»Wir setzen die Maßstäbe im Hörgerätebatterie-Geschäft« Varta Microbattery baut eine neue Hörgerätebatterie-Fabrik

Herbert Schein, Varta Microbattery: »Wir wollen einen entscheidenden Beitrag zur Energiewende in Deutschland leisten und werden im Rahmen unseres Joint Ventures mit VW in zwei bis drei Jahren wettbewerbsfähige großformatige Lithium-Zellen für E-Fahrzeuge entwickeln.«
Herbert Schein, Varta Microbattery: »Wir wollen einen entscheidenden Beitrag zur Energiewende in Deutschland leisten und werden im Rahmen unseres Joint Ventures mit VW in zwei bis drei Jahren wettbewerbsfähige großformatige Lithium-Zellen für E-Fahrzeuge entwickeln.«

Der Neubau einer Hörgerätebatterie-Fabrik in Ellwangen ist nur ein Zwischenschritt, mit dem Herbert Schein, CEO der Varta Microbattery, das Unternehmen auf nachhaltiges Wachstum ausrichtet. Ende dieses Jahres werden kleinformatige Lithium-Ionen-Akkus auf den Markt kommen. Außerdem entwickelt Varta Microbattery großformatige Lithium-Zellen auch für den Einsatz in E-Fahrzeugen.

Markt&Technik: Sie haben am 1. Juni den ersten Spatenstich für Ihre neue Hörgerätebatterie-Fabrik in Ellwangen gesetzt. Wann wird die Fab ihren Betrieb aufnehmen und welches Ziel haben Sie sich mit dieser Investition gesetzt?

Herbert Schein: Wir werden am Standort Ellwangen mit einem Invest von 11 Millionen Euro bis zum Jahresende die weltweit größte und sicherlich auch modernste Hörgerätebatteriefabrik der Welt errichten. Mit verbesserten Prozessen werden wir neue Produktionstechnologien einführen und damit unsere Produktionskapazität erheblich steigern. Damit werden wir in der Lage sein, unsere Weltmarktführerschaft weiter auszubauen.

Die neue Fertigungslinie wird direkt an die bestehende Verpackungslinie angeschlossen. Wie viele Zellen werden Sie in der neuen Fab fertigen können?

Vor zwei Jahren haben wir den Hörgerätebatterie-Markt auf ein Stückzahlvolumen von 800 Millionen Zellen taxiert. Wir produzieren heute bereits auf einem Niveau von jährlich über 500 Millionen Zellen. Mit der neuen Fab werden wir unsere Jahresproduktion auf über 800 Millionen Zellen steigern können. Das Weltmarktvolumen schätzen wir heute auf über eine Milliarde Hörgerätebatterien. Mit der neuen Fab werden wir unsere Marktführerschaft noch einmal deutlich ausbauen können.

Sie werden ausschließlich quecksilberfreie Batterien herstellen. Damit setzen Sie wieder neue Maßstäbe in der Produktion von Hörgerätebatterien, wo Sie bereits als Innovations- und Technikführer gelten. In Japan haben Sie sich bereits einen traumhaften Marktanteil gesichert.

Der Verzicht auf Quecksilber erspart der Umwelt unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit in den nächsten Jahren eine Belastung von 10 Tonnen dieses Schwermetalles. Daneben weisen unsere Zellen eine besonders stabile Spannungslage auf. Dies ist für unseren Erfolg in Japan mit verantwortlich. Unsere Hörgerätebatterien, die wir unter dem Marktennamen »power one« verkaufen, können sowohl bei hoher wie bei niedriger Luftfeuchtigkeit eine sehr gute Performance bieten. Die richtige Balance zwischen beiden Umgebungsbedingungen zu finden und damit ein Maximum an aktivem Material in diesen Zink-Luft-Zellen unterbringen zu können, ist die Kunst des Batterieherstellers.

Hörgerätebatterien stehen heute für 40 Prozent des Umsatzes Ihres Unternehmens. Sie erwarten in Zukunft noch höhere Umsatzbeiträge, worauf ist dieses Wachstum in den letzten Jahren zurückzuführen?

Aufgrund der weltweiten demografischen Entwicklung und der Tatsache, dass die Marktdurchdringung von Hörgeräten bei potentiellen Nutzern auch in medizinisch sehr gut versorgten Ländern wie Deutschland erst bei 20 bis 30 Prozent liegt, bietet uns für die Zukunft noch erhebliche Wachstumsmöglichkeiten. In den letzten Jahren hat sich zudem die Dynamik des Marktes dadurch verändert, dass ältere Menschen mit Hörverlust heute weiter aktiv an der Gesellschaft teilnehmen wollen. Für diese Silversurfer ist die Nutzung eines Hörgeräts heute genauso selbstverständlich wie der Griff zur Brille. Dem Hörgerät hängt nicht mehr das Stigma an, dass sein Träger alt und gebrechlich ist, Hörgeräte entwickeln sich immer mehr zu einem Teil des Lifestyles ihrer Träger.

Von der klassischen Hörhilfe entwickeln sich diese Geräte immer mehr zu einem interaktiven Device. Welche Anforderungen stellt das an Sie als Batteriehersteller?

Um mit anderen Geräten kommunizieren zu können, werden in Hörgeräte heute Module eingebaut, die höhere Ströme benötigen. Wir verfügen über eine Kathodentechnologie, die höhere Ströme liefern kann, als sie heute in Hörgeräten benötigt werden. Wir nutzen diesen Technologievorteil heute bereits für das Nischensegment der Hörgeräteimplantate als Inplant-Plus. Wir werden deshalb kein Problem haben, auch für kommunikationsfreudige Hörgeräte eine Batterielösung anzubieten.

Sie investieren aber nicht nur im Hörgerätebatterien-Bereich, sondern wollen in diesem Jahr in Ellwangen auch noch mit der Produktion kleinformatiger Lithium-Ionen-Zellen beginnen.

Wir werden noch Ende dieses Jahres kleinformatige Lithium-Ionen-Akkus mit Kapazitäten von bis zu 200 mAh auf den Markt bringen. Derzeit läuft bereits eine Pilotlinie. Wir werden in dieses Projekt in den kommenden Jahren weit mehr als 20 Millionen  Euro stecken. Unsere Entwicklungsanstrengungen erlauben es uns, Zellen anzubieten, deren Energiedichte deutlich über denen liegt, die derzeit am Markt erhältlich sind. Unser Ziel ist es, schrittweise eine Massenfertigung aufzubauen. In der ersten Ausbaustufe ist ein Produktionsvolumen von 25 Mio. Zellen geplant, in der zweiten Phase haben wir uns 50 Mio. Zellen zum Ziel gesetzt. Zielapplikationen für diese Lithium-Ionen-Akkus sind Bluetooth-Anwendungen, insbesondere Low-Power-Bluetooth-Anwendungen, und Personal-GPS-Systeme, aber es sind auch medizinische Applikationen möglich, etwa in Insulinpumpen.

Welche Bedeutung haben medizinische Applikationen, einmal abgesehen von den Hörgerätebatterien, für Sie?

Wir werden in diesem Bereich ein größeres Spektrum an Lösungen anbieten. Schon heute stellen wir Spezialbatterien für Medizinanwendungen her. Dabei handelt es sich um maßgeschneiderte Silberoxid-Zellen. Wir haben sicherlich die richtige Firmengröße, um in diesem Anwendungsbereich leistungseffiziente und zuverlässige Lösungen anzubieten. Nicht aktiv geworden sind wir bislang nur im Bereich implantierbarer Batterie-lösungen.

Sie wollen als auf höchstem Niveau agierendes internationales Unternehmen, wie Sie es ausdrücken, einen entscheidenden Beitrag zur raschen Energiewende in Deutschland leisten. Wie soll das aussehen?

Unser paritätisch mit VW geführtes Joint Venture wird neben der intensiven Forschung auch Zellen für E-Fahrzeuge auf einer Pilotlinie testen. Das Joint Venture hat sich zum Ziel gesetzt, innerhalb von vier Jahren eine wettbewerbsfähige großformatige Lithium-Ionen-Zelle für Elektrofahrzeuge zu entwickeln. Heute sind wir voll im Zeitplan, und ich gehe davon aus, dass wir unsere Ziele erreichen werden. Seit zwei Jahren arbeitet das Joint Venture am Standort Ellwangen intensiv an der Entwicklung der entsprechenden Zellen- und Fertigungstechnologie. Auch auf diesem Gebiet hat die Entscheidung im Vorjahr, das Innovations- und Forschungszentrum am Standort Ellwangen zu errichten, bereits Früchte getragen.

Noch ein Blick in die Zukunft: Wie weit sind Sie mit der Entwicklung gedruckter Batterien vorangekommen, und welches Marktpotenzial räumen Sie dieser Batterieform ein?

Im Rahmen des EU-geförderten Projekts GREENBAT werden aktuell 40 x 40 mm große und 300 µm dicke Zellen gebaut. In einem Realisierungszeitraum von fünf Jahren sehe ich für diese Batterietechnologie zwei Anwendungssegmente: Zum einen High-Tech-Lösungen, etwa bei der Medikamentationsüberwachung oder bei Gesundheitsuntersuchungen in Form ultradünner Sensoren für Puls, Atmung und Blutdruck. Im Low-Cost-Segment werden es wohl vor allem mitgelieferte Informationen sein, etwa zum Haltbarkeitsdatum, oder auch aufgedruckte Werbung, oder einfach Spiele. Unser Ziel ist es, uns langfristig eine dominante Marktposition auch in diesem neuen Bereich zu sichern.

Vorerst werden sicherlich die Hörgerätebatterien oder Ihre Lithium-Ionen-Power-Pack-Lösungen entscheidend zum Umsatz beitragen. Mit welchem Wachstum rechnen Sie für 2011?

Unser 2010 verabschiedeter Fünfjahresplan sieht bis 2015 eine Umsatzsteigerung um 50 Prozent auf 200 Mio. Euro vor. Mit einem Wachstum von 10 Prozent haben wir im Vorjahr ein Volumen von 140 Millionen Euro erreicht. Wir rechnen für dieses Jahr mit einem weiteren Plus von knappen 10 Prozent.