-internen Datenfeldern und den NE-100-Merkmalen verringert die Anzahl der von Hand einzugebenden Daten erheblich. Für die Übertragung der Daten zum Lieferanten und die Validierung waren besondere Festlegungen notwendig, da bisher noch kein automatisierter Workflow existiert.

Eine vollständige Integration der NE-100-Funktionalität in Produktdatensysteme ist bisher bei keinem Lieferanten erfolgt. Alle Zulieferer verwendeten zur Bearbeitung der Spezifikations-Formulare das von der Prolist bereitgestellte Tool Prospec, das heißt, die Hersteller bearbeiteten die NE-100-Formulare von Hand. Da Prospec nicht für die Massenbearbeitung konzipiert ist, war der Aufwand bei den Lieferanten ähnlich hoch oder im Einzelfall höher als bei der bisherigen Vorgehensweise. Allerdings haben auch die Lieferanten das Potenzial einer vollständigen Integration der Merkmalleisten in ihre Produktdatensysteme erkannt.

PLT-Gerätelieferanten können bei der Angebotserstellung profitieren, müssen dazu aber die NE-100-Strukturen in ihre Produktdatensysteme integrieren. Zudem ist es wichtig, dass weitere Anwender – Betreiber, Lieferanten und CAE-Systemhersteller – die NE 100 in ihre Systeme implementieren. Stefan Kuppinger