REACH: »Umfangreich, komplex und kompliziert«

Jens Dorwarth, Manager Environmental Affairs / Environmental Compliance Avnet EM EMEA, im Gespräch mit elektroniknet.de über die Brisanz des Themas REACH für Unternehmen.

Herr Dorwarth, welche Wichtigkeit hat das Thema REACH in Ihrem Haus? Wie intensiv wird daran gearbeitet?

Für Avnet Electronics Marketing (EM) - einschließlich der Business Units EBV Elektronik, Silica, Avnet Memec, Avnet Time, Avnet Embedded sowie Avnet Logistics – hat das Thema REACH einen sehr hohen Stellenwert, auch wenn wir nur in der Rolle als Händler oder Importeur von Erzeugnissen betroffen sind. Wir arbeiten sehr intensiv daran - vor allem Nicht-Europäische-Hersteller über dieses Thema zu informieren beziehungsweise ihre Aufmerksamkeit dafür zu schärfen.

Wir versuchen alle relevanten Informationen von Herstellern und vom Gesetzgeber zu erfassen, um die REACH-Richtlinien zu implementieren. Überdies bereiten wir zusätzliche logistische Prozesse vor, die REACH nach sich ziehen wird. REACH betrifft also nicht, wie landläufig von den Herstellern angenommen, nur die elektronischen Bauteile und -elemente sondern beispielsweise auch Verpackungs- und Transportmaterialien. Von denen müssen ebenfalls die Inhaltsstoffe bekannt sein, denn Unwissen oder Verstöße ziehen Importverbote nach sich - gemäß dem Motto der Europäischen Kommission ›No Data – No Market‹.

Leider sind derzeit weder die gesetzlichen Durchführungsmaßnahmen noch die SVHC-Liste (Substances of Very High Concern), die die gefährlichen Stoffe und Substanzen auflistet, endgültig bekannt. Diese sogenannte Kandidatenliste wird für Ende 2008 beziehungsweise Anfang 2009 erwartet. Aber auch ohne die Kandidatenliste bestehen bereits Informationspflichten, deren Umsetzung allerdings erschwert wird, da man ohne Liste schwer sagen kann, worüber man informieren muss.

Ebenso existieren eine Vielzahl weiterer Verordnungen, Richtlinien und Gesetzgebungen für Stoff- und Substanzverbote, die teilweise sogar mit REACH kollidieren. So sind zum Beispiel laut RoHS Stoffe verboten, die nach REACH als nicht gefährlich eingestuft werden (siehe aktuelle Deca-BDE-Diskussion). Daher müssen die Entscheidungen des Gesetzgebers abgewartet werden.

Man kann grundsätzlich festhalten, dass das Thema REACH umfangreich, komplex und kompliziert ist, da verschiedene Richtlinien, Gesetzgebungen und andere bereits existierende Verordnungen beachtet und miteinbezogen werden müssen. Zudem betrifft REACH nicht nur Substanzen und Gemische der chemischen Industrie, sondern jegliche Erzeugnisse und damit alle Industrien.

Was sind derzeit die Aspekte bezüglich REACH, die besondere Beachtung finden?

Zurzeit warten wir auf die Veröffentlichung der Kandidatenliste sowie auf die Definition des Gewichtsanteils einer Substanz in einem Erzeugnis. Der Grund: Mehrere Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft haben gegen die derzeit gültige Definition Einspruch eingelegt. Spannend bleibt außerdem die Frage, wie die Verpflichtung bezüglich der Kennzeichnung und der Testverfahren aussehen wird. Dies kann unter Umständen bedeuten, dass ein immenser administrativer und finanzieller Aufwand auf uns als Distributoren und Importeure zukommt.

Seit dem 1. Juni läuft die Phase der Vorregistrierung, was bedeutet das für Avnet konkret?

Derzeit bestehen für uns lediglich Informationspflichten. Eine Vorregistrierungspflicht trifft auf uns nach momentanem Kenntnisstand nicht zu, da wir keine Erzeugnisse importieren oder vertreiben, die bewusst Substanzen freisetzen. Die Registrierungspflicht besteht nur für die bewusste Freisetzung von Substanzen. (siehe §7.1 der REACH-Verordnung)

Für uns kommt höchstens die Mitteilungspflicht in Frage - und zwar dann, wenn wir Erzeugnisse importieren oder vertreiben, die Substanzen aus der Kandidatenliste enthalten und für die der Originalhersteller nicht bereits diese Verpflichtungen erfüllt hat. (siehe §7.2 der REACH-Verordnung)