Kommentar Mal wieder auf den letzten Drücker

Engelbert Hopf, Chefreporter Markt&Technik

Am 1. Dezember tritt die EN60950 2nd Edition in Kraft. Trägt ein Endgerät sein CE-Zeichen auf Basis der Niederspannungsrichtlinie und nach dem Anwendungsbereich der EN60950, verliert es, wenn es Komponenten und Subsystemen nach EN60950 1st Edition enthält, dann sein CE-Zeichen.

Irgendwie scheint es in der Natur des Menschen zu liegen, wohlgemeinte Ratschläge und Aufforderungen so lange zu ignorieren, bis es fast zu spät ist. Wer Kinder hat, kann ein Lied davon singen. Die wohlgemeinte Aufforderung, sich doch wärmer anzuziehen, wird ignoriert. Früh übt sich offenbar, wer dann im Berufsleben Warnungen und Hinweise außer Acht lässt.

Ein gutes Beispiel sind neue Normen oder, noch besser, Aktualisierungen und Nachbesserungen bestehender Normen. Sich mit dieser trockenen Materie zu befassen, ist nicht wirklich prickelnd, und so werden notwendige, an Zeitvorgaben gebundene Schritte auf die lange Bank geschoben.

Aktuellstes Beispiel ist das Inkrafttreten der EN60950 2nd Edition zum 1. Dezember 2010. Vereinfacht ausgedrückt, verliert derjenige, der nach dem 1. Dezember Subsysteme wie Stromversorgungen und Komponenten einsetzt, die der EN60950 1st Edition entsprechen, die CE-Zertifizierung seines Endgeräts. Bekannt ist das zwar seit drei Jahren, die meisten Betroffenen reagieren aber überrascht. Angesichts der Tatsache, dass die Mehrzahl der Betroffenen sich bislang noch nicht näher mit den Auswirkungen beschäftigt hat, wird es letztlich eine Übergangsfrist von einigen Monaten geben.

Ende letzten Jahres wurde ein ähnliches Problem mit einer Verlängerung der Übergangsfrist gelöst. Damals hatte der EU-Maschinenausschuss eine Gnadenfrist für die anstehende Umsetzung der Safety-Norm EN 954-1 beschlossen. Ob es dieses Mal zu einer ähnlichen Aktion kommen wird, ist derzeit nicht absehbar. Auch im Vorjahr wurde die Gewährung der Gnadenfrist kontrovers bewertet: Sie verschaffte zwar einerseits der Branche die Luft, sich auf die Bestimmungen der Nachfolgenorm vorzubereiten, bestrafte aber letztlich die, welche die Umstellung nicht auf die lange Bank geschoben hatten.

Einer der Gründe, warum Hersteller die Umsetzung von Normänderungen nicht unbedingt priorisieren, mag mit zurückliegenden Ereignissen zu tun haben: Ende der 1990er-Jahre ging es u.a. im ITK-Bereich um die Einführung des Power-Factor-Correction-Features.

Es bedurfte letztlich zweier Anläufe, um in einem mehrjährigen Prozess diese Norm am Markt zu installieren und umzusetzen. Wer als Technologieführer eine schnelle Umsetzung der Norm vorantrieb, wurde letztlich bestraft.

Diese Erfahrungen mögen dazu geführt haben, dass über die EU eingesteuerte Normänderungen immer häufiger auf den letzten Drücker umgesetzt werden. Wobei wohl eine Rolle spielen dürfte, dass sich die meisten kleinen und mittelständischen Unternehmen keine Stabsabteilungen leisten können, welche die Umsetzung solcher Normänderungen begleiten können.

Im Regelfall hängt die Verantwortung dann am Eigentümer oder Firmengründer, und dessen Hauptfokus dürfte speziell in den letzten Monaten darauf gerichtet gewesen sein, trotz Lieferengpässen seine Produktion irgendwie am Laufen zu halten. Alles andere hatte wohl nachgeordnete Priorität.

Ihr Engelbert Hopf