Kommentar Smart Meters: Ziel gefährdet

Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik

Das Ziel, bis 2020 rund 80 Prozent der Haushalte mit intelligenten Zählern auszustatten, dürfte in Deutschland wohl kaum erreicht werden - wenn alles so zögerlich weiterläuft wie bisher.

Gründe dafür gibt es viele. Das fängt schon bei der Definition an: Was ist eigentlich unter einem intelligenten Zähler zu verstehen? Welche Funktionen muss, soll, darf er ausführen? Dass viele Beteiligte erst einmal das Risiko  scheuen, in etwas zu investieren, das sich hinterher als weit unter- oder weit überdimensioniert erweist, ist nicht verwunderlich.

Hinzukommen dürfte, dass die großen Energieversorger der Entwicklung mit gemischten Gefühlen entgegenschauen: Einerseits böten intelligente Zähler das Potenzial, die Lasten im Netz besser als bisher zu steuern. Wenn der Anteil des Stroms aus fluktuierenden Quellen wie Solar und Wind steigt, wäre das Lastmanagement sogar eine Voraussetzung, um das Netz überhaupt stabil halten zu können. Und die Kunden hätten die Möglichkeit, über verschiedene Tarife gegenüber heute weniger für den Strom ausgeben zu müssen und sogar Strom zu sparen. Andererseits: Welcher Hersteller will schon seine Kunden dazu  bewegen, von dem einzigen Produkt, das er anbietet, weniger zu kaufen und für den Rest weniger zu bezahlen?

Nun will der Gesetzgeber ausdrücklich, dass die Kunden unter verschiedenen Techniken wählen können und die Wahl zwischen unterschiedlichen Tarifen haben.
Die Energieversorger und die Unternehmen, die sich mit dem Vertrieb von Energie befassen, müssen sich künftig also viel mehr auf Service-Leistungen konzentrieren und Konzepte zur Kundenbindung entwickeln. Da müssen sie  noch viele mentale Hürden überspringen. Aber nur so können sie die Kunden in den Haushalten gewinnen. Von Technik-Freaks abgesehen, werden sich nämlich die Endkunden nicht für teures Geld Smart Meter anschaffen, wenn sie dazu ständig überwachen müssen, wann es gerade am günstigsten ist, die Waschmaschine einzuschalten. Die Faszination des Neuen wird da schnell der Bequemlichkeit weichen.

Verwirrend ist, dass intelligente Zähler auf Basis unterschiedlicher Architekturen - etwa Zähler und Gateway getrennt oder integriert - realisiert werden können und über unterschiedliche Wege kommunizieren, über Powerline und drahtlos, sowie über unterschiedliche Protokolle.

Derzeit gibt es zwar zahlreiche Pilotprojekte, die klären sollen, welche Techniken sich für welche Einsatzbedingungen eignen. Meist sind sie aber so klein, dass sich für dringende Fragen keine Antworten gewinnen lassen: Wie wird ein Versorger bzw. Vertriebsunternehmen mit der riesigen Datenflut fertig, die die Zähler liefern, wie werden sie - sicher - weiterverarbeitet? Hierzu müssten Erfahrungen aus dem Einsatz von Hunderttausenden von Zählern unter realistischen Bedingungen gewonnen werden.

Doch damit sich die intelligenten Zähler auf breiter Front durchsetzen können, müsste in Deutschland noch weit mehr geschehen als bisher. Sonst lässt sich das 80-Prozent-Ziel nicht erreichen, vor allem bliebe dann das große Ziel der effizienteren Energienutzung auf der Strecke.

Ihr
Heinz Arnold