Interview Powerlösungen für smarte Automatisierungskonzepte

Gunther Klima, Siemens: »Mit der Einbindung der Hutschienen-Netzteile über Industrial Ethernet in smarte Automatisierungslösungen wird durch die entstehende Onlinefähigkeit und Datendurchgängigkeit eine Transparenz geschaffen, wie sie im Automatisierungseinsatz bisher nicht möglich war.«
Gunther Klima, Siemens: »Mit der Einbindung der Hutschienen-Netzteile über Industrial Ethernet in smarte Automatisierungslösungen wird durch die entstehende Onlinefähigkeit und Datendurchgängigkeit eine Transparenz geschaffen, wie sie im Automatisierungseinsatz bisher nicht möglich war.«

In Systemlösungen zu denken, steht für Gunther Klima, Leiter Power Supply Products bei Siemens Industry Automation, an erster Stelle, wenn es um Neuentwicklungen bei den Hutschienen-Netzgeräten der Sitop-Reihe geht. Ein erster Schritt in diese Richtung ist die Anbindung der Geräte an das Industrial Ethernet.

Markt&Technik: Nach den jüngsten Untersuchungen des Marktforschungsinstituts IMS entfällt etwa ein Viertel des globalen Umsatzes mit Industrie-Stromversorgungen auf DIN-Schienen-Netzgeräte. Wie stellt sich für Sie aktuell die Situation auf dem Markt dar?

Gunther Klima: Dass sich die Nachfrage speziell im letzten Quartal 2012 so deutlich abgeschwächt hat, überraschte die gesamte Branche. Da sind verschiedene Faktoren zusammengekommen, unter denen auch das Fiscal Cliff in den USA und der anstehende Generationswechsel in der politischen Führung Chinas eine Rolle gespielt haben, die in ihren wirtschaftlichen Auswirkungen so im Sommer letzten Jahres noch nicht absehbar waren. In den letzten Monaten war zwar wieder eine Belebung des Marktes zu beobachten, mit einer deutlichen Verbesserung der Nachfragesituation rechnen wir aus heutiger Sicht aber erst wieder für 2014.

Siemens hat bekannt gegeben, sich aus einigen Geschäftsfeldern zurückzuziehen, und plant in diesem Zusammenhang auch personelle Anpassungen. Werden sich diese Maßnahmen auch auf Ihren Bereich auswirken?

Bei diesen Entscheidungen handelt es sich zu einem wesentlichen Teil um Portfolio-Anpassungen, die etwa den Bereich Solarthermie oder andere klar umrissene Unternehmensaktivitäten betreffen. Bei unseren Sitop-Stromversorgungen sind keine strukturellen Anpassungen geplant. Unser weltweites Sitop-Team mit mehreren hundert Mitarbeitern in Entwicklung, Produktion und Vertrieb sehe ich gut positioniert für die zukünftigen Herausforderungen.

Sie haben auf der Hannover Messe Industrie die Anbindung der unterbrechungsfreien Sitop-Stromversorgung an das Industrial Ethernet vorgestellt. Ist das der nächste Schritt in Richtung smarter Automatisierungslösungen?

Seit Siemens 1993 mit der Marke Sitop in das Geschäft mit geregelten Hutschienen-Netzteilen eingestiegen ist, haben wir einen Ansatz verfolgt, der immer über die einzelne Stromversorgung hinausging - bei uns stand immer der Systemgedanke im Vordergrund. Zu nennen sind beispielsweise die optimale Anpassung der Netzgeräte an Automatisierungssysteme wie Simatic S7, Simatic IPC oder Sinumerik. Oder die Erweiterung der Sitop-Netzgeräte mit Redundanzmodul, DC-USV oder Selektivitätsmodulen, die eine zuverlässige Stromversorgung auch bei Fehlern auf der Eingangs- und Ausgangsseite sicherstellen. Es gibt Stromversorgungsspezialisten am Markt, deren Geräte auf einzelne technische Aspekte optimiert sind, doch unser Ziel war es immer, Stromversorgungslösungen anzubieten, die in der Summe den größten Kundennutzen haben und die der Anwender in einer Art »Plug-and-Play« in seine Automatisierungsumgebung einbinden kann. Die Einbindung in smarte Automatisierungskonzepte via Industrial-Ethernet ist in dieser Hinsicht der nächste konsequente Schritt und macht die Hutschienen-Netzteile zu aktiven Bestandteilen eines intelligenten Systems - sei dies nun in Ethernet-Netztwerken oder via Profinet in Totally Integrated Automation (TIA)!

Ist das dann aus Sicht des Stromversorgungsherstellers eine Vorbedingung für die Realisierung von Industrie-4.0-Ansätzen?

Durch die Anbindung an das Industrial Ethernet oder Profinet wird ein ganz neues Level der Transparenz erreicht. Die Datendurchgängigkeit und Online-Fähigkeit dieser Lösung erlaubt nicht nur problemlose Fernwartungsservices, sie stellt dem Anwender auch umfangreiches Datenmaterial wie Betriebs- und Diagnoseinformationen zur Verfügung. So können etwa die Historie von Stromverläufen oder die Störmeldungen in einem Bedien- und Beobachtungssystem (HMI) visualisiert werden. Ganz praktisch im Sinne vorbeugender Wartung: Durch die Netzwerk-Einbindung etwa in existierende Netze wird der Anwender auch rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht, dass die Batterien der DC-USV-Hutschienen-Netzteile aus Altersgründen erneuert werden müssen. In diesem Sinne kann man die Einbindung der Hutschienen-Netzgeräte in das Industrial Ethernet durchaus als notwendige Voraussetzung hin zur Realisierung der Fabrik der Zukunft im Sinne von Industrie 4.0 sehen.

Sie produzieren nach wie vor in Wien und Sibiu. Stand eine Fertigung in Asien, auch angesichts zahlreicher Kunden unter anderem in China, für Sie nie zur Diskussion?

Für uns hat sich die Entscheidung, in Wien die Spezialitäten und in Sibiu die großen Serien zu produzieren, als absolut richtig erwiesen! Der Schritt nach Sibiu hat uns wichtige Kostenvorteile gebracht und die Kompetenz und Motivation unserer Mitarbeiter ist exzellent. Inzwischen haben wir auch ergänzende Entwicklungsaufgaben in Sibiu angesiedelt. In China haben wir 2012 unser Produktmarketing vor Ort ausgebaut und es eng mit dem Produktentwicklungsprozess verzahnt. Einen weiteren Ausbau Richtung Entwicklung und Fertigung will ich nicht ausschließen.

Wie interessant ist aus Ihrer Sicht des Weltmarktführers im Bereich Hutschienen-Netzteile der chinesische Wachstumsmarkt?

Wir beobachten dort seit Jahren ein exorbitantes Wachstum, stellen aber auch fest, dass sich die Marktanforderungen für Hutschienen-Netzteile auf dem chinesischen Markt manchmal erheblich von denen auf den anderen wichtigen Regionalmärkten unterscheiden. Das gilt vor allem für den lokalen Markt in China. Es gibt dort speziell im Bereich der kleineren Geräte mit Ausgangsströmen bis 5 A inzwischen einen hohen Wettbewerbsdruck durch lokale Wettbewerber, die wiederum ihrerseits durchaus den Eintritt in den Weltmarkt suchen. Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass wir auch auf dem lokalen chinesischen Markt von der Reputation und Stärke der Marke »Siemens« profitieren.

Im Bereich der Solarwechselrichter sind SiC-Bauteile bereits Standard, und auch in Industrieanwendungen wird inzwischen über den Einsatz von GaN-Leistungsschaltern diskutiert. Wie steht es im Bereich der DIN-Schienennetzteile um den Einsatz von Wide-Band-Gap-Materialien?

Es ist natürlich wichtig, sich Alternativen wie SiC bei möglichen Applikationen, wie etwa einem bis 900 V einsetzbaren DC/DC-Wandler, im Detail anzusehen. Wir haben das getan, die Schaltungen dann aber anders gelöst, weil SiC-Kompenenten bei Hutschienen-Netzteilen ihre Vorteile entweder nicht wirklich ausspielen können oder noch deutlich zu teuer sind. GaN hat ganz klar Vorteile, diese liegen aber im Bereich niedrigerer Spannungen; aber auch hier sind die Kosten für die Komponenten noch sehr hoch. Im Bereich der Standard-DIN-Schienennetzteile gehen wir davon aus, dass klassische Siliziumlösungen auf absehbare Zeit noch etliche Optimierungsmöglichkeiten bieten, um bestehende Schaltungskonzepte noch besser zu nutzen und den Kunden kostengünstige Produkte zu bieten.