Taiwans Wirtschaftspolitik in der Krise

Durch die Insolvenz des Speicherherstellers Qimonda geriet auch die Wirtschaftspolitik der taiwanesischen Regierung in den Blickpunkt. Diese reagierte auf die prekäre Lage des Speichermarkts mit der Gründung eines nationalen Speicherherstellers.

Dr. Jens Würtenberg von der Elektronik-Redaktion sprach mit Direktor Chiu, Leiter der Abteilung Wirtschaft im Büro Berlin der Taipeh-Vertretung in der Bundesrepublik Deutschland, über die Hintergründe der Wirtschaftspolitik Taiwans.

Herr Direktor Chiu, während dem einzigen deutschen Hersteller von Halbleiterspeichern (DRAMs), Qimonda, der Gang zum Konkursrichter nicht erspart wird, handelt die taiwanische Regierung und bietet seinen in die Krise geschlitterten DRAM-Herstellern unter dem Dach der TMC eine Art Auffanggesellschaft. Ist die Rolle des Staates bei der Gestaltung der Wirtschaft in Taiwan eine andere als in Deutschland?

Direktor Chiu: Taiwan ist einer der weltweit wichtigsten Lieferanten von ICT-Produkten. Heute liefern die taiwanischen Unternehmen jährlich über 100 Millionen PCs (inklusive DT/NB/Server). Außerdem ist Taiwan auch Weltmarktführer für Handys, digitale Kameras, Modems usw. DRAM ist einer der wichtigsten Bauteile vieler ICT-Produkte. Allein um die inzwischen gut ausgebauten Cluster der Halbleiter- und ICT-Industrie in Taiwan zu halten, muss die Regierung einheimische DRAM-Hersteller unterstützen.

Bislang produzieren die taiwanischen Firmen DRAM meistens als Lizenznehmer. Unsere Stärken liegen vor allem im kostensenkenden Optimieren des Produktionsprozesses und dem schnellen Reagieren auf aktuelle Marktanforderungen. Die schwierige Lage auf dem DRAM-Markt ist ein Problem der Branchenstruktur, aber kein Problem einer einzelnen Firma. Die Regierung sieht es als ihre vorrangige Aufgabe, DRAM-Technologie in Taiwan zu etablieren, damit wir langfristig konkurrenzfähig bleiben, um Arbeitsplätze zu sichern.

Von Deutschland aus gewinnt man den Eindruck, dass zumindest die Richtung der industriellen Entwicklung in Taiwan stärker vom Staat gelenkt wird. Taiwan ist ja, was die Elektronik betrifft, nur in ausgewählten Segmenten wirklich stark vertreten: DRAM-Halbleiterspeicher, LC-Displays, Foundries (TSMC, UMC) und ein Großteil der gängigen PC-Hardware kommen aus Taiwan. Wird hier eine bewusste staatliche Lenkungspolitik betrieben oder haben sich diese Dinge eher naturwüchsig entwickelt?

Wenn wir auf die Industrie-Geschichte Taiwans zurückblicken, werden wir feststellen, dass Taiwan heute Weltmarktführer vieler High-Tech-Produkte ist. Diese Tatsache ist eine logische Entwicklung. Im Jahr 1970 wurde das Industry Development Bureau als Behörde des Wirtschaftsministeriums eingerichtet. 1973 wurde die staatliche Forschungseinrichtung »Industry Technology Research Institute« (ITRI) gegründet. Aufgebaut auf einem Technologietransfer mit der US-amerikanischen Firma RCA hat ITRI 1975 mit der Halbleiterentwicklung in Taiwan begonnen.

Im Jahr 1980 wurde der Hsinchu-Science-Park eingerichtet. Für die Entwicklung der ICT-Industrie hat die Regierung Taiwans mit gezielter Industrie-Politik eine gute Infrastruktur und ein geeignetes Investitionsklima geschaffen. Seither konnten sich die Halbleiter/ICT-Industrien weiter entwickeln und wachsen, bis sie ihre heutige Größe erreicht haben.