Stahlharte Lektion in Sachen Employer Branding

Elektronikfirmen beklagen zwar einen zunehmenden Fachkräftemangel, können jedoch oft nur wenig vorweisen, wenn es um Eigeninitiative, um »Employer Branding« geht. Eine kleine Stahlbaufirma aus der Oberpfalz macht vor, wie man sogar in der Provinz und mit BMW in unmittelbarer Nachbarschaft noch genügend Leute findet.

In den ersten Jahren des neuen Jahrtausends hatten Personaler keinen leichten Stand – ihre Abteilungen wurden dezimiert, überprüft, erhielten den Auftrag, bitteschön ihren Beitrag zum Unternehmensergebnis nachzuweisen. Im Betrieb hatten Betriebswirtschaftler mit Rotstift das Sagen, nicht visionäre Personalmanager.

Das scheint sich zu rächen. Eine der Branchen, die laut Umfragen neben dem Maschinenbau am härtesten vom Ingenieurmangel betroffen ist, ist die Elektronik. So hält laut einer Studie des VDI/VDE die Hälfte der befragten RFID-Hersteller die Fachkräftesituation für schwierig; für die Zukunft rechnen 76 Prozent mit zunehmenden Problemen. In der Halbleiterei sind bestimmte Positionen nur mit sehr großem Aufwand zu besetzen, Beispiel Analog-IC-Designer. Schuld daran sind nach Ansicht der Unternehmen aber vor allem andere: die Universitäten (»bilden nicht mehr analog aus«, die Schulen (»PISA!«), die Gesellschaft (»Frauen wollen immer nur was Soziales machen – das liegt an der Erziehung«. Eigene Investitionen? Schon, aber am besten, der Neue bringt alles schon mit.

Langsam aber scheint sich das Blatt industrieübergreifend zu wenden. Rangierte »Human Resource Management« in der Hierarchie der Unternehmensfunktionen noch im letzten Jahr mit vier Prozent auf dem achten von insgesamt neun Plätzen, so steht es dieses Jahr mit 16 Prozent bereits an vierter Stelle hinter Vertrieb, F&E und Marketing. Das besagt eine neue Untersuchung der Unternehmensberatung Kienbaum. Doch viele Firmen verstehen unter Human Resource Management immer noch einseitig vor allem Nachwuchsförderung: Hochschulkontaktmessen, Kooperationen mit Universitäten, Vergabe von Diplomarbeiten sind häufige Strategien, denn Ingenieure frisch von der Uni sind mit Einstiegsgehältern um die 40.000 Euro preiswert zu haben. Wenigstens der Posten Weiterbildung hat sich sein Budget halbwegs zurückerkämpft.

Doch wenn es um das Halten der Mitarbeiter geht, um die Pflege ihrer Motivation, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um die Förderung älterer Ingeniere, schaut es bei den meisten Unternehmen zappenduster aus. Dass die Fluktuationsrate in vielen Firmen nicht höher ausfällt, liegt vor allem an der Sorge vieler Ingenieure um einen sicheren Job, verraten Headhunter. Dieses Bedürfnis steht in der Prioritätenliste seit Jahren ganz oben und lässt sie auf ihren Stühlen kleben. Das Ergebnis für die tatenlos zusehenden Firmen: Dienst nach Vorschrift, bis hin zu innerer Kündigung.

Beim traditionsreichen oberpfälzerischen Metallbau-Unternehmen Anton Schönberger liegt die Fluktuationsrate aus anderen Gründen sensationell niedrig bei Null Prozent. Der Betrieb begann 1635 als Dorfschmiede und hat sich heute auf die Einzelanfertigung von Stahl- und Schweißkonstruktionen spezialisiert: Geländer, Lärmschutzwände, Brücken, Industrieanlagen. Der Mittelständler beschäftigt heute 30 Mitarbeiter, denen die tägliche Arbeit alles abverlangt: lange Arbeitszeiten bis zu 50 Stunden, arbeiten über Kopf oder im Liegen, in engen Räumen, in Hitze, Staub und Dreck, an lärmumtosten Autobahnen, Blitzeinsätze an Wochenenden, Feiertagen und im Ausland.

Jeder einzelne muss ständig weiterqualifiziert und regelmäßig überprüft werden, das verlangen die strengen Vorschriften in der speziellen Nische, in der sich Schönberger bewegt. Die von öffentlichen Behörden geforderten Eignungs- und Schweißnachweise müssen erbracht werden. Die Firma arbeitet nur mit ausgezeichneten Schweißern und Monteuren, verwendet nur qualitätsgeprüfte Materialien. »Wer in unserer Branche fünfe gerade sein lässt, handelt grob fahrlässig.«, erklärt Geschäftsführerin Sabine Schönberger. »Unsere Mitarbeiter sind sehr speziell und teuer ausgebildet - jeder Wechsel tut uns daher finanziell weh«, sagt sie, die zusammen mit ihrer Schwester Andrea – als technische Leiterin - den Betrieb lenkt.

Trotzdem muss Sabine Schönberger um Fachkräfte nicht bangen: spätestens seit das Unternehmen 2005 als familienfreundlichster Betrieb Deutschlands bis 50 Mitarbeiter ausgezeichnet und bundesweit bekannt wurde, hat sich die Anzahl der eingehenden Initiativbewerbungen um das 28-fache erhöht. Sie kommen nun aus dem ganzen Bundesgebiet und sogar aus dem europäischen Ausland.

Das war nicht immer so. 1990 siedelte sich BMW in Wackersdorf an, bei Schönberger quasi ums Eck, und lockte mit seinem »Hunger« nach 3000 Mitarbeitern viele Facharbeiter aus den Handwerksbetrieben. Plötzlich hatten Schönberger und andere Betriebe aus der strukturschwachen Region Oberpfalz ein massives Fachkräfte-Problem zu beklagen. Schönberger: »Wir wussten, dass wir da irgendwie gegenhalten mussten. Aber nicht mit Geld, denn Geld als Motivator verpufft schnell.« Familienfreundlich war Schönberger schon immer gewesen, einige Maßnahmen wie die freiwillige betriebliche Altersversorgung und die flexiblen Arbeitszeiten existieren schon länger.

Die Dinge, die Schönberger allerdings heute anbietet, lesen sich wie aus dem Wunschkatalog der Arbeitnehmer-Fee. Ihre Stellenbeschreibung zum Beispiel formulieren die Mitarbeiter selbst. Schönberger: »So können sie sich ihre Einsätze an die verschiedenen Lebensphasen anpassen. Die Montage im Ausland bringt jungen Arbeitnehmern gutes Geld, später sind sie vielleicht lieber häufiger bei der Familie.« Die flexiblen Arbeitszeiten wurden zu Lebenarbeitszeitkonten auf Vertrauensbasis ausgeweitet, Urlaubstage und Überstunden verfallen nicht. »Was geschrieben wird, zählt. Das Konto kann unbeschränkt ins Plus oder ins Minus gehen«, erklärt die Betriebswirtin. Mache Arbeiten – wie Planung, Kalkulation, Konstruktion – können auch zuhause erledigt werden.

Kinder können jederzeit unangemeldet mit an den Arbeitsplatz gebracht werden und werden in der Notfallstube betreut – manchmal sogar von Sabine Schönberger selbst. »Ich lege prinzipiell überall mit Hand an, fahre auch LKW, wenn es nötig ist«. Es gibt zudem einen Spielplatz am Betriebsgelände. Der Kindergartenbesuch wird steuerfrei erstattet, bei der Platzsuche ist Schönberger behilflich. Die kostenlose Unfallversicherung gilt für die Mitarbeiter auch privat. Bei Vorhaben wie Hausbau, Behördengänge oder Rechtsanwalt etc. berät Schönberger, bietet zinslose Darlehen in Höhe des steuerfreien Höchstbetrages bzw. zinsgünstige Kredite. Werdende Väter werden die letzten drei Monate einer Schwangerschaft der Partnerin vom Einsatz auf heimatfernen Baustellen freigestellt. Außerdem bekommen sie in dieser Zeit einen Dienstwagen und ein Handy zur privaten Nutzung, um im Falle des Falles schnell vor Ort sein zu können. Die Berufskleidung wird kostenlos gestellt, auch die Winterbau- und Wetterschutzkleidung. Die Reinigung übernimmt ebenfalls Schönberger, »herkömmliche Waschmaschinen halten den Metallstaub nicht aus.«

Muss ein Mitarbeiter kurzfristig auf Montage, übernimmt die Firma dringende Erledigungen wie TÜV, Einkäufe oder ähnliches. »Wenn nötig, fahre ich das Motorrad desjenigen selbst zur Werkstatt«, erzählt Sabine Schönberger. Denn den »1er« hat sie neben dem LKW-Führerschein auch. Doch das ist nicht der Punkt: »Ich bin für meine Mitarbeiter da – so wie sie für mich da sind!«, erzählt sie. Zum Ausgleich für die häufigen »besonderen Arbeitseinsätze« verschenkt das Unternehmen diverse Gutscheine: fürs Candlelight-Dinner, Kino, Brunch oder Massage. Hier gibt es sie noch, die Bezahlung nach Betriebszugehörigkeit: je länger einer schon da ist, umso höher steigt sein Gehalt. »Inzwischen zahlen wir besser als BMW«, sagt Schönberger.

Zusammengezählt hat sie die Investitionen in ihre Mitarbeiter jedoch noch nie. »Es kommt alles tausendfach zurück«, davon ist sie überzeugt. »Unsere Mitarbeiter danken es uns mit höchstem Einsatzwillen und Qualitätsbewusstsein, ohne das wir nicht existieren könnten, denn unsere Stärke ist hundertprozentige Liefertreue. Wir haben noch nie einen Termin platzen lassen!« Denn natürlich hat Schönberger auch Konkurrenz aus den billigen osteuropäischen Ländern. Doch bislang zahlt die Firma nicht drauf. Schönberger: »Sonst gäbe es uns schon nicht mehr.«

Freilich könne kein Unternehmen von heute auf morgen auf »familienfreundlich« umstellen. Auch bei ihnen sei es ein längerer Prozess gewesen. Wichtig sei jedoch die Glaubwürdigkeit der Maßnahmen und die Überzeugung der Geschäftsleitung und der mittleren Managementebene. Denn letztlich geht es um Vertrauen – und das kann man nicht kaufen. »Familienfreundlich heißt zum Beispiel nicht nur kinderfreundlich, das wird häufig übersehen. Was, wenn die Eltern pflegebedürftig werden, wie es in Zukunft immer häufiger geschehen wird? Eine Firma muss sich die Angelegenheiten ihrer Mitarbeiter zu eigen machen, um glaubwürdig zu sein!«

Heute können die Schönberger-Schwestern die Früchte ihrer Bemühungen einfahren. Personalwerbung ist kaum mehr nötig, das Unternehmen hat sich längst einen Namen gemacht. Dennoch werden Termine wie der Girls day, »Zeitung in der Schule« oder regionale Veranstaltungen weiterhin wahrgenommen. Denn die Konkurrenz schläft nicht.