Wer braucht Oszis?

Eigentlich sind Oszilloskope überflüssig. Wollen Sie elektrische Größen messen? Bestellen Sie ein Multimeter aus dem Elektroversand. Frequenzen? Kein Problem, ein relativ simpler Frequenzzähler übernimmt das. Beide Geräteklassen erlauben...

Eigentlich sind Oszilloskope überflüssig. Wollen Sie elektrische Größen messen? Bestellen Sie ein Multimeter aus dem Elektroversand. Frequenzen? Kein Problem, ein relativ simpler Frequenzzähler übernimmt das. Beide Geräteklassen erlauben für ein paar hundert Euro wesentlich genauere Messungen der entsprechenden Größen als selbst ein Digitaloszilloskop zum Preis eines Luxusautos.

Moderne digitale Messgeräte nehmen nicht nur die eigentliche Messung und Signaldarstellung vor – dafür hätten in den meisten Fällen auch die inzwischen ausrangierten analogen Instrumente ausgereicht –, sondern filtern und verarbeiten die Messwerte auch gleich nach benutzerdefinierten Kriterien. Immerhin bieten manche Geräte Rechenleistungen, mit denen auch PCs auf Basis hochgetakteter Mehrkernprozessoren kaum mithalten können. Man könnte die »Ur-Funktion « des Oszilloskops, die visuelle Darstellung von Signalverläufen, heute lediglich als ein Zugeständnis an Konventionen ansehen. Tatsächlich kann eine geeignete Software Ereignisse, Signalfehler oder bestimmte Wellenformen viel präziser in den Speichern der Maschine finden, als der Mensch vor dem Bildschirm. Warum setzen wir uns also noch in düsteren Laborräumen vor ein Display, das uns nur das zeigt, was der Computer, der dahinter werkelt, schon lang gefunden hat?

Die Macht der Gewohnheit ist ein nicht zu unterschätzender Faktor, ist aber mit Sicherheit nicht ausschlaggebend, wenn Entwicklungsabteilungen Messinstrumente für hunderttausende Euro anschaffen. Im Allgemeinen haben Buchhalter wenig Verständnis für die nostalgischen Empfindungen der Mitarbeiter, die mit feuchten Augen an die Einfach-Oszilloskope im Physikraum ihrer Schule zurückdenken. Der Knackpunkt liegt darin, dass selbst ein noch so »intelligent« programmierter Rechner nur solche Muster in einem Datenstrom findet, die ihm vorgegeben wurden. Das geschulte Auge erkennt jedoch auch Besonderheiten, von deren Existenz der zugehörige Kopf vorher noch gar nichts wusste. Damit das bei mehrere Gigabyte langen Aufzeichnungen auch gelingt, bauen die Hersteller der Messgeräte immer mehr Funktionen ein, die es dem Anwender erleichtern sollen, jene Auffälligkeiten zu finden, die er sucht.