Schrittmacher mit Herz

»Karriere machen« wollen Ingenieure laut Statistik meist bei den großen Börsenstars. Dabei gibt es auch unter Familienunternehmen Marktführer, die echte Arbeitgeber-Perlen sind: global und gleichzeitig traditionsverhaftet, aber nicht verstaubt.

Friedrich Schwarz ist Familienunternehmer mit Leib und Seele. Das ist im Bürokomplex in München-Berg am Laim zu spüren. Es menschelt. Das Firmen-Oberhaupt gibt seinem 1933 gegründeten Unternehmen Kontur. Rohde & Schwarz ist heute weltweit in 70 Ländern vertreten und mit 6500 Mitarbeitern kein kleiner Spieler mehr am Markt. Doch deswegen muss es ja nicht anonym zugehen. »Global Playing: ja. Anonyme Strukturen: nein!«, das ist Firmenpolitik.

Noch ein wenig älter und damit eines der ältesten Handelshäuser für elektronische Bauelemente in Europa ist Beck Elektronik. Seit 80 Jahren ist die Firma am Markt und einer der letzten größeren Distributoren, die sich noch in privater Hand befinden. Die Unabhängigkeit, die Friedrich Schwarz so beschwört, ist auch Beck-Geschäftsführer Werner Pfeifer wichtig: »So können wir unsere unternehmerischen Entscheidungen selbst treffen.« Man sei wie eine große Familie, »dafür steht auch unser Firmen-Slogan: »Join the electronic family«.

Der Branchen-Kollege Rutronik aus dem schwäbischen Ispringen wurde 1973 von Helmut Rudel gegründet und entwickelte sich vom Ein-Mann-Unternehmen auf heute 900 Mitarbeiter. »Hire&Fire« ist für Personalleiterin Christina Gruber ein Fremdwort. Warum Rutronik tolle Karrierechancen bietet? Weil es sich die Firma leisten kann: »Weiterbildung zum Beispiel genießt bei uns einen hohen Stellenwert. Seit Unternehmensgründung sind wir stets marktüberdurchschnittlich gewachsen. Rutronik ist ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen und bietet damit seinen Mitarbeitern einen sicheren und soliden Arbeitsplatz.« Flache Hierarchien liegen hier in der Natur der Sache: »Unsere Kommunikations- und Entscheidungswege sind aufgrund der Inhaberführung und der Zentrale in Europa sehr kurz«, bekräftigt sie, »als europäisches Unternehmen bieten wir unseren Mitarbeitern außerdem interessante Möglichkeiten, Auslandserfahrung zu sammeln.«

Auch ifm Electronic aus Essen ist ein in zweiter Generation geführtes Familienunternehmen, das viel Wert auf Weiterbildung setzt. Vor allem aber stechen die Werte ins Auge, die sich das Unternehmen für ein »motivierendes Arbeitsumfeld « schon 1969 bei der Gründung verordnet hat: »Wir pflegen eine Kultur der gegenseitigen Wertschätzung, in der Offenheit, Toleranz und Loyalität die Arbeitsbeziehungen kennzeichnen.«

Die Zollner AG aus dem oberpfälzischen Zandt im Landkreis Cham hat es in den letzten 40 Jahren auf über 5200 Mitarbeiter geschafft und ist in der Region der größte Arbeitgeber. »Wir haben einen guten Ruf und sind die Existenzgrundlage für viele Familien«, sagt Vorstand Johann Weber. »Außerdem expandieren wir stark, was einen permanenten Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern hervorruft. Das ermöglicht vielen Mitarbeitern, neue Aufgaben zu übernehmen, die ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechen. Damit erreichen wir eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit!«

Die 25 Jahre alte, inhabergeführte Puls GmbH aus München setzt auf »Erfolg durch Mitgestalten«: Tanja Friederichs, Director Human Resources des Stromversorgungsspezialisten: »Das bedeutet zum Beispiel, dass in der Entwicklungsabteilung ein Mitarbeiter sein Produkt von der Konzeption bis zur Serienreife mit begleitet und somit den Erfolg miterleben kann.«

Die Liste solcher erfolgreichen Familienbetriebe mit attraktiven Arbeitsbedingungen könnte man noch lange weiterführen. Auf die oberen Plätze diverser Arbeitgeber- Rankings schaffen sie es aber noch selten. Als Karrieresprungbrett sind die Großen der Branche gefragter. Für Personalexperten ist es aber nur noch eine Frage der Zeit, bis die Werte der oft als »patriarchalisch « geschmähten Familienbetriebe in größerem Umgang geschätzt würden.

Bislang aber hat es von den Familienbetrieben nur Rohde&Schwarz unter die ersten zehn der Beliebtheitsskala von »Trendence« geschafft, die eine Untersuchung unter den Absolventen der Nachrichtentechnik durchführte. Die Zeitschrift Capital zählt Rohde&Schwarz zu »Deutschlands besten Arbeitgebern 2005«. Was ist der Grund für diese Beliebtheit? Das Team steht an erster Stelle, flache Hierarchien sind gelebte Selbstverständlichkeit. Demnächst wird auf dem Firmengelände in München ein neues Technologiezentrum entstehen, in dem an Innovationen von morgen getüftelt werden soll. Während andere dem Zeitgeist folgen und Entwicklungsaktivitäten verlagern, zweifelt Friedrich Schwarz keine Sekunde am Münchner Standort. »Deutschland ist unser wichtigster Standort und wird es auch immer bleiben! Niemand muss Angst haben, dass sein Job plötzlich ins Ausland verlagert wird.«

Der Firmenchef will frei bleiben in seinen Entscheidungen und diese Unabhängigkeit auch um keinen Preis aufgeben: »Abhängigkeiten, zum Beispiel von der Börse, schaffen irgendwann Situationen, in denen man nicht so kann, wie man will. Und das wollen wir auf keinen Fall!«

So können wie man will, selbstständig sein im Handeln und Denken, Entfaltungsspielraum – das gilt auch für die Ingenieure von Rohde&Schwarz. »Wir wollen Köpfe, die denken statt zu nicken!«, sagt die Leiterin des Personalmarketings, Nicole Julien. Visionär soll er sein, der Traumkandidat, Veränderungswillen und auch mal Widerspruch beweisen und neue Lösungswege suchen. Dazu ist Freiraum nötig, und den gibt es bei Rohde&Schwarz. Julien zitiert dazu die neueste Mitarbeiterbefragung: »88% der befragten Mitarbeiter sind ’insgesamt zufrieden’ mit dem Unternehmen, 82% loben die Arbeitsbedingungen, 78 % ihre Tätigkeit und 82 % die Zusammenarbeit im Team!« Das sei weitaus mehr Zustimmung, als es andere Unternehmen bekämen. Die Identifikation mit der eigenen Arbeit sei ungewöhnlich hoch, »wir haben eine hohe, intrinsische Motivation gemessen.« Man zahle zwar leistungs- und marktgerechte Gehälter, doch das sei nicht der Hauptgrund, warum die Fluktuation so niedrig sei.

Am Gehalt kann es tatsächlich nicht liegen: FH-Absolventen bekommen zum Einstieg 40.000 Euro, eine normale, marktübliche Bezahlung. TU-Ingenieure dagegen verdienen schon zu Anfang mehr, 47.000 Euro. Diplomanden werden gerne übernommen, im letzten Jahr waren es 17 von 42, die einen festen Arbeitsvertrag unterschrieben.

Mit Praktika, Diplomarbeiten oder Bachelor- und Masterarbeiten können Studenten schon während des Studiums bei Rohde&Schwarz beginnen, in den Geschäftsfeldern Messtechnik, Funkkommunikation, Rundfunktechnik, Funküberwachung und -ortung, Kommunikationssicherheit und professionelle Mobilfunktechnik. »Talente, die uns schon als Studenten beeindruckt haben, engagieren wir später besonders gerne«, sagt Nicole Julien. Sie haben dann die Wahl zwischen einer Führungs- und einer Fachkarriere. Führungskräfte werden bevorzugt aus den eigenen Reihen rekrutiert.

Überdurchschnittlich viel investiert Rohde&Schwarz in die Weiterbildung seiner Mitarbeiter. Das Handbuch im DIN-A5-Format, in dem die Fortbildungen verzeichnet sind, ist ordentlich dick, bei ziemlich dünnen Seiten, wohlgemerkt. Das Budget dafür ist laut Julien »sehr hoch« und wird zentral verwaltet. Verschiedene Prozesse sind dazu da, den Weiterbildungsbedarf zu ermitteln: zum Beispiel »Qualiteam«. Julien: »Hier wird der Bedarf innerhalb eines Teams durch das Team selbst ermittelt. « Dazu gebe es das Mitarbeitergespräch, das mindestens einmal jährlich stattfinde. Eine spezielle »Jobmatrix « mache die Verteilung von Junioren zu den erfahrenen Entwicklungstufen transparent und zeige den Mitarbeitern Aufstiegschancen, gleichzeitig habe man als Personalabteilung einen Überblick über das Leistungspotenzial im Unternehmen.