REACH – Nicht nur für Chemiker

Immer wenn die EU die Unternehmen zum Schutze des Verbrauchers sowie der Umwelt in die Pflicht nehmen möchte und dazu Richtlinien oder Verordnungen erlässt, streiten sich die Betroffenen postwendend darum, ob die neuen Regeln nun Segen oder Fluch für sie seien.

Immer wenn die EU die Unternehmen zum Schutze des Verbrauchers sowie der Umwelt in die Pflicht nehmen möchte und dazu Richtlinien oder Verordnungen erlässt, streiten sich die Betroffenen postwendend darum, ob die neuen Regeln nun Segen oder Fluch für sie seien.

Wenn es um die Registrierung, Evaluierung und Autorisierung von Chemikalien (REACH [1]) geht, sind der beabsichtigte Nutzen klar, Regelungen und Durchführung äußerst komplex und aufwendig und die Ergebnisse noch für einige Jahre nicht greif- und bewertbar. Im ersten Anlauf geht es aber vor allem um die Fragen: Wer ist betroffen? Wer muss was tun? Und vor allem - was müssen Hersteller von Elektro- und Elektronikprodukten tun?

Die Chemie begleitet den modernen Menschen durch den gesamten Tag: In Zahnpasta und Duschgels stecken chemische Substanzen, in den Nahrungsmitteln, der Kleidung, in Kunststoffen der unterschiedlichsten Art, Verpackungsmaterialien, Metalllegierungen, Lacken, Reinigungsmitteln – überall ist Chemie. Rund um die Uhr, im Berufsleben und in der Freizeit, besteht direkt oder indirekt Kontakt zu irgendwelchen Chemikalien. Für EU-Parlament und -Kommission Grund genug, die Chemikalien in ihrer Gesamtheit registrieren und bewerten zu lassen und über ihre Genehmigung neu zu entscheiden. Der europäische Gesetzgeber hat bei der Abfassung der REACH-Verordnung und damit während der siebenjährigen Diskussion, die der Verabschiedung vorausging, unter anderem chemische Substanzen oder eine Mischung davon – bei REACH als Zubereitung bezeichnet – im Auge gehabt, nicht dagegen fertige Produkte, gesetzestechnisch Erzeugnisse genannt. Bei Erzeugnissen kommt der Verbraucher in den meisten Fällen nicht in direkten Kontakt mit Chemikalien. REACH sieht deshalb vor, dass Erzeugnisse nur ausnahmsweise in den Geltungsbereich der Verordnung fallen, wenn Chemikalien beim Gebrauch freigesetzt werden sollen oder nicht auszuschließen ist, dass gefährliche Chemikalien freigesetzt werden können. In diesen Fällen sind beispielsweise auch Elektro- und Elektronikprodukte von REACH betroffen.

Der Grad der Betroffenheit ist unterschiedlich. So erfordert die Registrierung von Substanzen oder Zubereitungen einen enormen Aufwand. Es müssen nicht nur Stoffdefinitionen und -eigenschaften aller Art zusammengetragen werden, sondern auch Studien und Expositionsszenarien bei der Europäische Chemikalien-Agentur (ECHA [2]) in Helsinki eingereicht werden. Da jeder Stoff nur einmal registriert werden soll, sind die registrierungspflichtigen Hersteller und Importeure identischer Stoffe zur Zusammenarbeit verpflichtet, müssen auch Studien miteinander teilen, so dass möglichst keine weiteren Versuchsreihen – schon gar nicht solche mit Wirbeltierversuchen – vorgenommen werden.

Somit darf niemand im Elektro- und Elektronikbereich davon ausgehen, dass REACH keinen großen Aufwand erfordern wird – sofern in den Erzeugnissen keine zur Freisetzung bestimmten Stoffe drin sind. Sowohl bei der Verordnung als auch bei den Produkten gilt, dass nur genaues Hinsehen hilft. Es ist – wie auch schon bei anderen neuen Auflagen im industriellen Umweltschutz, beispielsweise unter WEEE oder RoHS – oft eine Frage der Unternehmensgröße, ob man alleine oder nur mit externer Hilfe zurechtkommt (Bild 2). Anders aber als bei WEEE oder RoHS ist die REACH-Verordnung um einige Grade komplexer. Zusätzlich zu der äußerst umfänglichen Verordnung blähen die Durchführungsempfehlungen, die RIPs, das zu lesende Volumen auf. In Gang befindliche Pilotprojekte, in denen betroffene Firmen die Prozesse durchspielen und erproben, zeigen bereits, dass noch einige Stolpersteine beseitigt und einiges Mehrdeutige geklärt werden muss. Daher beschränkt sich dieses Mal die Frage nach externer Unterstützung sicher nicht auf den Mittelstand.

Auch wird REACH vermutlich nicht wie lange Zeit WEEE als zahnloser Tiger daherkommen. Die Verordnung sagt: „no registration – no market.“ Dass im Unterschied zu WEEE mit der Keule „Vertriebsverbot“ nicht nur geschwungen, sondern auch zugeschlagen wird, stellen im Falle REACH wohl auch Verbraucherschutzorganisationen sicher, die sich um WEEE kaum scherten, aber bei Chemiethemen generell seit vielen Jahren sehr aufmerksam sind. Außerdem: Wollen die EU und ihre Mitgliedsstaaten mit den Direktiven zum industriellen Umweltschutz ernst genommen werden, darf der Ehrliche nicht zum Dummen werden. Der Aufwand, der von den vielen tausend Unternehmen für Compliance geleistet wird, und die damit verbundenen Risiken im globalen Wettbewerb haben mehr Konsistenz aus Brüssel und den Mitgliedsstaaten verdient. Der Steuern zahlende Bürger übrigens auch. hs