Der Herbst 2009 entscheidet über die Zukunft der Branche

Auftrags- und Umsatzeinbrüche von 25 Prozent und mehr zwingen die Anbieter auf dem deutschen Stromversorgungsmarkt zur Drosslung der Produktion. Während die Entwicklungsabteilungen zum Teil Überstunden machen, wächst die Angst vor einem einsetzenden Preiskampf in der Branche.

»Unser Ziel ist es, bei den Einbrüchen in diesem Jahr eine schwarze Null zu schreiben«, mit diesem Wunsch spricht Gustav Erl, General Manager von TDK-Lambda in Deutschland, wohl allen Teilnehmern des diesjährigen Stromversorgungsforums der Markt&Technik aus der Seele, »den wilden Traum, dass wir die selben Zahlen wie 2008 erreichen könnten, habe ich noch gar nicht gehabt.«

Bezogen auf den Markt sprechen die Diskussionsteilnehmer von einem Umsatzrückgang im ersten Halbjahr 2009 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von rund 25 Prozent. Bezogen auf einzelne Kunden sehen die Einbrüche durchaus massiver aus, von bis zu 60 Prozent bei einigen Maschinenbauern ist die Rede.

»Wir hatten im Januar, Februar noch eine ganz ordentliche Auftragslage, wir lagen fast im Plan«, beschreibt Holger Schierenbeck, Managing Director der Deutschlandniederlassung von XP Power, die Entwicklung der letzten Monate, »dann plötzlich kamen große, namhafte Kunden auf die Idee, alles in den Forecast-Systemen auf Null zu setzen oder Rahmenverträge mit festen Terminen auf unbestimmte Zeit zu verschieben.« In machen Fällen ging das sogar soweit, dass Kunden drohten, Ware, die ihnen zugestellt würde, umgehend auf Kosten von XP Power zurückzusenden.

Fast unbeeindruckt von der aktuellen Marktsituation zeigt sich der Bereich der Entwicklung. So berichtet Sandra Maile, Geschäftsführerin der Autronic Steuer- und Regeltechnik, von einem ungebrochenen Innovationswunsch auf der Kundenseite: »Allein in den letzten zwei Monaten haben wir Entwicklungsaufträge in Höhe von 100.000 Euro erhalten, das ist schon relativ viel. Anders als ursprünglich erwartet, so Matthias Hofmann, Leiter Marketing Industrie PC/Industrie Stromversorgungen bei Siemens A&D, »hat der Abschwung in der ersten Jahreshälfte noch an Dynamik zugenommen, wir mussten einen Rückgang gegenüber dem Vorjahr von 20 Prozent hinnehmen.« Hofmann rechnet mit einer Rückkehr auf das Umsatzniveau des Jahres 2008 erst in einigen Jahren.

Karsten M. Bier, Group Managing Director von Recom International, bezeichnet das, was sich auf dem deutschen Stromversorgungsmarkt derzeit abspielt, als »Perfect Storm«. Für ihn liegt das aktuelle Hauptproblem darin, dass sich zu viele Unternehmen auf den Bereich des Maschinen- und Anlagenbaus fokussiert haben, »natürlich sind diese Kunden sehr exportlastig und die werden sich neu erfinden müssen, sonst wird es in den nächsten vier, fünf Jahren sehr schwierig für sie werden, das gilt auch für ihre Zulieferer.« Bisher, warnt Bier, habe man auf dem deutschen Markt Stornierungen und Insolvenzen nicht im großen Stil gesehen, »aber das kann sich in den nächsten Monaten noch ändern.«

»Wenn man derzeit mit fünf Leuten spricht, erhält man sechs Einschätzungen«, spiegelt Dr. Qin Wang, Vice President Asia Pacific Strategic Business Development bei Puls, die aktuelle Situation auf dem Markt wider. Zwar gehört auch Puls nach seinen Worten zum Club derer, die im ersten Halbjahr Umsatzrückgänge von 20 bis 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr hinnehmen mussten, doch er sieht bereits eine Bodenbildung und auch den ein oder anderen Lichtblick am Markt.

Er verweist darauf, dass man frühzeitig auf die ersten Anzeichen am Markt reagiert habe und die Fertigungen in der Tschechischen Republik und China sofort angepasst habe, »die gute Nachricht ist aber, dass wir weiter in den Ausbau des Unternehmens investieren.« Das aktuelle Kundenverhalten beschreibt er als sehr kurzfristig, »manchmal könnte man den Eindruck bekommen, man hält uns für eine Stromversorgungsbank, die alle Produkte sofort vorrätig hat.«

Einzelne Marktsegmente verhalten sich unterschiedlich

Wie unterschiedlich sich einzelne Marktsegmente trotz aktueller Weltwirtschaftskrise verhalten können, macht Reinhard Kalfhaus, Geschäftsführender Gesellschafter von Syko Power, deutlich: »Anfang des Jahres hat Amerika fast alles stornieren wollen, inzwischen haben wir mehr Aufträge von dort als zuvor.«

Bei Syko, so Kalfhaus, werde weiterhin mit Überstunden gearbeitet, Auftrags- und Umsatzrückgänge beklagt er nicht: »Die Perversität, etwas Besonderes haben zu wollen, gibt es heute weltweit und dieses Bedürfnis befriedigen wir in hohem Maße.« »Die Krise zeigt allen Betroffen auf, dass sie sich neu erfinden müssen und sich fragen müssen, wie sie auf die Krise reagieren«, stellt Hofmann fest, »es gilt mit Innovationen auf die sich darstellenden Struktureffekte zu reagieren und damit die Zukunftssicherung der Unternehmen zu gewährleisten.«