Kommentar Vermaschte Overlay-Netze müssen kommen!

Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik

Vermaschte HGÜ-Overlay-Netze könnten einige drängende Probleme der Energiewende in Deutschland und Europa lösen. Leider liegt ihre Realisierung noch in weiter Ferne. In China ist das anders.

»Vermaschte HGÜ-Netze wären der nächste logische Schritt und sie werden schon bald kommen«, sagt Dr. Anne-Katrin Marten, die heute bei dem Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz mit Sitz in Berlin arbeitet und dort neue Konzepte für die Systemführung entwirft. Dagegen beobachtet sie in China wachsende Aktivitäten. Wie weit China bereits ist, war dem Economist in seiner jüngsten Ausgabe ein ausführlicher Artikel wert. Das Thema hat also Brisanz.

»Es würde mich nicht wundern, wenn  China uns zeigt, dass die neue Technik funktioniert«, sagte Dr. Anne-Katrin Marten im Interview mit Markt&Technik. Sie muss es wissen, denn sie ist eine Pionierin auf diesem Gebiet.

Seit 2012, als sie die Arbeit an ihrer Dissertation »Operation of meshed High Voltage Direct Current (HVDC) overlay grids« aufgenommen hatte, beschäftigt sie sich eingehend mit den Geheimnissen der  Betriebsführung von HGÜ-Overlay-Netzen. Ihre Doktorarbeit fiel dann auch so überzeugend aus, dass
Sie nicht nur den Dissertationspreis 2016 der TU Ilmenau erhielt sondern auch den Dr. Wilhelmy Preis der Dr. Wilhelmy Stiftung und des VDE gewann. Dass der Promotionsabschluss dafür hervorragend sein muss, versteht sich von selbst. Um preiswürdig zu sein, muss die Dissertation aber auch eine »hohe Bedeutung für die Wissenschaft oder den Wirtschaftsstandort Deutschland haben.« Im Falle der Dissertation von Dr. Marten sind alle Voraussetzungen erfüllt, denn auf wissenschaftlichen Gebiet betrat sie Neuland und für den Standort Deutschland und insbesondere der Umsetzung der Energiewende ist die Arbeit von hoher Relevanz.

Jetzt kommt es darauf an, dass die Prophetin im eigenen Lande gehört wird. Denn vermaschte HGÜ-Overlay-Netze erhöhen die Versorgungssicherheit – gerade in Zeiten der Energiewende in Deutschland ein wichtiger Punkt, denn mit dem steigenden Anteil der erneuerbaren Energien aus fluktuierenden Quellen wird es immer schwieriger, das Netz zu stabilisieren. 

Mit den von ihr entwickelten Methoden zur Betriebsführung von HGÜ-Overlay-Netzen hat Dr. Marten jetzt aufgezeigt, wie dies auf europäischer Ebene funktionieren kann. Auch in Deutschland ließe sich die Nord-Süd-Trassen im Interesse der Effizienz und der Versorgungssicherheit zunehmend vermaschen. Ein erster Schritt wäre es, die Konverter in Multiterminal-Systemen so auszulegen, dass sie in den Stationen im Norden Energie nicht nur einspeisen können und dass aus den Stationen im Süden nicht nur entnommen werden kann. Wenn sich der Energiefluss in den Konvertern beliebig umkehren ließe, wäre das ein großer Fortschritt in Richtung Flexibilität und Sicherheit.

Die Methoden zur HGÜ-Overlay-Netzführung, die Dr. Martin entwickelt hat, sind mit den bestehenden Drehstromnetzen und auch mit den jetzt neu entstehenden Nord-Süd-HGÜ-Trassen kompatibel. Die Netzbetreiber müssten an der bestehenden Infrastruktur nichts rückwirkend ändern, um mit dem neuen HGÜ-Overlay-Netz zu Recht zu kommen. Auf dem Weg zur Vermaschung wären dann die Multiterminalsysteme mit beliebigem Lastfluss ein erster Schritt.  

Aber ausprobieren müssten es die Netzbetreiber schon. Die Unternehmen sehen sich hierzulande weltweit in einer Spitzenposition für die Umsetzung der Energiewende und wollen sie und die hier entwickelten Techniken  in die übrige Welt exportieren. Oder wollen sie sich von chinesischen Firmen zeigen lassen, wie dies in der Realität funktioniert?