»Vor allem darf man nicht ungeduldig sein!«

Auslandserfahrung, vor allem in einem Zukunftsmarkt, wird immer stärker gewünscht und kann ein wichtiges Einstellungskriterium sein. Wir haben mit Infineon-Mitarbeiter Michael Tiefenbacher telefoniert, der das neue Entwicklungszentrum im chinesischen Xi’an leitet.

Markt&Technik: Hallo Herr Tiefenbacher, was muss man für ein Typ sein, um im »tiefsten China«, in Xi’an, erfolgreich arbeiten zu können?
Michael Tiefenbacher: Vor allem darf man nicht ungeduldig sein, man braucht hier für vieles viel mehr Zeit. Unsere direkte Art, immer gleich auf den Punkt zu kommen, ist den Chinesen völlig fremd und kann die tägliche Arbeit im Vergleich zum Alltag deutscher Unternehmen ganz schön verlangsamen. Man darf aber nicht den Fehler machen, das nur negativ zu sehen. Die Kultur hier ist anders, aber deshalb nicht schlechter. Toleranz und noch viel mehr Akzeptanz sind sehr wichtige Tugenden, die man unbedingt mitbringen sollte.

Xi’an – das ist mitten im Landesinneren, also China pur.
Ja, China pur – knapp zwei Flugstunden südlich von Peking und zwei Flugstunden westlich von Shanghai. Als Europäer stößt man sich anfangs erst mal an dem Schmutz und dem Staub, der einem hier auf der Straße entgegenschlägt, obwohl die Regierung sich sehr engagiert. Xi’an ist kein kleines Kaff, sondern eine Weltstadt mit 6 Millionen Einwohnern und langer Historie: Schon vor 2000 Jahren war sie Kaiserstadt, die erste Chinas. Von hier aus wurde die Vereinigung des Landes vorangetrieben, hier war der Beginn der Seidenstraße. Also auch Kultur pur.

Hat man einen Karrierevorteil, wenn man schon mal für längere Zeit in Asien war, so wie Sie?
In Singapur war ich acht Jahre lang – bevor ich hier her kam. Wir leben in einer globalisierten Welt. Derzeit gibt es mehr als 2000 deutsche Firmen in China. Hier Erfahrung gesammelt zu haben, ist also eindeutig von Vorteil. Jeder Auslandsaufenthalt erweitert den Horizont, ich würde daher jedem Ingenieur ausdrücklich empfehlen, ein paar Jahre im Ausland zu verbringen – das ändert das Weltbild ganz gewaltig!

Was raten Sie jemanden, der nach China will?
Ich würde mich nicht direkt nach China bewerben, vor allem nicht frisch von der Uni, das ist schwierig. Lieber den Einstieg über ein deutsches Unternehmen mit chinesischer Niederlassung versuchen. So bekommt man ein »deutsches Gehalt« und manchmal auch »Erschwerniszulage«. Außerdem kann die Firma beim Umzug helfen, bei Behördengängen etc., China ist sehr bürokratisch. Chinesische Gehälter sind auch viel niedriger, sie betragen höchstens 10 Prozent eines europäischen Einkommens. Ich bin damals über Siemens nach Singapur gekommen.

Was ist, wenn man Familie hat?
Ein Auslandsaufenthalt in einer fremden Kultur kann für eine Familie, die mitzieht, tatsächlich zu einer harten Belastungsprobe werden. Das liegt daran, dass der Partner, der nicht arbeitet, ganz auf sich allein gestellt ist. Die Probleme fangen schon beim täglichen Einkaufen oder mit dem Taxi-Fahrer an - Englisch oder gar Deutsch spricht keiner. Derjenige, der arbeitet, hat ja wenigstens noch seine Kollegen, sein Netzwerk – seinen Bekanntenkreis muss sich der Partner erst mühsam aufbauen, er ist bis dahin auf die gesellschaftliche Zelle »Familie « beschränkt, das kann ein schwieriger Prozess sein.

Arbeitet man anders mit chinesischen Kollegen?
Die verbale Kommunikation ist etwas schwierig. Chinesen lernen an der Uni Englisch, lesen und schreiben es sehr gut, aber sie haben eben oft noch nie mit Ausländern Englisch gesprochen. Hier darf man nicht den Fehler begehen, den chinesischen Kollegen auch fachlich abzuqualifizieren, nur weil er sich noch nicht ganz so gut ausdrücken kann. Auch hier braucht es wieder viel Geduld und Verständnis. Und Einfühlungsvermögen: Kommunikation ist in China viel beziehungsorientierter als bei uns. Deutsche wollen schnell zur Sache kommen, in China ist genau der umgekehrte Weg richtig. Erst mal eine halbe Stunde über alles Mögliche zu reden, die Zeit muss man haben!

Wie gestaltet sich der Alltag in Xi’an im Vergleich zu Deutschland?
Ganz anders. Kino zum Beispiel ist mühsam, weil es keine englischen Filme gibt. Ähnliches gilt für Theater und Konzerte – Westliches gibt es hier nicht. Dafür schaue ich oft DVDs, die kosten hier pro Stück nur 60 Cents. Vereinzelt gibt es Tennisplätze und Swimmingpools, ja sogar einen Golfplatz gibt es in der Nähe. Die nächste Skipiste ist 120 km entfernt, dafür aber nur 150 m lang. Es gibt insgesamt nur 50 westliche Ausländer in Xi’an, man kennt sich also. Restaurants westlichen Standards gibt nur sehr wenige, Mc Donalds, KC sowie Pizza ist hier erst seit zwei Jahren bekannt und gilt als teure Spezialität. Das chinesische Essen in der Region ist sehr exotisch: ölig, für mich angenehm würzig, aber für die meisten westlichen Zungen viel zu scharf. Man muss lernen, die wenigen Angebote zu schätzen und zu genießen, fährt man ein wenig aus der Stadt raus ist, wird es idyllisch: Berge, Wasserfälle, in denen man baden kann, sehr romantisch!

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