»Unglücklich sind die nicht«

22 Prozent der deutschen Topmanager verbringen pro Woche mehr als 61 Stunden im Büro – ein neuer Rekordwert. Für gut 15 Prozent gibt es noch nicht mal Samstag oder Sonntag frei. Schuld daran sind die ausgedünnten Hierarchieebenen: Es gibt immer weniger gut dotierte Posten für immer mehr Stuhl-Säger.

In den trägen Sommermonaten gönnt sich Sudhir eine »leichte« Saison, wie er es nennt. Dann arbeitet der US-Manager nur 90 Stunden pro Woche. Den Rest des Jahres kommt der gebürtige Inder auf 120 Stunden. Das bedeutet, pro Tag bleiben ihm nur 6,8 Stunden für Schlafen, Essen und Körperpflege. Dem jungen Einwanderer macht das nichts aus – im Gegenteil: er verbringt sogar Zeit im Büro, wenn hier nichts Dringendes zu erledigen ist.

Und mit seinem Eifer ist Sudhir nicht allein, wie Statistiken zeigen: Danach arbeitet jeder Zehnte US-Manager mehr als 80 Stunden pro Woche. Nur ein typisch amerikanischer Auswuchs? Keineswegs, denn auch hierzulande sind überlange Arbeitstage auf dem Vormarsch: Eine neue Umfrage der Managementberatung Kienbaum ergab, dass 22 Prozent der deutschen Topmanager pro Woche mehr als 61 Stunden im Büro verbringt – ein neuer Rekordwert.

Für Branchenkenner eine zwangsläufige Entwicklung: »Ich beobachte, dass die Verantwortungsspannen seit 20 Jahren steigen«, sagt Walter Jochmann, Mitglied der Geschäftsführung von Kienbaum. Und mehr Verantwortung bedeutete nun mal längere Arbeitstage und kürzere Wochenenden. Die Studie seines Hauses bestätigt das: Demnach verbringen rund 15 Prozent der Manager Samstag oder Sonntag komplett im Büro.

Zum Tod des Feierabends tragen viele Faktoren bei: Die Globalisierung, der heißere Wettbewerb allerorts, hungrige Nachwuchsmanager aus Übersee. Entscheidender Faktor dürfen allerdings die flacheren Hierarchien sein: Während der 90er Jahren wurden vielerorts die Führungsebenen ausgedünnt. Seitdem konkurrieren immer mehr Indianer um immer weniger Posten als Häuptling; gleichzeitig steigt der Anreiz aufzusteigen, da die nächste Sprosse auf der Karriereleiter auch größere Gehaltssprünge verspricht: Allein im letzten Jahr stiegen die Bezüge der deutschen Topmanager um 16,9 Prozent.

Extreme Arbeitszeiten sind aber auch eine Folge der technologischen Entwicklung. Mobiltelefone, Laptops, drahtlose Funknetze an Flughäfen – all diese Faktoren haben eine Erreichbarkeitskultur produziert, die keinen Feierabend duldet. »Früher hieß es ‚Ich schicke Ihnen das Angebot per Post‘, heute rufen Kunden ungeduldig an, wenn nicht innerhalb einer Stunde eine E-Mail kommt«, sagt Lothar Seiwert, der führende deutsche Zeitmanagement-Experte. Kurioser Weise produziert das elektronische Wettrüsten sogar schon einen körperlichen Kollateralschaden – den Blackberry-Daumen: Manager tippen so ausdauernd auf ihr mobiles Büro ein, dass im Finger eine Sehnenscheidenentzündung entsteht.

Gravierender sind freilich die Auswirkungen der langen Arbeitstage auf das Privatleben. Ein Drittel der deutschen Topverdiener beklagt, seine Kinder zu wenig zu sehen. Dieses Argument wiegt umso schwerer, als rund ein Viertel aller Manager mit einem Jahresgehalt über 200.000 Euro mehr als drei Kinder hat.

Trotzdem handelt es sich bei der großen Mehrheit der Extrem-Arbeiter nicht um getriebene Workaholics sondern um Überzeugungstäter. »Unglücklich sind die nicht«, betont Berater Jochmann. Die Kienbaum-Studie belegt das: Nahezu alle Befragten gaben an, dass ihnen ihre Arbeit Spaß mache, 87 Prozent betonten, dass sie die Herausforderung bräuchten. Der Spaß hat allerdings auch Grenzen: Nur ein Drittel aller Befragten kann sich vorstellen, in fünf Jahren noch den gleichen Job zu machen. Szenekenner Jochmann betont, dass diese Aussagen freilich oft nur Lippenbekenntnisse seien: »Vielen fällt der Abschied vom Adrenalin, vom gebraucht werden, schwer.«

Wie geht es weiter? Folgt auf die 60 Stunden-Arbeitswoche, die 70-Stunden-Arbeitswoche? Sicher nicht überall, doch die Kultur der langen Bürotage wird auch nicht wieder verschwinden – ganz gleich, wie knapp Fachkräfte künftig werden. Auf die Frage, ob zivile Arbeitszeiten nicht auch Talente anzögen, ließ Siemens gegenüber Markt & Technik verlauten: »Als ein Unternehmen, das in 190 Ländern der Erde geschäftlich aktiv ist, versuchen wir künftige Mitarbeiter vor allem durch interessante Jobangebote in der ganzen Welt für uns zu gewinnen.« Will sagen: Weniger Überstunden gibt es nicht, dafür aber die Möglichkeit nach Übersee zu gehen.

Weil die Arbeitsbelastung im Top-Management weltweit eher steigen wird, greifen die Unternehmen ihren Topleistern immer stärker unter die Arme: Manager werden durch kostenlose Gesundheitschecks geschleust, in Sachen Selbstorganisation geschult, man schraubt an der Effizienz von Meetings und Arbeitsmethoden. Zeitreserven gibt es genug: »Auf den meisten Positionen könnte die Arbeit eines Tages in fünf Stunden getan werden«, ist Zeitmanagement-Guru Seiwert überzeugt. Würden Meetings beispielsweise im Stehen abgehalten, ließe sich so manche stundenlange Konferenz in 20 Minuten abhandeln, meint der Bestsellerautor. Daneben schätzt Seiwert, dass 80 Prozent aller E-Mails und das meiste hektische Blackberry-Gehacke überflüssig sind: »Ein Manager, der delegieren kann, muss auf einem Transatlantikflug nicht online sein!«.

Von Constantin Gillies

So erobern Sie den Feierabend zurück
Sieben Tipps von Zeitmanagement-Guru Lothar Seiwert

1. Schreiben Sie alles auf, was Sie am betreffenden Tag erledigen wollen und veranschlagen Sie für jede Aufgabe genaue Zeiten. So lässt sich mit 8 Minuten Aufwand täglich eine Stunde Zeit einsparen.

2. Verplanen Sie nur 60 Prozent Ihrer Zeit; der Rest entfällt erfahrungsgemäß auf unerwartete Ereignisse und soziale Aktivitäten wie Gespräche oder kreative Pausen.

3. Legen Sie schriftlich eindeutige Prioritäten fest: Welche Aufgaben sind sehr wichtig, welche weniger. So stellen Sie sicher, dass Sie Ihre Zeit nicht mit Nebensächlichem vertrödeln, während Wichtiges liegenbleibt.

4. Erledigen Sie schwierige Aufgaben am besten vormittags. Nutzen Sie den frühen Nachmittag für soziale Kontakte oder Papierkram. Am späteren Nachmittag können Sie sich wieder wichtigeren Dingen zuwenden.

5. Machen Sie genügend Pausen.
Den besten Erholungswert erzielen Sie, wenn Sie jeweils nach einer Stunde Arbeit zehn Minuten Pause machen.

6. Schirmen Sie sich täglich für eine „Stille Stunde“ ab. Während dieser Zeit sollten Sie für niemanden erreichbar sein. Legen Sie diese Stunde am besten auf den frühen Vormittag.

7. Delegieren Sie Aufgaben, die auch andere erledigen können. Entscheiden Sie bei jeder Aufgabe von neuem, ob Sie diese Tätigkeit unbedingt selbst ausführen müssen, oder ob sie nicht ebenso gut von einem Mitarbeiter erledigt werden kann.

Quelle: Lothar Seiwert, www.seiwert.de.