Punkt-zu-Punkt-HGÜs sind kurzsichtig »Overlay-Netze müssen kommen!«

Dr. Anne-Katrin Marten: »Das Thema ist relativ neu, hat aber eine sehr hohe Relevanz: Es ist ratsam, schon bald den Aufbau vermaschter HGÜ-Overlay-Netze seitens Netzbetreiber zu betrachten.«
Dr. Anne-Katrin Marten: »Das Thema ist relativ neu, hat aber eine sehr hohe Relevanz: Es ist ratsam, schon bald den Aufbau vermaschter HGÜ-Overlay-Netze seitens Netzbetreiber zu betrachten.«

HGÜ-Multi-Terminal-Projekte sind in China schon da, vermaschte HGÜ-Netze werden kommen. Mit ihrer Dissertation, die den Dr. Wihelmy-VDE-Preis gewonnen hat, macht Dr. Anne-Katrin Marten auf die Dringlichkeit des Themas aufmerksam – und zeigt einen realistischen Weg, solche Netze hier aufzubauen.

Markt&Technik: In der öffentlichen Diskussion fällt der Begriff eines HGÜ-Overlay-Netzes für Deutschland und sogar für Europa häufig, die HGÜ-Trassen von Nord nach Süd befinden sich in Deutschland im Bau. Was war an Ihrer Doktorarbeit mit dem Titel »Operation of meshed High Voltage Direct Current (HVDC) overly grids« so neu?

Dr. Anne-Katrin Marten: Dass es sich um die Betrachtung vermaschter HGÜ-Netze handelte. Die Netzbetreiber fokussieren heute noch auf Punkt-zu-Punkt-Verbindungen, nicht auf vermaschte Netze. Vermaschte Netze sind heute ausschließlich ein Thema für die Wissenschaft und selbst auf dieser Ebene habe ich Neuland betreten. Vermaschte HGÜ-Netze würden den nächsten Evolutionsschritt der europäischen Transportnetze darstellen.  

Derzeit reicht es doch vollkommen aus, die HGÜ-Stromautobahnen zu bauen, um das Problem der Erzeugung im Norden und des hohen Verbrauchs im Süden zu lösen?

Die aktuell geplanten Trassen sollen 2 GW und mehr haben. Dafür benötigt man Redundanzen im gesamten Netz. Im Drehstromnetz sieht man, dass hohe Versorgungszuverlässigkeit wirtschaftlich nicht mit Punkt-zu-Punkt oder Multi-Terminal-Verbindungen zwischen Kraftwerken und Lasten erreicht werden kann, sondern nur mit einem vermaschten Netz, das mehrere redundante Transportwege für die elektrische Leistung schafft.

Die Frage lautet also: Wenn die HGÜ-Technologie einmal da ist, wie kann sie zu den zukünftigen bedarfsfolgenden Netzerweiterungen wirtschaftlich beitragen und wie muss deren Weiterentwicklung aussehen? Dann kommt man früher oder später zu einer vermaschten HGÜ-Netzstruktur. Wir transformieren gerade das gesamte elektrische Energiesystem, dies ist getrieben von einer sehr starken Nutzung erneuerbarer Energien.

Daher kommen aus technischen und wirtschaftlichen Gründen nun HGÜ-Leitungen zum Einsatz, deren eingebetteter Charakter an sich schon enormen Neuheitswert hat. Wenn hier positive Betriebserfahrung gesammelt worden ist, ist mit fortschreitender Transformation des Energiesystems die Erweiterung hin zu einem HGÜ-Netz durchaus möglich und unter Umständen auch technisch wie wirtschaftlich sinnvoll.