Nichts wie weg!

Flexibel soll der ideale Mitarbeiter sein, ohne jeden Tunnelblick und möglichst breit aufgestellt. Gleichzeitig sollen er oder sie fachlich hochkompetent, mit jüngstem Wissen ausgestattet und...

Flexibel soll der ideale Mitarbeiter sein, ohne jeden Tunnelblick und möglichst breit aufgestellt. Gleichzeitig sollen er oder sie fachlich hochkompetent, mit jüngstem Wissen ausgestattet und in der Branche zu Hause sein. Wie passt das zusammen? Und was machen Elektro- und Elektronikingenieure und Techniker, wenn sie sich plötzlich in einer Nische wiederfinden?

Ab sieben Uhr morgens muss Hans-Josef Bohlem damit rechnen, dass es brennt. Dass ein Kunde bei ihm anruft und um Hilfe schreit, weil sich sein IT-Netzwerk verheddert hat oder weil der Rechner steht. Dann hetzt der selbstständige Systemadministrator unter die Dusche, in die Jeans, ins Auto und düst vom rheinischen Brühl aus zu seinem Kunden. »Ich habe meinen Kunden vertraglich bestimmte Reaktionszeiten zugesichert «, sagt der 47-jährige ungerührt, »die muss ich einhalten.«

Von solchen Anforderungen war noch nicht die Rede, als Bohlem Ende der 80er Jahre in Köln sein Studium der Elektrotechnik beendete. Vom Messen, Steuern, Regeln sowieso, auch von Bauelementen und integrierten Schaltungen, manche vertieften sich sogar schon in ringförmige und Backbone-Netzwerke. Aber viele scheuten davor, das gerade frisch erlernte Fachgebiet aufzugeben und wie der Brühler direkt nach dem Examen in einen anderen Bereich zu wechseln. Das hat doch noch ein paar Jahre Zeit, oder?

»Eben nicht«, straft der Münchner Coach und Personalberater Udo Wirth den Volksmund Lügen. »schon mit der ersten Stelle stellt man die Weichen für seine berufliche Zukunft. Wer als Ingenieur bei einem Halbleiterhersteller im Vertrieb arbeitet, dort ein paar Jahre lang Bauelemente verkauft und dann in die Medizintechnik wechseln möchte, wird es sehr schwer haben. Denn er lebte ja bisher im Bauelementebereich! Er wusste, wie dort argumentiert wird, er kannte die Denke der Ansprechpartner, und die unterscheidet sich im Halbleiterbereich extrem von dem Medizintechnik-Metier. Identisch an der Tätigkeit ist allein das Verkaufen. Aber unserem Ingenieur mangelt es an dem spezifischen Know-how der neuen Branche. « Und das macht den Umstieg entweder zu einer Preisfrage oder gänzlich unmöglich. Wenn schon Umorientierung, dann lieber zu früh als zu spät.

Bei jeder qualifizierten Tätigkeit entwickeln Menschen ein bestimmtes Know-how an Fach-, Methoden-, Prozess- und sozialem Wissen. Dessen Wert aber ist hochgradig veränderlich: Was in der einen Branche als unverzichtbar gilt, hat für die andere womöglich gar keine Bedeutung. Die Schlussfolgerung: Wer in seinem Aufgabenfeld oder in einem Wirtschaftszweig nicht glücklich ist oder feststellt, dass er in einer Nische gelandet ist, sollte so schnell wie möglich das Weite suchen. »Bei allen Ingenieurbereichen steckt man nach ein paar Jahren in einer Einbahnstraße«, weiß Personalberater Wirth, »denn irgendwann sind alle Ingenieure gezwungen, sich auf einen Wirtschaftszweig zu konzentrieren, weil sie ihr erworbenes Knowhow verwerten wollen. Wenn er oder sie sich also einmal festgelegt hat, dann ist bei einem gewünschten oder notwendigen Wechsel nicht mehr die Frage relevant, was ich will, sondern wo ich als Bewerber überhaupt akzeptiert werde. Und dafür muss man eventuell einen Einkommensverlust in Kauf nehmen. Wer A sagt, muss auch B sagen.«